Mang: Unsere Unternehmen sind stärker als die Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen. Doch ohne Reformen der Bundesregierung wird selbst die beste industrielle Substanz Tag für Tag geschwächt.
Frankfurt am Main. Die hessische Metall- und Elektro-Industrie steht massiv unter Druck: geopolitische Spannungen, fragile Lieferketten, hohe Energiepreise, technologische Umbrüche und eine Standortpolitik, die aus Sicht vieler Unternehmen zu langsam, zu teuer und zu bürokratisch ist. Unter dem Motto „Die M+E-Industrie im Strukturwandel – Weltmärkte. Technologien. Resilienz.“ diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gewerkschaft beim Hessenforum 2026 im Haus der Wirtschaft Hessen über die Zukunft industrieller Wertschöpfung.
Wolf Matthias Mang, Vorstandsvorsitzender von HESSENMETALL, forderte in seiner Begrüßung eine schonungslose Standortdebatte: „Deutschland steht als Industriestandort unter Druck. Hessen auch. Nicht gefühlt, nicht rhetorisch, sondern ganz real. Wer jetzt weiter nur ankündigt, moderiert den Abstieg. Die Industrie braucht keine weiteren Reformankündigungen, sondern endlich bessere Bedingungen.“
Mang warnte davor, industrielle Stärke als Selbstverständlichkeit zu behandeln. Die Konkurrenz finde längst nicht mehr nur zwischen Unternehmen statt, sondern zwischen Standorten: „Unsere Unternehmen treten nicht nur gegen Wettbewerber aus Amerika oder Asien an. Sie treten auch gegen deren Strompreise, deren Planungstempo, deren Genehmigungsdauer, deren Steuern und Abgaben an. Wer Resilienz von Unternehmen verlangt, muss Verlässlichkeit bieten.“
Zugleich betonte Mang, dass der Strukturwandel nicht nur Bedrohung, sondern auch Chance sei, wenn Politik und Unternehmen schnell genug handelten: „Weltmärkte, Technologien und Resilienz sind keine Schlagworte für Sonntagsreden. Sie entscheiden darüber, ob Hessen Industrieland bleibt. Wir brauchen wieder Lust auf industrielle Stärke und endlich den politischen Mut, sie möglich zu machen. Wir sind nicht die Feinde, als die uns Bundesministerin Bas bezeichnet hat, sondern Partner, die seit jeher Verantwortung für Wohlstand, Beschäftigung und soziale Sicherheit in unserem Land tragen. Nur wenn Politik, Arbeitgeber und Beschäftigte an einem Strang ziehen, werden wir die Herausforderungen des Standorts Deutschland erfolgreich bewältigen können.“
Im Mittelpunkt des Hessenforums standen die großen Fragen industrieller Zukunftsfähigkeit: Wie verändern geopolitische Konflikte und neue Weltmarktstrukturen das Geschäftsmodell exportorientierter Unternehmen? Welche Rolle spielen künstliche Intelligenz, Digitalisierung und neue Technologien für Produktivität und Arbeit? Und wie kann industrielle Resilienz entstehen, ohne Unternehmen mit immer neuen Unsicherheiten zu belasten?
Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, ordnete die aktuelle Lage der Industrie in den größeren wirtschaftlichen und geopolitischen Kontext ein: „Der geopolitische Epochenbruch und der Irankrieg markieren die längste Krise der Geschäftserwartungen seit 20 Jahren. Zugleich belasten Dekarbonisierung, Digitalisierung und demografischer Wandel die Industrie. Die Industrie benötigt Tempo: weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen sowie die gezielte Förderung von Forschung und Start-ups.“
Prof. Dr. Peter Buxmann, Universitätsprofessor an der TU Darmstadt, Aufsichtsrat und Unternehmensgründer, machte deutlich: „Die KI-Revolution ist die erste Automatisierungswelle, die nicht die Fabrik trifft, sondern das Büro. Sie betrifft Kopf- statt Handarbeit. Klar ist: die Arbeitswelt der Zukunft wird eine ganz andere sein als heute.“
Auch die Unternehmensperspektive spielte eine zentrale Rolle. Julia Esterer, Geschäftsführerin der Dr.-Ing. Ulrich Esterer GmbH & Co. Fahrzeugaufbauten und Anlagen KG, forderte eine konsequente Orientierung politischer Entscheidungen an Wettbewerbsfähigkeit: „Die Wettbewerbsfähigkeit muss oberste Priorität haben. Auf allen Ebenen – in der EU, im Bund und in den Ländern – sollte jedes Vorhaben an diesem Maßstab gemessen werden, damit Unternehmen im globalen Wettbewerb bestehen können. Statt Lippenbekenntnissen braucht es eine gemeinsame Verantwortung für konkrete Ergebnisse.“
Dr. Andreas Widl, CEO der SAMSON AG, verwies auf Investitionen als Voraussetzung für industrielle Zukunft am Standort Deutschland: „Der Strukturwandel wartet nicht. Wir haben entschieden, ihn zu gestalten – mit 500 Millionen Euro Investition in Offenbach und der Überzeugung, dass industrielle Wertschöpfung in Deutschland nicht nur möglich ist, sondern Maßstäbe setzt.“
Jörg Köhlinger, Bezirksleiter der IG Metall Mitte, betonte die Verantwortung der Arbeitgeber für Innovation, Investitionen und Beschäftigungssicherung: „Die Industrie steht aufgrund der geopolitischen Lage unbestritten vor enormen Herausforderungen. Ich würde mir wünschen, dass die Arbeitgeber mehr Energie auf Innovationen verwenden. Künstliche Intelligenz und effiziente Energiespeicher sind nur zwei Felder in denen Innovationen gefragt sind. Zudem wird es resiliente Lieferketten im Inland und der EU nur geben, wenn die Arbeitgeber deutlich mehr investieren und ihrer Verantwortung für Standort- und Beschäftigung gerecht werden.“
Das Hessenforum 2026 machte deutlich: Die hessische M+E-Industrie verfügt über technologische Stärke, internationale Erfahrung und leistungsfähige Unternehmen. Doch diese Substanz allein reicht nicht mehr aus, wenn Standortbedingungen Investitionen erschweren und Wettbewerbsfähigkeit belasten. Wolf Matthias Mang, Vorstandsvorsitzender von HESSENMETALL: „Wir brauchen mehr Tempo, mehr Vertrauen in Leistung und mehr Realitätssinn in der Wirtschaftspolitik.“