„Die Welt arbeitet im China-Speed“

Seeger-Orbis ist führend bei innovativen Befestigungslösungen. Trotzdem muss sich das Traditionsunternehmen nun neu erfinden. Geschäftsführer Jan Schmidt erklärt, weshalb.

Seeger-Ringe halten Bauteile in Maschinen und Anlagen sicher zusammen. Die Produkte der Firma SEEGER ORBIS aus Königstein sind in jedem Auto zu finden – und so berühmt, dass der Markenname zum technischen Allgemeinbegriff wurde. Dennoch kämpft das Unternehmen mit Umsatzrückgängen und steckt mitten in der Restrukturierung. Geschäftsführer Jan Schmidt erklärt im Gespräch mit aktiv, wie sich der Weltmarkführer neu aufstellt.

Herr Schmidt, was zeichnet Seeger-Orbis aus?

Wir sind der Weltmarktführer für Befestigungselemente sowie Sicherungs- und Sprengringe. Und wir entwickeln maßgeschneiderte Hochleistungsringe für moderne Antriebe. Unsere Ringe gibt es von winzig klein bis zu einem Durchmesser von über einem Meter – die größten braucht man zum Beispiel in Windkraftanlagen.

Prduktionsleiter Stefan Mangold und CEO Jan Schmidt (rechts), hier an einer vollautomatischen Drahtfädel-Anlage für die Ringe.
Produktionsleiter Stefan Mangold und CEO Jan Schmidt (rechts), hier an einer vollautomatischen Drahtfädel-Anlage für die Ringe.

Bestehen alle Seeger-Ringe aus Federstahl?

Nein, es gibt Ringe aus Edelstahl und Federstahl, obwohl wir hauptsächlich Produkte aus Federstahl fertigen. Je nach Kundenanforderung werden unsere Produkte individuell ausgelegt und hergestellt, um die notwendigen Kriterien zu erfüllen. Ein Seeger- Ring von uns hat immer Spitzenqualität, darauf kann man sich verlassen.

Das Unternehmen hat eine wechselvolle Geschichte …

... mit wechselnden Eigentümern. 1917 von Willi Seeger in Frankfurt aufgebaut, wurde der Betrieb 1949 hier in Königstein neu gegründet. 1970 übernahm die schwedische SKF-Gruppe, 1995 wurden wir an die US-amerikanische TransTechnology Corporation verkauft, 2002 dann an den US-Konzern Barnes Group. Seit 2020 gehört SEEGER ORBIS der deutschen Kajo Neukirchen-Gruppe.

Was hat sich dadurch geändert?

Die Gruppe wurde 2003 von dem Manager und Unternehmenssanierer Dr. Kajo Neukirchen gegründet, heute gehört sie der zweiten Familiengeneration. Das Interesse der Familie gilt langfristigen Investitionen in mittelständische Unternehmen mit eigener Produktion, internationaler Ausrichtung und Wachstumspotenzial. All das bietet SEEGER ORBIS, zumal wir seit 2013 auch einen Produktionsstandort im chinesischen Tianjin haben. Allerdings ist auch klar, dass wir hier viel verändern müssen, damit sich das Unternehmen auch in Zukunft von Deutschland aus am Markt behaupten kann. Und genau dabei unterstützt uns die Kajo Neukirchen-Gruppe.

Sie kamen vor einem Jahr als CEO, um die Neuaufstellung voranzutreiben. Warum fiel die Wahl auf Sie?

Wahrscheinlich, weil ich in meinem bisherigen Berufsleben gezeigt habe, dass ich dranbleibe und auch schwierige Aufgaben meistere. Beim Verbindungstechnikspezialisten Norma Group war ich schon vor Jahren in Restrukturierungsprojekte eingebunden, danach bei der Schunk Group unter anderem als Geschäftsführer der Carbon Technology verantwortlich für die Produktion in 16 Werken weltweit.

Gut verpackt: Produktionsmitarbeiter beim Einschweißen von Seeger-Ringen in Folie. Künftig soll das automatisch erfolgen
Gut verpackt: Produktionsmitarbeiter beim Einschweißen von Seeger-Ringen in Folie. Künftig soll das automatisch erfolgen

Sie haben auch als Mechatroniker in der Produktion gearbeitet, ehe Sie nach Weiterbildung und Studium ins Management wechselten. Ist es ein Vorteil, dass Sie aus der Fertigung kommen?

Ja, ganz sicher. Ich weiß, wie man Maschinen bedient, wie sie funktionieren und wie man das Beste aus ihnen herausholt. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, was Menschen in der Produktion leisten und wie man sich fühlt, wenn man nachts in der Schicht auf den Beinen war. Aber ich habe auch gesehen, was Menschen in China leisten, wie ehrgeizig sie sind und wie schnell sich dort alles entwickelt. Und genau diese Geschwindigkeit muss uns auch hier vorantreiben. Die Industriewelt arbeitet im „China-Speed“, ob uns das passt oder nicht. Wir müssen da mithalten oder wir sind weg vom Fenster.

Was meinen Sie mit China-Speed?

Die Industrie in China entwickelt sich rasant, dank internationaler Nachfrage und durch staatliche Unterstützung. China geht proaktiv auf Unternehmen zu. um beim Auf- und Ausbau eines Werks zu helfen. Das Land garantiert bei Kreditverträgen niedrige Zinsen, man bringt uns mit potenziellen Kunden zusammen und schafft viele weitere Investitions-Anreize. Wir werden zum Jahreswechsel innerhalb von Tianjin China umziehen und können aufgrund von staatlichen Förderungen neun Monate mietfrei produzieren. Unser Werk dort wächst, zählt 45 Beschäftigte, und wir beliefern von dort hauptsächlich Kunden aus Asien.

Und wie sieht es in Deutschland aus?

In Deutschland läuft man allem hinterher, muss sich durchfragen, wird vertröstet und kämpft überall mit der Bürokratie. Bis wir hier alles bedacht und ausdiskutiert haben, ist ein anderer schon am Markt. Hier wachsen stetig Aufwand und Kosten, aber leider nicht die Umsätze. Für SEEGER ORBIS heißt das: Wir müssen schnell umbauen, digitaler und produktiver werden. Unsere Projekte zur Restrukturierung laufen schon. Dazu gehört leider auch Stellenabbau.

Heißer Job: Maschinen- und Anlagenführer richtet gebündelte Seeger-Ringe am Einlauf in die Härtungsanlage.
Heißer Job: Maschinen- und Anlagenführer richtet gebündelte Seeger-Ringe am Einlauf in die Härtungsanlage.

Was tun Sie, damit die Belegschaft die Restrukturierung unterstützt?

Ich setze auf Ehrlichkeit und einen respektvollen Umgang auf allen Ebenen, bei der Betriebsversammlung wie im direkten Gespräch. Man muss Richtung und Ziel definieren, den Nordstern vorgeben. Dann können Menschen auch folgen. Und sie tun es. Inzwischen bekomme ich aus der Belegschaft viel positive Resonanz. Viele haben selbst gemerkt, was hier in der Vergangenheit nicht gut lief, und wollen die Veränderung. Aber natürlich gibt es auch Kritik, und der muss man sich stellen. Ein herausfordernder Teil ist die Kommunikation in so einem Veränderungsprozess, denn man muss die Menschen wirklich erreichen und auch einbinden.

Was stimmt Sie optimistisch?

Unsere tolle, sehr qualifizierte Belegschaft. Sie kämpfen, um das Werk weiterzuentwickeln. Und unser hervorragendes Produkt. Wir sind der Technologieführer, punkten, wenn es zum Beispiel um große Ringe geht, um Sonderanwendungen oder auch um Anwendungen im Hochdrehzahlbereich. Selbst in China ist der Name Seeger ein fester Begriff für „German Quality“. Man schätzt deutsche Qualität und will sie haben. Und wir arbeiten hart daran, dass das so bleibt.

SEEGER ORBIS ist Mitglied bei Hessenmetall, sie selbst sind Vorstandsmitglied von HESSENMETALL Rhein-Main. Warum engagieren Sie sich dort?

Die Experten von HESSENMETALL unterstützen uns bei unserer Restrukturierung beratend und machen dabei einen tollen Job. Am Standort Deutschland muss sich dringend etwas ändern. Die Entwicklung unseres Unternehmens ist ja nur ein Beispiel von vielen. Und wenn man etwas verändern möchte, sollte man sich meines Erachtens auch einbringen, engagieren und Einfluss nehmen, damit sich Dinge tatsächlich auch ändern. Deshalb bin ich dabei.

Qualitätskontrolle: Das regelmäßige Überprüfen der frisch produzierten Seeger-Ringe
Qualitätskontrolle: Das regelmäßige Überprüfen der frisch produzierten Seeger-Ringe

Zur Person:

  • Jan Schmidt, geboren 1980 in Fulda
  • Norma Group: Ausbildung zum Mechatroniker, Feinwerkmechanikermeister, berufsbegleitend Betriebswirtschaftsstudium, verschiedene Management-Positionen, auch international
  • Schunk Group: verschiedene Management-Positionen, Verantwortung für die Produktion in Werken weltweit
  • Seeger-Orbis: seit 2025 Geschäftsführer und CEO

 

Interview: Maja Becker-Mohr // Fotos: Gerd Scheffler und ivgenia_moebus_photography

Kontakt

SEEGER-ORBIS GmbH

Wiesbadener Str. 243
61462 Königstein

D: + 49 6174 205-0
E-Mail: info@seeger-orbis.de

https://www.seeger-orbis.de