„90 Jobs gesichert und neu aufgestellt“

Chef-Interview: Andre Weißbenner vom Werkzeug-Spezialisten Heck + Becker im mittelhessischen Dautphetal über Mut in schwierigen Zeiten

Heck + Becker im mittelhessischen Dautphetal ist ein international führender Formenbauer für Aluminium-Druckgusswerkzeuge mit über 90 Jahren Erfahrung. Trotz der hohen Expertise geriet das Familienunternehmen in Turbulenzen. Wie die gemeistert wurden, erzählte Geschäftsführer Andre Weißbenner, der die Firma heute in der vierten Generation leitet, im Interview.

Geschäftsführer Andre Weißbenner (links) im Gespräch mit Julian Kamm, Meister in der Qualitätssicherung.
Wirtschaftszeitung Aktiv vom 2. Mai 2026

Herr Weißbenner, hinter Ihnen liegen turbulente Zeiten. Wie kam es dazu?

Letztlich ist für so eine Entwicklung ein ganzer Strauß von Gründen verantwortlich. Unsere Kunden sind Automobilhersteller wie VW, Ford, Mercedes und Jaguar Landrover, aber auch Zulieferer wie Nemak und ZF. Mit unseren Werkzeugen stellen sie Bauteile, zum Beispiel für die Karosserie, im Aludruckguss her. In diesem Markt steht man im harten Wettbewerb. Bei Heck + Becker wurde schon immer kontinuierlich investiert. Unsere Auftragslage war gut und alle hier haben wirklich viel gearbeitet. Aber es blieb einfach immer weniger hängen bei gleichzeitig steigenden Kosten – von der Materialbeschaffung über die Energie bis zu den Lohnnebenkosten. Zudem dauerten manche Prozesse bei uns zu lang und man überlegte schon, wie man dann auch noch notwendige Investitionen im Zuge der digitalen Transformation stemmen sollte.

Wie haben Sie das Unternehmen gerettet?

Das war keine Leistung einer einzelnen Person, sondern ein gemeinsamer Kraftakt vieler Beteiligter im Unternehmen. Ich bin 2015 als Projektingenieur eingestiegen und habe mich neben dem Projektgeschäft auch früh mit Prozessen und Strukturen beschäftigt. In den darauffolgenden Jahren geriet unsere Branche durch mehrere Faktoren massiv unter Druck – von strukturellen Veränderungen in der Automobilindustrie über zunehmenden internationalen Wettbewerbs- und Preisdruck bis hin zur Corona-Krise. Vor diesem Hintergrund haben wir uns Ende 2020 entschieden, das Unternehmen über ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung zu sanieren. Dabei ging es ausdrücklich nicht darum, mit weniger Mitarbeitern einfach so weiterzumachen wie zuvor, sondern Heck + Becker strategisch neu auszurichten und auf unsere wettbewerbsfähigen Kernbereiche zu fokussieren. Im Ergebnis konnten wir rund 90 Arbeitsplätze erhalten und das Unternehmen auf eine stabilere Basis stellen. Nach Abschluss des Verfahrens haben wir zudem einen extern besetzten Beirat als Sparringspartner für das Management etabliert, um bewusst auch einen Blick von außen in unsere Entscheidungen einzubeziehen.
Mir ist wichtig zu betonen: Das war nur möglich, weil viele Kolleginnen und Kollegen sowie externe Unterstützer gemeinsam Verantwortung übernommen haben.

Wie funktioniert die Insolvenz in Eigenregie?

Entscheidend ist, dass man sich gut darauf vorbereitet und schon vorher weiß, was zu tun ist. Man braucht einen guten Sanierungsplan, denn Gericht und Gläubiger müssen davon überzeugt werden, dass man das wirklich packt und am Ende keinem Gläubiger was schuldig bleibt. Das ist uns gelungen. Leider haben dabei einige Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verloren. Das war der bittere Preis. Aber wir haben einen guten Teil unserer Transformation gepackt und bleiben auch weiter dran.

Die Leiterin Qualitätssicherung bei der digitalen Fehleranalyse eines eingescannten Bauteils.

Wie sieht es heute bei Heck + Becker aus?

Wir treiben die Transformation weiter voran, kooperieren eng mit Hochschulen und achten auf eine extrem schlanke Verwaltung. Neben dem Formenbau zeichnen uns besonders unser Prototyping-Verfahren aus, mit dem wir die Entwicklung neuer Fahrzeugplattformen unterstützen. Wir liefern seriennahe Prototypen aus Aluminium-Druckguss in maximal zwölf Wochen. Das spart bis zu einem Jahr Entwicklungszeit. So kann ein OEM (Original Equipment Manufacturer) oder eine Gießerei mit unserem Prozess Teile schneller testen, schneller zur Serienreife kommen und so einen entscheidenden Vorteil im internationalen Wettbewerb sichern. In einer Zeit, in der die Automobil-Industrie weltweit unter enormem Innovationsdruck steht, ist diese Geschwindigkeit ein echter Gamechanger.

Was raten Sie Unternehmen, die noch nicht so weit sind mit der Transformation?

Ich rate ihnen: Hinterfragen Sie Ihre Prozesse und schauen Sie auch nach den „low hanging fruits“. Die findet man, wenn man mit offenen Augen durch den Betrieb geht, mit den Mitarbeitern redet und ihnen auch zuhört. Dann lassen sich oft sogar mit minimalem Aufwand tolle Erfolge erzielen. Und sorgen Sie dafür, dass das Wissen in den cleveren Köpfen ihrer Leute nicht verloren geht, wenn sie in den Ruhestand gehen. Packen Sie es besser mit deren Unterstützung und der Hilfe von KI in unternehmensinterne Datenbanken. Und nicht zuletzt: Schaffen Sie Raum, damit man gemeinsam im positiven Sinne an neuen Ideen spinnen kann.

Was muss sich in Deutschland ändern, damit sich Firmen im internationalen Wettbewerb besser behaupten können?

Am wichtigsten sind sicher die Punkte Energie, Bürokratie und Digitalisierung. Die Energiekosten müssen dringend runter, denn für Strom oder Gas zahlen wir fast doppelt so viel wie Wettbewerber in den USA oder China. Die Bürokratie muss radikal entschlackt werden. Der Dokumentations- und Verwaltungsaufwand bei Genehmigungsverfahren, Umweltauflagen und Berichtspflichten ist kaum noch zu stemmen. Wir brauchen eine Verwaltung, die Unternehmen als Partner sieht und nicht als Antragsteller, die man verwalten muss. Und es muss mehr getan werden für die digitale Infrastruktur.

Seit 40 Jahren im Unternehmen: Der gelernte Stahlformenbauer Marco Hüller

Wie kamen Sie zu Heck + Becker?

Mein späterer Schwiegervater Martin Baumann war bis 2024 der Geschäftsführer von Heck + Becker. Er bot mir einen Ferienjob an, es folgten Praktika und Projektarbeiten. Er wusste, dass ich an der Uni bleiben und gegebenenfalls noch promovieren wollte, aber er überzeugte mich, hierher zu kommen. Denn er hatte auch mitbekommen, dass ich mich mit dem Unternehmen und den Menschen hier schon verbunden fühlte und mich die fast 100jährige Geschichte faszinierte. In jeder Generation war es bei Heck + Becker immer das Bestreben, für eine gute Nachfolgregelung zu sorgen. Und Martin Baumann traute mir zu, dass ich das packen könnte.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Wir haben hier im Unternehmen bewiesen, dass wir uns anpassen können. Und wir haben erkannt: Die kontinuierliche Transformation eines Unternehmens kann dazu beitragen, dass man das oft von außen vorgegebene Tempo erreichen, halten und auch übertreffen kann. So sichert man die Zukunft.


Was ist für Sie eine Herausforderung?

Ich muss schon gut darauf achten, dass neben meinem Pensum als Geschäftsführer die Zeit mit meiner Frau, meinen Kindern und auch für mich selbst nicht zu kurz kommt. Die Verantwortung bringt es mit sich, dass die Arbeit nicht an festen Stunden festzumachen ist. Umso wichtiger ist es, bewusst Ausgleich zu schaffen. Gleichzeitig macht es mir große Freude, hier bei Heck + Becker jeden Tag mit tollen Menschen zusammenzuarbeiten und gemeinsam Dinge voranzubringen.

Warum ist Heck + Becker Mitglied bei HESSENMETALL?

Heck + Becker ist schon seit vielen Jahren Mitglied bei HESSENMETALL und ich freue mich darüber, dass das andere schon vor meiner Zeit entschieden haben. Denn der Verband bietet uns eine hervorragende Expertise rund um Arbeitgeberthemen inklusive Rechtsberatung, die man schnell und unkompliziert abrufen kann. Hessenmetall ist aber auch eine tolle Plattform im Sinne eines Netzwerkes, in dem man sich gut auch mit anderen Unternehmensvertretern austauschen kann – von Ausbildung und Recruiting bis zum Technologietransfer in Kooperation mit hessischen Hochschulen.

Andre Weißbenner

Zur Person:

  • Andre Weißbenner, geboren 1989 in Frankenberg.
  • Abitur in Biedenkopf, anschließend Zivildienst.
  • Studium Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau an der Universität Paderborn, studienbegleitend Praktika und Ferienjobs bei Heck + Becker.
  • 2015 Berufseinstieg als Projektingenieur bei Heck + Becker in Dautphetal.
  • Seit 2024 Geschäftsführer von Heck + Becker.

 

Interview: Maja Becker-Mohr // Fotos: Gerd Scheffler

Kontakt

Heck & Becker GmbH & Co. KG
Gladenbacher Straße 47
35232 Dautphetal-Dautphe
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E-Mail

https://www.heck-becker.com