Welche Rolle spielt Vorbeugung? Wie weit kann sie gehen?
Vorbeugung oder auch Prävention ist der Kern eines modernen Arbeitsschutzes. Prävention zielt darauf ab, Gefährdungen und Belastungen am Arbeitsplatz frühzeitig zu erkennen und diesen entgegenzuwirken, bevor Unfälle oder Gesundheitsschäden überhaupt eintreten. In diesem Kontext ist die Definition von Beinaheunfällen eine relevante Stellgröße, nicht nur physische Beinaheunfälle, sondern auch psychische Beinaheunfälle. (z.B. nicht beachten von Pausenzeiten, Mobbing, erhöhter Stress). Das zentrale Instrument der Prävention im Arbeitsschutz stellt die Beurteilung der Arbeitsbedingungen dar. Arbeitgeber müssen mögliche Gefährdungen und Belastungen, die mit der Tätigkeit im Zusammenstehen, ermitteln, beurteilen und entsprechende Maßnahmen ergreifen, um diesen wirkungsvoll entgegenzuwirken. Dabei spielen auch vorhandene und potenzielle Ressourcen eine wichtige Rolle.
Im Grunde kann Prävention nur funktionieren, wenn alle Akteure im Arbeitsschutz bzw. BGM eng zusammenarbeiten und neben der Beurteilung der Arbeitsbedingungen weitere präventive Maßnahmen im Arbeitsschutz Anwendung finden:
- Technische Schutzmaßnahmen
- Organisatorische Schutzmaßnahmen
- Persönliche Schutzmaßnahmen (persönliche Schutzausrüstung)
- Ergonomische Gestaltung von Arbeitsplätzen
- Schulung und Sensibilisierung der Menschen in der Organisation zur Steigerung der Verhaltensprävention und Stärkung der Arbeitsschutzkultur
- Frühzeitige Betrachtung psychomentaler und psychosozialer Belastungspotenziale (Stress, Mobbing, Führungskultur etc.)
Der Dreh- und Angelpunkt ist hierbei jedoch das Verständnis der Führungskräfte und insbesondere der obersten Leitung für die Bedeutung des Themas. Nur wenn Führungskräfte Prävention in Bezug auf Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz vorleben und aktiv unterstützen, kann dies auch gelingen.
Wie Untersuchungen zeigen, nehmen psychische Belastungen zu. Was kann man dagegen tun?
Die psychischen Belastungen in der Arbeitswelt nehmen nachweislich zu, was u.a. auf Faktoren wie steigenden Arbeitsdruck, Digitalisierung, Multitasking und häufigere Veränderungen zurückzuführen ist. Psychische Belastungen werden in Unternehmen innerhalb der Gefährdungsbeurteilung erhoben. Maßnahmen, um diese Belastungen zu mindern, sind sowohl auf individueller als auch auf organisationaler Ebene notwendig und müssen wiederkehrend auf ihre Wirksamkeit geprüft werden.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass insbesondere Achtsamkeitstraining, regelmäßige Pausen und klare Abgrenzungen zwischen Arbeit und Privatleben (Work-Life-Balance) sehr wirksam sind. Ebenso sind Maßnahmen auf organisationaler Ebene von großer Bedeutung. Dazu gehört eine gesunde Unternehmenskultur, die Förderung eines sozialen Miteinanders und die Unterstützung durch Führungskräfte. Hierbei sind Maßnahmen wie gesundheitsfördernde Arbeitsgestaltung, flexible Arbeitszeiten und psychologische Sicherheit besonders wirksam. Auch die Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit und die Bedeutung der eigenen Rolle immer wieder vermittelt zu bekommen, stärkt das Selbstwertgefühl, fördert Motivation und Resilienz, und hilft, Stress besser zu bewältigen. Führungskräfte, die empathisch handeln, offene Kommunikation fördern und Unterstützung anbieten, spielen eine Schlüsselrolle bei der Reduzierung von Stress im Team.
Wie wichtig ist das Thema Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit, und was kann man selbst für sie tun?
Resilienz beschreibt die Fähigkeit, sich trotz widriger Umstände mental zu stabilisieren und schnell von Stress und Belastungen zu erholen. Menschen mit hoher Resilienz zeichnen sich durch ein aktives, positives Bewältigungsverhalten aus, was es ihnen ermöglicht, auch in schwierigen Phasen stabil zu bleiben. Der Unterschied zwischen Menschen mit mehr oder weniger Resilienz zeigt sich oft in der Art und Weise, wie sie auf Stress reagieren. Personen mit höherer Resilienz sehen in Herausforderungen häufiger Lern- und Wachstumschancen, während weniger resiliente Menschen sich schneller überfordert fühlen und unter Stresssymptomen wie Erschöpfung oder Anspannung leiden. Um Resilienz zu stärken, kann man verschiedene Ansätze verfolgen. Dazu gehören Achtsamkeitstechniken, das Trainieren von kognitiven Bewertungsprozessen (z.B. „Wie bewerte ich eine Situation? Kann ich sie als Lernmöglichkeit sehen?“), der Aufbau eines sozialen Unterstützungsnetzwerks und regelmäßige Reflexion. Studien zeigen, dass resiliente Menschen auch eine ausgeprägte Fähigkeit zur Emotionsregulation haben, d.h., sie können negative Emotionen besser verarbeiten und eine positive Grundhaltung beibehalten. Im Arbeitsalltag hilft es, sich bewusst Pausen zu gönnen, auf Selbstfürsorge zu achten und auch bei hohem Druck realistische Ziele zu setzen, um langfristig belastbar zu bleiben.
Welche Bedeutung hat Resilienz für Unternehmen im Hinblick auf den Arbeitsschutz?
Im Arbeitsschutz geht es nicht nur um die Gesundheit und damit die Resilienz des Individuums, sondern auch um die Resilienz der gesamten Organisation. Der Arbeitsschutz zielt vor allem auf die Gewährleistung von Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz ab. Es geht aber immer auch um den Erhalt der Leistungsfähigkeit der Organisation selbst. Im Grunde ergibt die Summe der Resilienz der Individuen in einer Organisation die Resilienz der Organisation als solche. Wir kennen dieses Phänomen aus Mannschaftssportarten, wo dies gut sichtbar wird. Eine möglichst hohe Resilienz benötigen moderne Organisation, um anpassungsfähig und wandelbar zu sein – insbesondere in einer so schnelllebigen und auf Veränderung sowie Entwicklung ausgerichteten Gesellschaft. Es geht im Arbeitsschutz nicht zuletzt auch darum, dass Menschen sich an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen, gerne zur Arbeit gehen und dadurch ihr volles Leistungspotenzial bereit sind einbringen. Somit wird Arbeitsschutz im Kontext der Resilienz zu einer wichtigen Win-Win-Situation für die Menschen in der Organisation wie auch für die Organisation selbst.