Im Interview: Pia Wagner

Grenzen aufzeigen und präventiv handeln

von Talisa Dean

Ende März hat Kampfsportlerin und Coach Pia Wagner den interaktiven Workshop „Stark fühlen. Sicher auftreten. Gefahren abwehren" für das HESSENMETALL-Netzwerk Frauen in Führung (HMFF) geleitet. In der ersten HMFF-Veranstaltung des Jahres brachte sie über 20 Teilnehmerinnen in unterschiedlichen Einheiten verschiedene körperliche und mentale Techniken näher. Hierfür hatte sie sich mit HMFF im Offenbacher Boxclub STRIKEFIT getroffen, für den sie als Trainerin tätig ist. Im Gespräch berichtet sie über ihren Werdegang, worauf es in Sachen Selbstbehauptung ankommt, und was Unternehmen tun können, um beim Thema zu unterstützen.

Pia, du bist Kampfsportlerin und Trainerin – wie bist du ursprünglich dazu gekommen? Was ist die Faszination?

Ich bin, seit ich 12 Jahr alt war, im Kickboxen. Der Sport hat mich seitdem immer begleitet. Als Teenager habe ich nach einem besonderen Hobby und einem ausgefalleneren Sport gesucht. Bei mir im Heimatort war Kampfsport groß. Also habe ich das direkt mal ausprobiert und bin dabeigeblieben. Kampfsport gibt mir Halt, Disziplin und – durch das Auspowern im Training – ein super Tool, um negative Emotionen loszuwerden und den Kopf freizukriegen. Es gibt für mich kein besseres Gefühl als nach dem Training! Daraus hat sich auch meine Trainerinnentätigkeit ergeben. Es macht mir Spaß, Menschen dabei zu helfen, sich weiterzuentwickeln und sie auf dem Weg zu der besten Version ihrer Selbst zu begleiten – einfach eine erfüllende Aufgabe.

Du bist außerdem Gründerin der Organisation „SchutzLicht“. Wie kam es dazu?

Ich habe es durch Selbstbehauptung in meinem eigenen Leben aus einer gewaltvollen Beziehung geschafft, und auf meinem eigenen Weg zurück zu mir selbst schnell gemerkt, wie vielen Menschen – und vor allem Frauen – es leider ähnlich geht. Nach meiner Erfahrung habe ich kein Angebot gefunden, was genau dem entsprochen hat, was ich zur Selbstverteidigung gebraucht habe. Da dachte ich mir: Dann schaff ich das Angebot selbst! Die Idee und Nachfrage waren da – ich hatte ja zuerst eine Selbsthilfegruppe gegründet –, also habe ich das Ganze auch in diesem Fall einfach ausprobiert und mein eigenes Ding gemacht. Es haben sich in kurzer Zeit unglaublich viele Leute bei mir zum Thema gemeldet – bis heute. Inzwischen bin ich unter anderem als Kickbox- und Mentaltrainerin lizensiert und ausgebildete Krankenschwester. Aktuell studiere ich Sportwissenschaften und blicke auf jahrelange Erfahrung als Clubleiterin in Offenbach zurück.

Was ist dir am wichtigsten, wenn es darum geht, was Teilnehmerinnen aus den Selbstverteidigungsworkshops mit dir mitnehmen?

Ich lege einen besonderen Fokus auf Mindset. Die persönliche Einstellung und das Bewusstsein für Gefahrensituation im Alltag sind entscheidend. Im Idealfall lernen Teilnehmerinnen, mehr auf ihr Bauchgefühl zu hören und präventiv zu handeln. Entscheidend ist es auch, Grenzen aufzuzeigen: Sowohl im räumlichen oder körperlichen als auch im übertragenen Sinne und ohne sich ständig Gedanken darüber zu machen, was andere von einem denken könnten. Es ist wichtig, für sich selbst einzustehen. Wenn sich in einer leeren U-Bahn eine fremde Person genau neben mich setzt und mich das stört, dann stehe ich auf. Wenn mir auf dem Heimweg jemand komisch vorkommt, kann ich zum Beispiel über die Frontkamera die Lage hinter mir checken, in ein Café abbiegen oder mit einer vertrauten Person telefonieren, um abzuschrecken und mich in eine vorteilhaftere Lage zu bringen. Es ist wichtig, diese Tools gut zu kennen, um sie im Ernstfall parat zu haben – so wie die Notrufnummer.

Was sind die größten Fehleinschätzungen, die dir hinsichtlich Selbstverteidigung begegnen?

Unter anderem, dass Teilnehmerinnen sofort mit extrem schwierigen Manövern einsteigen wollen. Ich werde oft zu Beginn von Workshops gefragt, wie man sich am besten aus dem Schwitzkasten befreit oder einen Messerangriff abwehrt. Das sind komplizierte Szenarien. Wichtig ist es, zunächst die Basics zu kennen und zu üben – und das besser heute als morgen und egal, auf welchem Fitnesslevel man sich befindet. Aller Anfang ist schwer, aber es lohnt sich, schnellstmöglich loszulegen, sich auszuprobieren und so voranzukommen. Das ist auch eine bessere Strategie, als sich nur über Geräte ein vermeintliches Sicherheitsgefühl zu verschaffen. Wenn man Pfefferspray – das im Übrigen nicht alle einfach so mit sich führen dürfen – zum Beispiel nicht richtig einsetzen kann oder im Ernstfall eine ungünstige Konstellation den Einsatz gar nicht möglich macht, kann mehr Schaden als Nutzen entstehen.

Was können Unternehmerinnen und Unternehmer tun, um Selbstbehauptung zu fördern?

Für Aufklärung sorgen und das Bewusstsein dafür fördern, dass es uns alle betrifft. Es ist entscheidend, eine Unternehmenskultur zu schaffen, die für diese Themen sensibilisiert und Mitarbeitende regelmäßig in Hinblick auf die wichtigsten Skills schult. Sinnvoll ist es zusätzlich, mit geschlechtergemischten Teams zu arbeiten, um Perspektiven auszutauschen und sein Gegenüber besser zu verstehen. Zudem empfehle ich, eine zentrale Anlaufstelle in Form einer klaren Ansprechperson für diesen Themenbereich zu benennen. Das schafft Sicherheit, Vertrauen, Wertschätzung, und trägt zu einem guten Arbeitsklima bei. Die meisten denken bei Selbstverteidigung nur an Extremsituationen. Sicherheit und Führung entscheidet sich schon in kleinen Momenten.