Ein Forum für Standortfragen, die nicht warten
Zu dem Industriekongress, der erstmals gemeinsam von den Verbänden HESSENMETALL, HessenChemie und VCI Hessen durchgeführt wurde, kamen rund 200 Vertreterinnen und Vertreter aus Unternehmen, Wissenschaft und Politik, um einen Nachmittag lang über die aktuelle Lage, relevante politische Handlungsfelder sowie die Zukunft des Industriestandorts Hessen zu reden.
Dass es der Industrie alles andere als gut geht, zeigte der Ökonom Hanno Kempermann vom Forschungsinstitut IW Consult anhand konkreter Zahlen. Demnach ist Hessens Industrie immer noch für rund 72,4 Milliarden Euro Wertschöpfung verantwortlich und mehr als 720.000 Arbeitsplätze hängen direkt und indirekt von ihr ab. Doch sie schrumpft seit Jahren – und zwar mehr als der Bundesschnitt. So sank die Industriequote im Land seit 2016 um 4,2 Prozentpunkte. Zeitgleich gingen rund 28.000 Industriearbeitsplätze verloren. Sollten die Automobilhersteller ihre Ankündigungen wahr machen, könnten bis 2030 weitere folgen. „Gerade in ländlichen Räumen wird das zum Problem, denn ohne Industrie fehlt es an Wachstum und Wohlstand“, so Kempermann.
Grundlage seiner Ausführungen waren die wichtigsten Ergebnisse der Studie „Die Industrie als Treiber von Produktivität und Innovation für ein starkes Hessen“. Das von den Verbänden beauftragte „Industrie Dashboard Hessen“ macht kontinuierlich die Entwicklung zentraler Kennzahlen zur Produktivität, Beschäftigung und Standortentwicklung sichtbar. Damit werde für jeden Interessenten nachvollziehbar, ob die politischen Maßnahmen auch Wirkung zeigen. https://www.hessenmetall.de/themen-services/konjunktur-benchmarks/industrie-dashboard-hessen.html
Kaweh Mansoori, hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum, betonte in seinem politischen Impulsvortrag: „Hessen ist ein starkes Industrieland. Und ich will, dass das auch für die nächste Generation gilt: mit guten und sicheren Arbeitsplätzen und echten Perspektiven.“ Dafür müssten Unternehmen hier investieren können und gute Ideen schneller zu neuen Produkten werden.“
Woran das manchmal scheitert, erläuterte unter anderem ein Unternehmer aus dem Kreis Offenbach, der für den Bau einer Lagerhalle mit einem Investitionsvolumen von 4 Millionen Euro bereits seit 18 Monaten auf die BImSchG-Genehmigung des Regierungspräsidiums Darmstadt warte. Anderthalb Jahre, in denen er langsam die Lust auf die Investition verliere.
Birgit Seeger, CEO des Verbindungselemente-Herstellers Norma aus Maintal, nannte als Beispiel das langwierige Procedere, um kurzfristig zum Beispiel Zusatzschichten am Wochenende möglich zu machen. Wenn der Laden brummt, dauere es in Deutschland manchmal Wochen, bis die Firma die Genehmigung für Wochenendschichten habe. „An anderen Standorten geht das sofort“, so die Unternehmerin. In der Konsequenz gingen Aufträge und die damit verbundene Arbeit dann an leider an andere Standorte.
Letztlich sei es ein Mix aus vielen Gründen, die Unternehmen veranlasse, lieber in Standorte in anderen Ländern zu investieren, erklärte Dr. Stefan Ruppert, stellvertretender Vorsitzender von HessenChemie und Vorstandsmitglied bei B.Braun aus Melsungen. Das Medizintechnik-Unternehmen ist in 64 Ländern weltweit vertreten und wie Ruppert betonte, seien die Arbeitskosten schon in Italien und Spanien nur halb so hoch und sogar in der Schweiz oft niedriger als in Deutschland – was vor allem an den hohen Sozialabgaben bei uns liege. Der Jurist: Derzeit machen hohe Sozialabgaben und Steuern, eine über Jahre verschleppte Staatsmodernisierung und ein im internationalen Vergleich zu geringes Arbeitsvolumen den Unternehmen das Leben schwer.“ Entscheidend sei deshalb nun, diese strukturellen Belastungen konsequent zu senken und das Land wieder zu einem Standort zu machen, an dem sich Investitionen, Leistung und Beschäftigung lohnen.
Unterstützung bei dieser Forderung bekam er dabei auch von Baldassare La Gaetana, CEO der Aqseptence Group aus Aarbergen, einem weltweit führenden Anbieter von Systemlösungen im Bereich Filtration. „Deutschlands Engpass ist nicht der Erfindergeist, sondern seine Entfaltung und so machen hohe Energie- und Arbeitskosten, Bürokratie und eine Vermeidungskultur Möglichmacher zu Verwaltern des Stillstands“, betonte der Unternehmer. Die Probleme seien lange bekannt und es bringe wenig, nur darüber zu klagen. „Wir müssen Zuversicht haben und unsere Mitarbeiter ermutigen, neue Wege zu gehen und dabei auch Fehler machen zu dürfen.“ Nur durch Innovation könne Hessen aus der Krise kommen.
„Ein politisches Weiter-so können wir uns nicht leisten“, ergänzte Dr. Joachim Kreysing, Geschäftsführer von Infraserv Höchst und Vorstandsvorsitzender des VCI Hessen. Hohe Energiekosten und immer neue bürokratische Belastungen zehrten zunehmend an der Substanz des Industriestandorts Hessen. Wettbewerbsfähige Energiepreise, schnellere Genehmigungen und weniger Regulierung seien erste wichtige Schritte, die das Land beeinflussen können. Kreysing. „Angesichts geopolitischer Unsicherheiten und eines zunehmend intensiven internationalen Wettbewerbs braucht es jetzt entschlossene Reformen, um neue Investitionen zu ermöglichen und einer schleichenden Deindustrialisierung entgegenzuwirken.“
So machten die Wiesbadener Gespräche deutlich, dass die Industrie jetzt verlässliche Rahmenbedingungen braucht, die ihre Wettbewerbsfähigkeit stärkt. Energiepreise, Genehmigungsverfahren, Bürokratie und Investitionsbedingungen entscheiden darüber, wo Unternehmen künftig produzieren. Die drei Verbände setzen deshalb den Austausch mit der Landesregierung fort, damit Hessen ein wettbewerbsfähiger Industriestandort bleibt.