„Von der Schuhmaschine in den Reinraum“

Generationen-Interview: Friedrich Echterdiek leitet mit seinen Töchtern Ricarda und Rafaela den Medizintechnik-Zulieferer Spang & Brands

In den über 100 Jahren seit der Gründung hat sich Spang und Brands in Friedrichsdorf immer wieder neu erfunden. Heute entwickelt und produziert das Familienunternehmen Verbrauchsartikel für die Medizintechnik. Und das auf allerhöchstem Niveau wie sich aktiv beim Gespräch mit Friedrich Echterdiek und seinen Töchtern Ricarda und Rafaela Echterdieck vor Ort ansehen konnte.

Friedrich Echterdiek leitet mit seinen beiden Töchtern Ricarda und Rafaela den Medizintechnik-Zulieferer Spang & Brands
Friedrich Echterdiek leitet mit seinen beiden Töchtern Ricarda und Rafaela den Medizintechnik-Zulieferer Spang & Brands

Herr Echterdiek, Spang & Brands musste sich mehrfach neu erfinden. Warum?

Friedrich Echterdiek: Technologischer Wandel verdrängt nun mal oft Althergebrachtes. Wir waren ein renommiertes Unternehmen für Schuhmaschinen, als man begann, Schuhsohlen zu verkleben, statt sie zu nähen oder zu klammern. Damit brach unser Markt komplett ein. Wir konzentrierten uns dann in den 60er Jahren auf Verpackungsmaschinen. In den 70er Jahren erfuhren wir von Fresenius, dass sie dringend Zulieferer für Kunststoffteile suchten – und nahmen die Challenge an.

 Damit starteten Sie in eine völlig neue Branche?

Friedrich Echterdiek: Ja, wir hatten Expertise im Maschinenbau und waren bereit zu lernen. Also kauften wir eine Spritzgussmaschine, bauten die Werkzeuge und legten los. Wir konzentrierten uns bald auf Präzisionsteile für die Medizin- und Pharmatechnik. Vieles entwickeln wir gemeinsam mit den Kunden. Fresenius ist bis heute dabei, neben vielen anderen bekannten Namen. Und bei all dem folgen wir dem Motto des genialen Erfinders Thomas Edison: „Es gibt immer einen Weg, etwas besser zu machen: Finde ihn!“

 Wo begegnet man den Teilen, die Sie herstellen?

Ricarda Echterdiek: Beim Arzt, bei der Blutspende, im Krankenhaus und darüber hinaus. Das reicht von jährlich zig Millionen Verschlusskappen für Infusionsflaschen bis zu Einmalsystemen für Blutspende und Dialyse oder auch Menstruationstassen aus Silikon. Schon vor 30 Jahren haben wir die 2port-Kappe für Infusionsflaschen erfunden. Eine echte Verbesserung: weniger Materialeinsatz und die Infusionsflasche ist voll recyclebar. Bis heute gibt es nichts Besseres.

Wie kommen Sie zu Neuentwicklungen?

Rafaela Echterdiek: Der Kunde kommt mit einer vagen Idee, manchmal mit einer Zeichnung und wir entwickeln daraus ein Produkt, das man maschinell herstellen kann. Wir gehen aber auch mit eigenen Ideen oder Verbesserungsvorschlägen auf Kunden zu. Dank eigenem Werkzeugbau, Digitaldruck und Technikum sind wir unabhängig und sehr flexibel, können schnell Musterteile herstellen, Materialtests und Probeläufe fahren, ohne unsere eigentliche Produktion zu stören. Wir arbeiten mit neuesten Materialien und entwickeln sogar neue Kunststoffe. So begleiten wir den medizinischen Fortschritt.

Zwei Mitarbeiter bei dem Medizintechnik-Zulieferer Spang & Brands
Zwei Mitarbeiter bei dem Medizintechnik-Zulieferer Spang & Brands

Haben Sie dafür Beispiele?

Ricarda Echterdiek: Jede Menge, aber das würde jetzt den Rahmen sprengen. Ein Beispiel ist ein Komplettset zum Anrühren und Einspritzen von Knochenzement für künstliche Hüften oder Knie, das wir vor einigen Jahren mit einem Kunden zusammen entwickelt haben. Einmal angerührt härtet dieser Zement sehr schnell aus. Also haben wir ein ausgeklügeltes Set entwickelt inklusive Kartusche und Vakuumsystem, durch das das Material schneller als bisher und trotzdem absolut steril angerührt und implantiert werden kann. Ein anderes Beispiel sind spezielle Saugringe, die das Auge fixieren, wenn die Hornhaut gelasert wird. Schon die winzigste Bewegung könnte zum Erblinden führen und das verhindern wir damit.

Klingt nach höchstem Anspruch an die Qualität?

Friedrich Echterdiek: Ganz genau. Bei unserer Arbeit geht es am Ende immer um die Gesundheit und Unversehrtheit von Menschen. Alles muss zu 100Prozent top und keimfrei sein. Das ist ein hoher Anspruch und der ist jedem unserer knapp 200Beschäftigten bewusst. Sie sind stolz darauf, dass sie Dinge herstellen, auf die sich andere verlassen können.

 Hilft Ihnen da auch der eigene Werkzeugbau?

Rafaela Echterdiek: Ja, er ist das Herzstück unserer Produktion. Denn nur mit Top-Werkzeugen lassen sich auch Top-Produkte herstellen. Auch deshalb bilden wir neben Kunststoff- und Kautschuktechnologen Werkzeugmechaniker aus.

Wo sehen Sie aktuell die größte Herausforderung?

Rafaela Echterdiek: Darin, unser Unternehmen gleichzeitig erfolgreich im Heute zu führen und auch konsequent auf die Anforderungen von morgen auszurichten. Unsere Branche ist von hohen Qualitätsanforderungen, zunehmender Regulierung und einem immer stärkeren internationalen Wettbewerb geprägt. Digitalisierung, Automatisierung und neue Technologien verändern gleichzeitig die Art und Weise, wie wir produzieren und Entscheidungen treffen. Wir müssen die richtigen Zukunftsinvestitionen tätigen, Geld ausgeben für moderne Produktionstechnologien, digitale Prozesse, Datenkompetenz und die Weiterentwicklung der Organisation - auch, wenn der Nutzen nicht sofort sichtbar sein wird. Unser Vorteil als Familienunternehmen ist: Wir können langfristig denken. Ziel ist nicht das nächste Quartal, sondern die nächste Generation.

Ricarda Echterdiek: .. Und es ist sicherlich herausfordernd, auch in einem sehr dynamischen und unsicheren Umfeld Ruhe zu bewahren und den Fokus nicht zu verlieren. Man muss dennoch langfristig denken und nicht nur kurzfristig reagieren. Dazu gehört für uns vor allem ein nachhaltiges Wirtschaften. Wir sind überzeugt, dass man auch in wirtschaftlich anspruchsvollen Phasen den Mut zu Investitionen und Zukunftsprojekten behalten muss. Nur so bleibt man langfristig wettbewerbsfähig und kann den hohen Anforderungen unserer Branche gerecht werden.

Ein weiterer zentraler Punkt ist der Transformationsprozess innerhalb der Arbeitswelt. Veränderungen gelingen nur dann erfolgreich, wenn man die Mitarbeiter mitnimmt. Deshalb legen wir großen Wert auf offene Kommunikation und darauf, unsere Teams frühzeitig in Entwicklungen einzubinden und für die notwendige Veränderungsbereitschaft zu sensibilisieren. Gerade in digitalen Themen versuchen wir unsere Mitarbeiter zu schulen und ihnen die Vorzüge der neuen Tools nahe zu bringen.

Und nicht zuletzt ist da die Herausforderung Fachkräftemangel. Wir begegnen diesem Thema mit großer Offenheit gegenüber Fachkräften aus dem Ausland und haben damit sehr positive Erfahrungen gemacht. Vielfalt bereichert unser Unternehmen – fachlich wie menschlich. Gleichzeitig erleben wir bei vielen internationalen Mitarbeitern eine hohe Motivation, Einsatzbereitschaft und große Identifikation mit ihrer Arbeit, was für unser Unternehmen sehr wertvoll ist.

Sind Familienunternehmen ein Auslaufmodell?

Ricarda Echterdiek: „Auslaufmodell? Ganz im Gegenteil. Wer sich das globale Wirtschaftsgeschehen nüchtern anschaut, stellt fest: Familienunternehmen sind in vielen Schlüsselbranchen nicht trotz ihrer Struktur erfolgreich, sondern wegen ihr. Unsere eigene Geschichte zeigt das sehr anschaulich: Über vier Generationen hat sich unser Unternehmen immer wieder neu ausgerichtet – auf veränderte Märkte, neue Technologien, gewandelte Kundenanforderungen. Heute produzieren wir Kunststoffteile für die Medizin- und Pharmabranche. Diese Bereitschaft zur Veränderung ist kein Widerspruch zur Kontinuität eines Familienunternehmens – sie ist Teil davon. Langfristiges Denken bedeutet eben nicht Stillstand, sondern die Fähigkeit, rechtzeitig die richtigen Weichen zu stellen. Dazu kommen die klassischen Stärken: kurze Entscheidungswege, ein tiefes Verantwortungsgefühl gegenüber Kunden, Mitarbeitern und Region – und eine Verlässlichkeit, die über Quartalszyklen hinausgeht. Für Branchen wie unsere, in denen Qualität, Kontinuität und Vertrauen keine Schlagworte sind, sondern handfeste Anforderungen, ist das Familienunternehmen das Modell, das Bestand hat. Davon sind wir hier fest überzeugt.

Rafaela Echterdiek: Wie Ricarda schon sagte: Familienunternehmen sind ein Zukunftsmodell, vielleicht sogar mehr denn je. In einer Zeit, in der viele Märkte von Unsicherheit, geopolitischen Veränderungen und immer kürzeren Innovationszyklen geprägt sind, gewinnen Eigenschaften an Bedeutung, die Familienunternehmen traditionell auszeichnen: langfristiges Denken, Verlässlichkeit und unternehmerische Verantwortung.

Gerade unsere Kunden aus der Medizin- und Pharmabranche suchen Partner, auf die sie sich über viele Jahre verlassen können. Vertrauen entsteht nicht durch kurzfristige Optimierung, sondern durch Kontinuität, Qualität und den Willen, gemeinsam langfristig erfolgreich zu sein. Natürlich müssen sich Familienunternehmen kontinuierlich weiterentwickeln. Tradition allein ist kein Geschäftsmodell. Wer erfolgreich bleiben will, muss neue Technologien und digitale Lösungen aktiv nutzen, Innovationen vorantreiben und Veränderungen gezielt gestalten. Gerade die Fähigkeit, Bewährtes mit neuen Möglichkeiten zu verbinden, entscheidet darüber, ob Unternehmen auch morgen erfolgreich sind. Genau darin liegt aus meiner Sicht die Stärke erfolgreicher Familienunternehmen: Sie verbinden langfristige Werte mit der Fähigkeit zur Veränderung. Wenn beides zusammenkommt, können sie die Herausforderungen der Zukunft nicht nur erfolgreich meistern, sondern die Transformation ihrer Branche aktiv vorantreiben.

Mitarbeiter bei dem Medizintechnik-Zulieferer Spang & Brands
Mitarbeiter bei dem Medizintechnik-Zulieferer Spang & Brands

Ist Ihr Einstieg in Ihr Familienunternehmen ein Bekenntnis zum Unternehmertum?

Ricarda Echterdiek: „Die Entscheidung war für mich keine schwere – auch wenn ich einen guten Job in der Industrie aufgegeben habe. Denn ein Familienunternehmen in dieser Form weiterzuführen ist eine Chance, die man nicht einfach liegen lässt. Es macht mich stolz und gleichzeitig demütig, in die Fußstapfen meiner Vorfahren zu treten – und vor allem in die meines Vaters. Aber Fußstapfen bedeutet nicht Stillstand. Wir sind die neue Generation, und das bringt Verantwortung mit sich: die Tradition zu wahren und gleichzeitig neue Wege zu gehen, Dinge anders anzupacken, das Unternehmen weiterzuentwickeln. Dieser Spagat ist die eigentliche Aufgabe – und ehrlich gesagt auch das, was mich antreibt. Was dabei nicht fehlen darf, ist die echte Freude daran. Man steckt so viel Zeit und Herzblut in ein Unternehmen, dass man es wirklich wollen muss – aus innerer Überzeugung, nicht aus Pflichtgefühl.

Rafaela Echterdiek: Meine internationale Karriere war für mich die beste Vorbereitung auf die eigentliche Aufgabe. Ich wollte bewusst Erfahrungen außerhalb des Familienunternehmens sammeln, unterschiedliche Unternehmen, Kulturen und Führungsansätze kennenlernen und verstehen, was Organisationen langfristig erfolgreich macht. In internationalen Konzernen durfte ich über viele Jahre wertvolle Erfahrungen sammeln – in unterschiedlichen Funktionen, Ländern und Kulturen. Dabei habe ich gelernt, wie erfolgreiche Unternehmen Strategie, Technologie, Innovation und Transformation nutzen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern. Genau diese Erfahrungen möchte ich nun in unser Familienunternehmen einbringen und dazu beitragen, die nächsten Entwicklungsschritte aktiv mitzugestalten. Gleichzeitig gibt es nur wenige Gelegenheiten im Berufsleben, bei denen man die Zukunft eines Unternehmens so direkt beeinflussen kann wie in einem Familienunternehmen. Hier geht es nicht nur darum, Ergebnisse zu erzielen, sondern darum, langfristig Werte zu schaffen und Verantwortung für Mitarbeiter, Kunden und die nächste Generation zu übernehmen. Mich motiviert besonders die Möglichkeit, Bewährtes mit neuen Impulsen zu verbinden. Die internationale Erfahrung, die ich gesammelt habe, sehe ich nicht als Gegensatz zum Familienunternehmen, sondern als Chance, neue Perspektiven einzubringen und gemeinsam mit unserem Team die Zukunft des Unternehmens aktiv zu gestalten.

Ihr Vater war über 50 Jahre der Geschäftsführer von Spang & Brands. Ist er Ihr Vorbild?

Rafaela Echterdiek: Ja. Mein Vater ist für mich bei meiner täglichen Arbeit ein großes Vorbild. Er hat das Unternehmen über mehr als fünf Jahrzehnte durch gute wie schwierige Zeiten geführt und dabei kontinuierlich weiterentwickelt. Besonders beeindruckt mich sein Gespür dafür, langfristigen wirtschaftlichen Erfolg mit Weitblick, Innovationskraft und einem starken Fokus auf Mitarbeiter und Kunden zu verbinden. Dieser Balanceakt ist sicherlich ein wesentlicher Teil unseres Erfolgs und etwas, wofür man ihm großen Respekt zollen muss.

Ricarda Echterdiek: Ja, mein Vater ist auch für mich ein Vorbild. Er hat das Unternehmen über fünfzig Jahre geführt und ihm die Positionierung gegeben, in der wir uns heute sehen. Was er damals entschieden hat, war in vielem visionär – das erkenne ich heute noch klarer als früher. Dieses Fundament trägt uns, und darauf wollen wir aufbauen."

Zur Person Ricarda Echterdiek :

  • geboren 1989 in Frankfurt am Main
  • 2014 Master an der Uni Bayreuth in Sportökonomie, parallel Arbeit bei Adidas, Audi und Hugo Boss
  • 2014 Trainee bei Ferrero, später Senior Key-Account Manager
  • 2022 Einstieg bei Spang & Brands, seit 2025 Geschäftsführerin

Zur Person Rafaela Echterdiek :

  • geboren 1989 in Frankfurt am Main
  • 2008 bis 2016 Studium in Maastricht, Singapur, Tokio und Paris, Master-Abschluss
  • 2016 bis 2024 bei Anheuser-Busch in Leuven (Belgien), verantwortlich für die Digitalisierung aller Brauereien
  • Seit 2024 bei Spang und Brands verantwortlich für die digitale Transformation.

 

Interview: Maja Becker-Mohr // Fotos: Gerd Scheffler

Kontakt

Spang & Brands GmbH

Max-Planck-Str. 25
61381 Friedrichsdorf
T 06172 95700
E-Mail info@spang-brands.de

https://spang-brands.de