Future Skills 2032

Hessens Industrie im Schulterschluss: Wirtschaft fordert bessere Standortbedingungen

Frankfurt am Main. Künstliche Intelligenz verändert die Anforderungen an Beschäftigte weit über die IT-Abteilungen hinaus. Zugleich werden eigenständiges Problemlösen und der sichere Umgang mit digitalen Werkzeugen für die Breite der industriellen Arbeit wichtiger. Das zeigt die Studie „Future Skills Hessen 2032“, die IW Consult im Auftrag von HESSENMETALL erstellt hat. Sie untersucht, welche Fähigkeiten Unternehmen bereits nachfragen und wie sich die Anforderungen bis 2032 voraussichtlich entwickeln. Schon heute betreffen fast zwei Drittel der Stellenanzeigen mit KI-Bezug Berufe außerhalb der IT-Abteilungen.

„Die beste Technik bringt wenig, wenn wir sie im Betrieb nicht sinnvoll einsetzen können. Dafür brauchen wir Menschen, die ihr Fach beherrschen, digitale Werkzeuge sicher nutzen und bei Problemen selbstständig Lösungen finden“, sagt Wolf Matthias Mang, Vorstandsvorsitzender von HESSENMETALL. „Diese Fähigkeiten entscheiden mit darüber, ob aus Investitionen mehr Produktivität und wettbewerbsfähige Arbeitsplätze werden.“

Welche Fähigkeiten bis 2032 wichtiger werden

Die neue Studie verbindet die Auswertung von knapp 360.000 Online-Stellenanzeigen aus den Jahren 2019 bis 2025 mit einer Befragung von 134 hessischen Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie. Für 41 untersuchte Kompetenzfelder ergibt sich eine steigende Bedeutung. Besonders deutlich zeigt sich das bei folgenden Fähigkeiten:

  • Künstliche Intelligenz verzeichnet mit einem prognostizierten Bedeutungszuwachs von rund 96 Prozent die stärkste Dynamik. Schon 2025 entfielen fast zwei Drittel der untersuchten Stellenanzeigen mit KI-Bezug auf Berufe außerhalb der IT.
  • Problemlösungsfähigkeit verbindet eine breite Nachfrage mit starkem Wachstum: Sie wurde in rund 36 Prozent der ausgewerteten Anzeigen genannt. Bis 2032 prognostiziert die Studie einen Bedeutungszuwachs von rund 59 Prozent.
  • Digitale Grundkenntnisse wurden in rund 40 Prozent der Anzeigen verlangt. Ihre Bedeutung steigt der Prognose zufolge um weitere 39 Prozent. Auch Fähigkeiten für Elektrifizierung, Energieeffizienz sowie Automatisierung und Robotik gewinnen deutlich hinzu.
  • Wie sich Arbeit verändert, zeigt die Studie am Beispiel der Mechatronik:
    Fachkräfte nutzen zunehmend Sensordaten, um drohende Maschinenausfälle frühzeitig zu erkennen und Wartung zu planen. Dafür müssen sie Daten und Warnmeldungen verstehen und technische Entscheidungen ableiten können. Handwerkliches Können und Erfahrung bleiben dabei unverzichtbar.

Grundlagen in der Schule stärken

Ergänzend verweist HESSENMETALL auf seine separate Ausbildungsumfrage 2026 unter 123 ausbildenden Mitgliedsunternehmen. Darin nennen 70 Prozent fehlende schulische Basiskenntnisse als Herausforderung, 72 Prozent Defizite beim Arbeits- und Sozialverhalten. Zum Ausbildungsstart 2026 konnten 42 Prozent der angebotenen Plätze nicht vollständig besetzt werden.

„Wer junge Menschen auf die Arbeitswelt vorbereiten will, muss die Grundlagen stärken: Lesen, Rechnen und der sichere Umgang mit digitalen Werkzeugen gehören dazu. Schulen müssen auch selbstständiges Lernen, Zuverlässigkeit und Zusammenarbeit gezielt fördern“, fordert Mang. „Auf diesem Fundament bauen Ausbildung und spätere Weiterbildung auf. In diesem Zusammenhang ist ein derart schlechtes Ergebnis wie bei der kürzlich veröffentlichte PISA-Studie fatal für die Zukunft der Industrie. Die PISA-Studie 2025 hat in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften zuletzt die niedrigsten je in Deutschland gemessenen Werte dokumentiert. Die Unternehmen der M+E-Industrie spüren die Mängel der schulischen Bildung jedes Jahr beim Ausbildungsstart, sie müssen erheblich nachschulen, damit die Ausbildung überhaupt gelingt.“

Weiterbildung an den Aufgaben im Betrieb ausrichten

Für die Unternehmen empfiehlt die Studie, Weiterbildung eng mit den konkreten Tätigkeiten und technischen Veränderungen im Betrieb zu verbinden. HESSENMETALL hat weitere Detailauswertungen beauftragt und wird die Ergebnisse in den kommenden Monaten für Personalverantwortliche, Ausbildungsleitungen und Geschäftsführungen aufbereiten. Die Erkenntnisse sollen zudem in die bildungspolitische Arbeit des Verbands einfließen.

„Wir Arbeitgeber tragen Verantwortung dafür, Beschäftigte auf neue Aufgaben vorzubereiten. Weiterbildung muss im Arbeitsalltag helfen und zum jeweiligen Betrieb passen“, sagte Mang. „Ebenso kommt es darauf an, dass Beschäftigte die Angebote nutzen und bereit sind, Neues zu lernen. So können Unternehmen und Beschäftigte den Wandel gemeinsam gestalten.“

Die Betriebe engagieren sich stark: Nach der TÜV-Weiterbildungsstudie 2026 halten 87 Prozent der Unternehmen Weiterbildung für sehr oder eher wichtig. Auch die Investitionsseite spricht eine klare Sprache: Laut IW-Weiterbildungserhebung 2023 investierten die Unternehmen in Deutschland zuletzt jährlich über 46 Milliarden Euro in die betriebliche Weiterbildung. Am Geld und an der Bereitschaft der Betriebe scheitert es nicht. Zugleich zeigt die TÜV-Studie: Wo Unternehmen keine Angebote machen, führen sie in 84 Prozent der Fälle geringes Interesse der Belegschaft als Grund an.

Zur Studie

„Future Skills Hessen 2032 – Welche Kompetenzen die industrielle Transformation tragen“, IW Consult, August 2026, im Auftrag von HESSENMETALL. Analysiert wurden knapp 360.000 Online-Stellenanzeigen mit Schwerpunkt auf der hessischen Metall- und Elektroindustrie und ihrem Unternehmensumfeld sowie Angaben von 134 hessischen M+E-Unternehmen. Die Prognosen verbinden statistische Trends mit Unternehmenseinschätzungen. Die Wachstumswerte beschreiben die erwartete Bedeutung von Fähigkeiten, nicht die Zahl zusätzlicher Arbeitsplätze oder fehlender Fachkräfte.

Die Studie steht hier zum Download bereit.

 

Porträt von Patrick Schulze
Patrick Schulze

Geschäftsführer Kommunikation