Software erleichtert Lärmreduzierung in der Industrie

Startup HoloMetrix hilft mit Augmented Reality bei akustischen Messungen

Wiesbaden. Das Mitgliedsunternehmen HoloMetrix GmbH aus Wiesbaden ist ein innovatives Startup, das komplexe technische Aufgaben im Arbeitsalltag durch den Einsatz von Augmented Reality vereinfacht.  Gemeinsam mit Alexander Pfaff und Christopher Morschel hat Marketingexpertin Elisabeth Kunz das Unternehmen gegründet. Die Co-Founderin erklärt, wie die neue Technologie Schallmessungen in der Industrie beschleunigt.

Stelle bitte das Geschäftsmodell von HoloMetrix vor, Elisabeth.

Wir, die HoloMetrix GmbH, sind eine Ausgründung aus der Frankfurt University of Applied Sciences und haben uns zum Ziel gesetzt, den Arbeitsalltag von Kunden aus der Industrie durch den Einsatz von Augmented Reality (AR) zu vereinfachen. Dafür haben wir eine AR-Lösung entwickelt, die es ermöglicht, den Versuchsaufbau von Schallmessungen schnell und einfach virtuell zu konfigurieren.

Problem: Viele Produkte wie Maschinen oder Haushaltsgegenstände erzeugen Lärm, welcher zum Teil auch gesundheits- und gehörschädigend sein kann. Aus diesem Grund reguliert die Europäische Union die Lautstärke vieler Produkte, beispielsweise Rasenmäher, Kettensägen oder Raupenbagger. Bevor ein solches Produkt auf den Markt kommt, muss der Hersteller die Einhaltung der jeweiligen Richtlinien nachweisen können. Hierfür sind akustische Messungen notwendig; insbesondere Schallleistungsbestimmungen nach der Normenreihe DIN EN ISO 3740 und der DIN EN ISO 9614. Diese Normen schreiben vor, dass an zahlreichen räumlich genau definierten Positionen Schalldruck- oder Schallintensitätsmessungen durchzuführen sind. Derzeit gestaltet sich die akkurate Platzierung der Messmikrofone oft anspruchsvoll und langwierig. Besonders bei handgeführten Sonden behelfen sich Messtechniker/Innen oft mit aufwendigen Hilfskonstruktionen oder verlassen sich auf ihr Augenmaß. Dies führt in der Praxis zu langen Vorbereitungszeiten, unflexiblen Messaufbauten und ungenauen Messergebnissen.

Lösung: Unsere AR-Software ermöglicht es einem Messtechniker durch eine AR-Brille den akustischen Messaufbau zu sehen, als ob dieser real vor ihm stehen würde. Somit machen wir aufwendige physische Hilfskonstruktionen, insbesondere bei Schallleistungsmessungen, überflüssig. Hierdurch werden die Vorbereitungszeiten drastisch reduziert (um bis zu 85 %) sowie der Messablauf signifikant erleichtert.

Geschäftsmodell: Unser Produkt besteht aus der eigens entwickelten AR-Software, die in Verbindung mit einer Augmented Reality-Brille (HoloLens 2 von Microsoft) verkauft wird. Die AR-Software setzt sich aus dem Sound HUB, welcher die Basisfunktionen umfasst, und den Modulen zusammen, mit denen der Sound HUB erweitert werden kann. Unsere Kunden können sich das Produkt also nach ihren individuellen Bedürfnissen und Aufgaben zusammenstellen. Neben dem Vertrieb unseres Produktes bieten wir auch Schallmessungen an, welche wir mit unserer Lösung durchführen. Dies ist vor allem für die Kunden interessant, die nur hin und wieder mal ein Projekt haben, für das sie eine Schallmessung benötigen.

Wieso habt ihr HoloMetrix gegründet? Welche Idee steckt dahinter?

Die Idee zu der AR-Lösung entstand im Rahmen der Abschlussarbeit von Christopher Morschel an der Frankfurt University of Applied Sciences. Dabei entwickelte er einen ersten Prototyp, welcher anschließend auf einer Fachmesse vorgestellt wurde. Dieser Prototyp stieß auf großes Interesse bei den verschiedensten Wirtschaftsvertretern in der Fachbranche. In diesem Moment erkannten Alexander und Christopher das Potenzial, die Lösung zu vermarkten und ein eigenes Unternehmen zu gründen.

Was ist das Alleinstellungsmerkmal von HoloMetrix im Vergleich zu euren Wettbewerbern?

Das Alleinstellungsmerkmal unseres Produktes besteht darin, akustische Messungen mittels Augmented Reality zu vereinfachen. In einer Augmented Reality-Brille wird ein virtueller Versuchsaufbau dreidimensional in der realen Umgebung vorgegeben. Durch diesen Ansatz entfällt das aufwendige und langwierige händische Ausmessen der Messpositionen. Außerdem müssen diese nicht mehr mit Klebeband oder anderen Hilfsmitteln markiert werden, sondern lassen sich jederzeit problemlos erneut aufrufen.

In welchen Bereichen werden eure Produkte eingesetzt?

Um das Leben vieler Menschen angenehmer zu gestalten, spielen leise Maschinen oder Produktionsanlagen eine entscheidende Rolle. Aber auch Haushaltsgeräte wie Staubsauger oder Kühlschränke sollten einen bestimmten Lautstärkepegel nicht überschreiten, um den Alltag angenehm zu gestalten und gesundheitlichen Risiken vorzubeugen. Aus diesem Grund schreibt die Europäische Union für jedes Produkt vor, wie laut es maximal sein darf. Egal ob Kühlschrank, Auto, Kraftwerk, Zentrifugaldüsen, Staubsauger, Pumpe, Waschmaschine, Dunstabzugshaube, Rasenmäher oder Raupenbagger. All diese Produkte müssen schalltechnisch untersucht und optimiert werden, bevor sie auf dem Markt erscheinen.

Mit unserer AR-Lösung liefern wir die Infrastruktur zur Lärmreduzierung. Mit einfachen technischen Akustikmessungen helfen wir Entwicklungsingenieuren/innen schneller und einfacher die akustischen Problemzonen ihrer Produkte zu detektieren und zu verstehen. Mit der Brille auf dem Kopf kann der Techniker sofort mit der Schallmessung loslegen und spart wertvolle Zeit. Dabei sprechen wir hauptsächlich Firmen aus der Automobilindustrie, dem Sondermaschinenbau, Ingenieurbüros und Forschungseinrichtungen an.

Kannst du uns praktische Beispiele für eure Anwendungen nennen?

In einer Case Study aus dem Jahr 2021 von Holger Marschner, Alexander Pfaff und Jochen Krimm kam unsere AR-Lösung zum Einsatz, um die akustischen Auswirkungen unterschiedlicher Autobahn-Randbebauungen auf die Lärmimmissionen in angrenzenden Wohngebieten experimentell zu ermitteln: https://holo-metrix.com/wp-content/uploads/2021/10/daga21_proceedings.pdf

In einem weiteren praktischen Beispiel haben wir den Einfluss verschiedener Lüfterkombinationen auf den Schallleistungspegel eines Computers untersucht. Dafür wurde unsere AR-Lösung eingesetzt, um den Versuchsaufbau der Schallmessung virtuell durch eine AR-Datenbrille vorzugeben. Die Messsonde konnte anschließend ganz einfach an den virtuellen Messpositionen ausgerichtet werden. Diese Messung wurde für jede Kombination aus Filter und PC durchgeführt. Es zeigte sich, dass ein Austausch der Lüfter die Gesamtschallleistung des PCs um bis zu 70 Prozent reduzieren konnte.

Wo seht ihr zukünftig die größte Herausforderung in eurer Branche? Was für Lösungen bietet ihr dafür?

Wir sehen in der Zukunft drei große Herausforderungen. Zum einen wächst der Bedarf nach akustisch optimierten Produkten sowohl in der Bevölkerung als auch im B2B-Geschäft stetig. Infolgedessen gibt es bereits seitens der Politik Planungen, wie die gesetzlichen Vorgaben für die Schallemissionen ausgeweitet werden können. Im Zuge dessen arbeiten die Normausschüsse aktuell daran, die entsprechenden Richtlinien anzupassen und kontinuierlich zu erweitern. Des Weiteren ist in der Fachbranche zu erkennen, dass ein Großteil der Akustikexperten in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen wird.

Daher wird es voraussichtlich dazu kommen, dass es immer weniger Experten geben wird, die einen stark wachsenden Markt mit immer umfangreicheren Richtlinien bedienen müssen.  Wir sind der Meinung, dass diese Herausforderungen nur durch effiziente Methoden bewältigt werden können. Somit wollen wir interaktive AR-Lösungen am Markt etablieren, die es jedermann ermöglicht eine Messung schnell und einfach durchzuführen. Denn schließlich sind die Technologien da, um uns das Leben zu erleichtern.

Wo seht ihr Handlungsbedarf bei der Digitalisierung von Unternehmen? Wo sind die größten Hürden?

In Deutschland gibt es noch viel Handlungsbedarf in Hinblick auf die Digitalisierung von Unternehmen. Insbesondere im Arbeitsalltag in der Industrie werden oft Verfahren eingesetzt, welche mittlerweile veraltet sind und durch den Einsatz neuer Technologien viel effizienter gelöst werden könnten. Die größten Herausforderungen bestehen unserer Meinung nach innerhalb der Führungsebenen. Es kommt nicht selten vor, dass Entscheidungsträger an der Tradition festhalten und die Dinge so machen wollen, wie es seit Generationen üblich ist, weil „es funktioniert“. So kann es passieren, dass sie sich vor neuen Technologien scheuen, weil sie mit großen Unsicherheiten verbunden sind. Gerade die Akustikbranche ist sehr konservativ. Mit unserer AR-Lösung wollen wir veraltete Muster durchbrechen und das Potenzial neuer Technologien aufzeigen.

Wie viele Mitarbeiter/-innen beschäftigt ihr derzeit?

Bei der HoloMetrix GmbH sind gegenwärtig ausschließlich die Gründungsmitglieder Alexander Pfaff, Christopher Morschel und ich beschäftigt. Alexander Pfaff ist leitender Geschäftsführer. Außerdem kümmert er sich um den Vertrieb und führt Dienstleistungsmessungen durch. Christopher Morschel verantwortet den Bereich der Entwicklung. Ich bin für das Marketing und sonstige betriebswirtschaftliche Bereiche zuständig.

Warum seid ihr Mitglied im Arbeitgeberverband HESSENMETALL Rhein-Main-Taunus geworden?

Der Verband HESSENMETALL bietet eine Vielzahl von Vorteilen, Förderungen und Beratungen für junge Unternehmen wie uns. In den gemeinsamen Gesprächen wurde deutlich, dass es dem Verband am Herzen  liegt, Startups dabei zu unterstützen am Markt Fuß zu fassen. Dafür bietet er eine Vielzahl von Veranstaltungen an, um sich mit dem großen Netzwerk von Partnern und Mitgliedsunternehmen auszutauschen und zu vernetzen. Insbesondere dadurch sehen wir ein großes Potenzial, um die Bekanntheit unserer HoloMetrix GmbH zu erhöhen und erfolgreich zu wachsen.

 

Katja Farfan

Leiterin Digitales, Technologietransfer und Startups

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