„Präzise messen, ob alles läuft“

Das Darmstädter Start-up HCP Sense verhindert den Stillstand von Maschinen durch Lagerschäden. Wie das funktioniert, erklärt Geschäftsführer Ansgar Thilmann im Interview

Auf Ihrer Website findet man große Namen wie Knorr Bremse oder Bosch Rexroth. Wie kommt man als Start-up an solche Kunden?

Die TU Darmstadt hat in der Industrie einen hervorragenden Ruf und gute Kontakte in Unternehmen. Für beide – die Hochschule und die Firmen – ist es eine Win-Win-Situation. Die Unternehmen fördern Forschung und Entwicklung, nutzen die gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse und sind so Wettbewerbern voraus. Die Wissenschaft wiederum ist nah an der Praxis, Absolventen finden leichter Jobs und manchmal ergibt sich – wie bei uns – sogar die Chance, ein neues Unternehmen zu gründen. Weil man sieht, dass es für die eigene Entwicklung einen Markt gibt.

Mit was hat HCP Sense die Firmen beeindruckt?

Mit einer intelligenten Sensorlösung für Wälz- und Gleitlager, die die Schmierung überwacht und rechtzeitig meldet, wenn es eben nicht mehr wie geschmiert läuft.

Die drei Gründer und Geschäftsführer / Foto: ivgenia_moebus_photography
Die drei Gründer und Geschäftsführer / Foto: ivgenia_moebus_photography / Wirtschaftszeitung Aktiv September 2026

Wie funktioniert das genau?

Unsere Technologie misst während des laufenden Betriebs die auf das Lager einwirkende Kräfte, den Schmierungszustand und bereits winzige Schäden, die sonst niemand mitbekommen würde. Dadurch lassen sich Maschinenstillstände durch Lagerschäden verhindern und Wartungsarbeiten besser planen. Letztlich bekommt man so im laufenden Betrieb einen tiefen Einblick in die Maschine. Weil sich Firmen dafür interessierten, hatten Georg Martin und Tobias Schirra dann die Idee, mit der Entwicklung ein eigenes Unternehmen zu gründen, zumal die TU das sehr fördert.

Wie sah die Förderung durch die TU aus?

Sie half uns durch das Gründungszentrum HIGHEST und das EXIST-Forschungstransferprogramm, die HCP Sense zu gründen und die patentierte Technologie aus der Forschung in ein marktfähiges Produkt zu überführen. Zudem konnten wir auf die Infrastruktur und Labore der TU zurückgreifen. Der Zugang zu einem eigenen Labor ist für uns existenziell, da wir ständig neue, kundenspezifische Lösungen entwickeln, die dann auch auf unserem eigenen Prüfstand getestet werden, ehe sie in die Anlage beim Kunden eingebaut werden. Auch da gibt es zunächst Testläufe, ehe der Regelbetrieb beginnt.

Wofür steht HCP Sense?

HCP ist die Abkürzung für den physikalischen Begriff Hertzian Contact Pressure, auf Deutsch: Hertzsche Kontaktpressung. Sie beeinflusst, wie stark sich Wälzkörper und Laufbahn in einem Lager abnutzen und wie lange das Lager hält. Die Schmierung, also Fett oder Öl, sorgen dafür, dass die beiden Oberflächen trotz dieser enormen Belastung möglichst nicht direkt aufeinander reiben. Und unsere Sensoren erfassen all das – englisch „sense“.

Maschinenbauingenieur Nico Kratz
Maschinenbauingenieur Nico Kratz

Wann kamen Sie ins Spiel?

Georg und ich haben uns im Studium kennen gelernt und wurden schnell Freunde. Zeitweise lebten wir sogar in einer WG. Tobi und Georg lernten sich während der Promotion erst kennen. Und während die beiden promovierten sammelte ich Berufserfahrung. Wir hielten immer engen Kontakt. So bekam ich mit, dass sie eine Firma gründen wollten. Als die Idee konkreter wurde, fragten sie mich, ob ich mitmachen möchte. Mit der Gründung startete ich ein zweites Studium und machte dann berufsbegleitend in Ludwigshafen den MBA-Abschluss in Unternehmensführung.

Sie waren von Anfang an gleichberechtige Geschäftsführer. Wer übernimmt welche Aufgaben?

Georg ist für F+E verantwortlich, Tobi für das Projekt- und Produktmanagement und ich für den kaufmännischen Bereich inklusive Akquise. Gerade der Neukundenbereich macht mir großen Spaß.

Reisen Sie viel, um Kunden zu gewinnen?

Ja, sehr viel, auch zu über die deutsche Grenze hinaus. Kundenakquise klappt am besten durch ein persönliches Gespräch. Wir werden empfohlen, finden unsere Kunden aber zunehmend über Messen oder auch Veranstaltungen wie Start-ups X Hessenmetall, die der Arbeitgeberverband für seine Mitgliedsunternehmen anbietet. Bei vielen klassischen M+E-Unternehmen ist mehr Effizienz in der Produktion ein ständiges Thema. Wie wir da helfen können, ergibt sich meist schon bei einem ersten Kontakt, wenn man über konkrete Probleme mit Maschinen spricht. So kamen wir zum Beispiel zu Johannes Hübner, einem Spezialisten für Gebertechnik, oder zum Ventilatoren-Hersteller TROX X-Fans.

Wie viel Mut braucht so eine Gründung?

Mutig war es sicher und wohl auch ein bisschen verrückt. Aber wir waren überzeugt, dass man mit einer guten Idee und guter Arbeit auch gutes Geld verdienen kann. Natürlich braucht man einen langen Atem, aber wir haben alle drei unser Auskommen und knapp 20 Stellen geschaffen. Im Team sind fünf Promovierte, drei Maschinenbauer mit Schwerpunkt Lager und natürlich Informatiker – ohne die geht heute gar nichts mehr.

Wo steht HCP Sense heute?

Zu unseren Kunden zählen inzwischen fast alle deutschen OEM-Automobil- und auch etliche Nutzfahrzeughersteller zu unseren Kunden. Den Weg haben uns die Hersteller von Schmierstoffen geebnet. Für sie machen wir Tests in unserem Labor, da ihnen unsere Sensorlösung viel Zeit Spart. Letztlich hilft unsere Technologie, Autos besser zu machen. So erhöht zum Beispiel im E-Antrieb zu viel Schmierstoff den Energieverbrauch, ist zu wenig drin, geht er schneller kaputt, wenn das keiner merkt. Wir helfen bei der ständigen Herausforderung, Maschinen und damit auch Fahrzeuge zu optimieren.

Die Komponenten der HCP-Sense-Messtechnik
Die Komponenten der HCP-Sense-Messtechnik

Wo sehen Sie aktuell die größte Herausforderung?

In der wirtschaftlichen Lage des deutschen Maschinenbaus inklusive Automobilindustrie. Aus den bekannten Gründen tun sich gerade viele sehr schwer hier zu investieren. Hinzu kommt der Wunsch nach 100 Prozent-Lösungen. Innovationen müssen oft vom Vorstand abgesegnet werden. All das kostet viel Zeit und Geld. Es einfach mit einer 80 Prozent-Lösung zu versuchen wie TESLA-Gründer Elon Musk und im laufenden Prozess zu verbessern ist für sehr viele Großunternehmen nicht vorstellbar. Mittelständisch geführte Firmen sind da schon ganz anders unterwegs. In einem Fall kam ein Entwicklungsleiter mit seinem kompletten Team zu uns. Die haben sich alles genau angeschaut, unseren Vorschlag unter die Lupe genommen und gesagt: Das machen wir. So kann man vorankommen.

Warum haben Sie eigentlich Maschinenbau studiert?

Mein Onkel hat einen Bauernhof. Dort haben mich schon als Kind die Traktoren und anderen Maschinen interessiert. Diese Faszination habe ich mir erhalten und ich liebe es, auf Messen wie die Agritechnica oder die BAUMA zu gehen. Dann freue ich mich, dass mein Hobby zu meinem Beruf gehört.

Wie sehen Sie die Zukunft von HCP Sense?

Weiter vorwärts und bergauf, durchaus auch steil angesichts der aktuellen Wirtschaftslage. Aber mittelfristig haben wir schon die Vision, einmal ein gutes mittelständisches Unternehmen in Hessen zu sein.

Ansgar Thilmann
Ansgar Thilmann

Zur Person:

  • Ansgar Thilmann, geboren 1990 in Bad Kreuznach
  • Ausbildung: Maschinenbaustudium mit Master-Abschluss an der TU Darmstadt
  • Weiterbildung: MBA Unternehmensführung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, berufsbegleitend
  • 2019 bis 2021: Unternehmensberater bei Wieselhuber & Partner in München
  • 2021: Gründer und Geschäftsführer von HCP Sense gemeinsam mit den Ingenieuren Georg Martin und Tobias Schirra.

 

Interview: Maja Becker-Mohr // Fotos: Gerd Scheffler und ivgenia_moebus_photography

Kontakt

HCP Sense GmbH

Robert-Bosch-Straße 7
64293 Darmstadt

Tel.: + 49 (0) 174 1510182
E-Mail: tinfo@hcp-sense.com

https://www.hcp-sense.com