Hessens Industrie im Schulterschluss: Wirtschaft fordert bessere Standortbedingungen
Wiesbaden – Die Industrie arbeitet produktiv, bezahlt attraktive Löhne, treibt Forschung und Innovation voran und sichert Arbeitsplätze. Doch der Industriestandort steht unter erheblichem Druck. Die starken Industriezweige Chemie und Pharma sowie Metall und Elektro diskutieren deshalb erstmals gemeinsam bei den Wiesbadener Gesprächen mit rund 200 Vertreterinnen und Vertretern aus Unternehmen, Wissenschaft und Politik über die aktuelle Lage, relevante politische Handlungsfelder sowie die Zukunft des Industriestandorts Hessen.
Rund 72,4 Milliarden Euro Wertschöpfung hängen in Hessen direkt und indirekt von der Industrie ab. Mehr als 720.000 Arbeitsplätze sind mit der industriellen Tätigkeit verbunden. Doch hohe Energie- und Arbeitskosten, Bürokratie, Fachkräftemangel und ein verschärfter internationaler Wettbewerb belasten die Unternehmen. Dies ist keine konjunkturelle Entwicklung, sondern Teil eines strukturellen Trends, der den Industriestandort Hessen zunehmend belastet.
HessenChemie, HESSENMETALL und VCI Hessen nutzen die Veranstaltung, um die Lage einzuordnen und konkrete politische Prioritäten zu benennen. Im Mittelpunkt steht die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts, die Sicherung industrieller Arbeitsplätze und die Frage, wie Investitionen wieder stärker in Hessen ermöglicht werden können.
Hanno Kempermann (IW Consult) stellt als Grundlage der Diskussion die wichtigsten Ergebnisse der Studie „Die Industrie als Treiber von Produktivität und Innovation für ein starkes Hessen“ vor. Das von den Verbänden beauftragte „Industrie Dashboard Hessen“ macht kontinuierlich die Entwicklung zentraler Kennzahlen zur Produktivität, Beschäftigung und Standortentwicklung sichtbar. Damit wird für jeden Interessenten nachvollziehbar, ob die politischen Maßnahmen auch Wirkung zeigen.
Kaweh Mansoori (Hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum) betont in seinem politischen Impulsvortrag: „Hessen ist ein starkes Industrieland. Und ich will, dass das auch für die nächste Generation gilt: mit guten und sicheren Arbeitsplätzen und echten Perspektiven. Dafür müssen Unternehmen bei uns investieren können und gute Ideen schneller zu neuen Produkten werden. Das gelingt nur gemeinsam – mit den Unternehmen und den Beschäftigten, die Hessens Industrie jeden Tag stark machen.“
Industriearbeitsplätze zu erhalten, ist für Dr. Stefan Ruppert (B. Braun), stellvertretender Vorsitzender von HessenChemie eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufgabe: „Gute und sichere Beschäftigung stärkt Wohlstand, Teilhabe und den Zusammenhalt unseres Landes. Derzeit machen aber hohe Sozialabgaben und Steuern, eine über Jahre verschleppte Staatsmodernisierung und ein im internationalen Vergleich zu geringes Arbeitsvolumen den Unternehmen das Leben schwer. Entscheidend ist deshalb, diese strukturellen Belastungen konsequent zu senken und das Land wieder zu einem Standort zu machen, an dem sich Investitionen, Leistung und Beschäftigung lohnen.“
Baldassare La Gaetana (Aqseptence Group): „Deutschlands Engpass ist nicht der Erfindergeist, sondern seine Entfaltung. Hohe Energie- und Arbeitskosten, Bürokratie und eine Vermeidungskultur machen Möglichmacher zu Verwaltern des Stillstands. Wo Risiken systematisch stärker gewichtet werden als Chancen, verliert Innovation an Geschwindigkeit und verlagert sich dorthin, wo Gestaltung vor Absicherung, Chancen vor Risiken und Ermöglichen vor Verhindern steht.“
Dr. Joachim Kreysing (Infraserv Höchst), Vorstandsvorsitzender VCI Hessen, ordnet die aktuelle Lage der Pharma- und Chemieindustrie ein und stellt fest: „Der Druck auf die hessische Chemie- und Pharmaindustrie bleibt hoch. Hohe Energiekosten und immer neue bürokratische Belastungen zehren zunehmend an der Substanz unseres Industriestandorts. Ein politisches Weiter-so können wir uns nicht leisten. Wettbewerbsfähige Energiepreise, schnellere Genehmigungen und weniger Regulierung sind erste wichtige Schritte, die wir selbst in der Hand haben. Angesichts geopolitischer Unsicherheiten und eines zunehmend intensiven internationalen Wettbewerbs braucht es jetzt entschlossene Reformen, um neue Investitionen zu ermöglichen und einer schleichenden Deindustrialisierung entgegenzuwirken“, so Kreysing.
Die Wiesbadener Gespräche machen deutlich, dass die Industrie jetzt verlässliche Rahmenbedingungen braucht, die ihre Wettbewerbsfähigkeit stärkt. Energiepreise, Genehmigungsverfahren, Bürokratie und Investitionsbedingungen entscheiden darüber, wo Unternehmen künftig produzieren. Die drei Verbände setzen deshalb den Austausch mit der Landesregierung fort, damit Hessen ein wettbewerbsfähiger Industriestandort bleibt.
Konjunkturelle Entwicklung im Überblick:
- Die Chemie- und Pharmabranche erzielte 2025 einen Umsatz von 31 Milliarden Euro und steht für rund 25 Prozent des hessischen Industrieumsatzes.
- Auch im 1. Halbjahr 2026 setzt sich der negative Trend der letzten Jahre fort: Die Produktion der hessischen Chemie- und Pharmaindustrie lag bisher 3,5 Prozent unter Vorjahr. Auch beim Umsatz blieb die Trendwende bisher aus (minus 0,6 Prozent).
- Die hessische Metall- und Elektroindustrie erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von über 70 Milliarden Euro und damit über die Hälfte des Gesamtumsatzes der hessischen Industrie.
- Die hessische M+E-Industrie steht weiter unter Druck: Das Umsatzplus von 7,6 Prozent im ersten Halbjahr beruht auf Sondereffekten, insbesondere in der Verteidigungswirtschaft, während Elektroindustrie und Maschinenbau Rückgänge verzeichnen. Der Stellenabbau setzt sich unvermindert fort. Seit dem Höchststand 2018 gingen über 34.000 Arbeitsplätze verloren.
Ansprechpartner
Arbeitgeberverband Chemie und verwandte
Industrien für das Land Hessen e.V.
Roland Boros
Pressesprecher
Telefon: 0611 710640
Mobil: 0162 2710646
E-Mail: boros@hessenchemie.de
HESSENMETALL - Verband der Metall- und
Elektro- Unternehmen Hessen e.V.
Patrick Schulze
Geschäftsführer Kommunikation und Presse
Telefon: 069 95808-150
Mobil: 0172 7261295
E-Mail: patrick.schulze@hessenmetall.de
Verband der Chemischen Industrie e.V.
Landesverband Hessen (VCI Hessen)
Johanna Pöhland
Pressesprecherin
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Mobil: 0171 6440409
E-Mail: poehland@vci.de