„Unsere Optiken schaffen winzigste Mikrochips“

Wirtschaftszeitung AKTIV vom 27. Juni 2020

CEO-Interview – Katrin Ariki, Standortleiterin der ZEISS Halbleitersparte SMT in Wetzlar, über das Arbeiten in der Nano-Welt

Wetzlar. Für Smartphones und Computer sind Mikrochips unverzichtbar, aber auch für die Industrie 4.0, Elek­tromobilität und autonomes Fahren. Ein Großteil des weltweiten Bedarfs an Chips wird produziert mit Technologien der Zeiss-Halbleitersparte Semiconductor Manufacturing Technology (SMT). aktiv sprach mit Katrin Ariki, Standortleiterin der Zeiss Halbleitersparte SMT in Wetzlar, über die Rolle der SMT für die fortschreitende Digitalisierung.
 
Wie lebt es sich in der Nanowelt?

Es ist ungeheuer faszinierend. Durch unsere Maschinen und die darin verbauten Linsen kann die Halbleiter-Industrie stetig neue Chip-Generationen auf den Markt bringen mit noch feineren und leistungsfähigeren Strukturen. Unsere neuesten Optiken mit extrem ultraviolettem Licht (EUV) ermöglichen Strukturen von weniger als 20 Nanometern. Das ist 4.000-mal dünner als ein menschliches Haar. Produkte der Zeiss-Halbleitersparte SMT schaffen so die Voraussetzung für mikroelektronische Innovationen. Damit treibt Zeiss die Digitalisierung weiter voran.

Welche Bedeutung hat denn die Digitalisierung für Sie?

Ich kann mich für innovative Technik begeistern und damit auch für die zahlreichen Möglichkeiten, die sie eröffnet. Ein gutes Beispiel dafür sind smarte Geräte wie ein Tablet. Ich genieße es, dass ich damit via Internet überall arbeiten kann. Alle Unterlagen, die früher Aktenschränke füllten, stecken da drin. Wie hilfreich das sein kann, sehen wir ja gerade in der aktuellen Corona-Krise, weil viele ins Homeoffice wechseln mussten. Ich bin überzeugt, dass das der Digitalisierung jetzt einen richtigen Schub geben wird und bei vielen nun Vorbehalte und auch Ängste wegfallen.

Wie haben Sie im Unter­nehmen auf die Corona-Krise reagiert?  

So gut wie jede Branche braucht Mikrochips. Deshalb produzieren wir auch in Zeiten von Corona Lithographieoptiken in Volllast. Auf die Pandemie hat Zeiss mit umfassenden Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter reagiert, wo möglich gingen sie ins Homeoffice. In der Produktion mussten wir alles durchdenken, manches umgestalten. Es hat geholfen, dass wir von den Erfahrungen unserer Zeiss-Werke in China profitieren konnten. Neben den üblichen Maßnahmen wie Mundschutz, Desinfektionsmitteln und mehr haben wir die Zugangsberechtigungen zu den verschiedenen Bereichen beschränkt. Vieles wird telefonisch, per Mail oder Videokonferenz geklärt. Oberste Priorität für uns ist es, Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter zu schützen und den Geschäftsbetrieb bestmöglich weiterzuführen.

Welche Bedeutung haben für Sie Ihre Mitarbeiter?

Für mich sind sie das Unter­nehmen SMT, denn sie stehen für unsere Technologie. Die Leistung, die alle Kollegen hier tagtäglich erbringen, schaffen wir nur als Team über alle Bereiche. Wir sind der Technologieführer im Bereich der optischen Lithographie. Optiken und Systeme von Zeiss sind das Herzstück der Anlagen, die unser strategischer Partner ASML aus den Niederlanden zum Belichten von Wafern baut. So nennt man die Siliziumscheiben, auf die die Strukturen der Mikrochips aufgebracht werden. Die hohe Qualität dieser Maschinen spiegelt letztlich auch das Können und Know-how unserer Mitarbeiter wider. Beispiel Linsenfertigung: Schon das Rohmaterial unserer Linsen ist sehr teuer. Deshalb werden die Linsen buchstäblich mit Samthandschuhen angefasst bei jedem der vielen Arbeitsschritte. Ein kaum wahrnehmbarer Kratzer und wir hätten teuren Ausschuss produziert.

Was tun Sie, damit Ihre Teams so gute Leistung bringen? 

Meine Aufgabe verstehe ich auch darin, meinen Mitarbeitern den Rücken freizuhalten. Wenn die Rahmenbedingungen für die Balance von Beruf und Privatleben passen, können sie sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren. Deshalb unterstützen wir, wenn möglich, auch bei privaten Angelegenheiten, etwa bei der Pflege von Angehörigen. Wir haben deshalb auch die Charta zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf unterzeichnet oder gemeinsam mit der AWO und Bosch Thermotechnik ein Kindertagespflegenest für die unter Dreijährigen gegründet und stellen dort Plätze auch für Mitarbeiterkinder zur Verfügung. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer der Spagat manchmal für berufstätige Eltern ist. Da mein Mann beruflich viel im Ausland ist, haben unsere beiden Töchter schon früh im Haushalt helfen müssen und gelernt, dass man als Team weiterkommt, sich gegenseitig gut motivieren kann und so gemeinsam Erfolge hat.

Wo sehen Sie aktuell die größte Herausforderung? 

Von einer Normalisierung nach Corona sind wir noch weit entfernt. Also müssen wir die neue Realität dauerhaft gestalten, privat und im Beruf. Das wird sicher nicht einfach, weil der Mensch seine Sozialkontakte braucht. Ich habe gelernt, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt, auch wenn es manchmal länger dauert. Vielleicht bin ich deshalb Optimistin.  

Das Interview führte MAJA BECKER-MOHR

Zur Person

  • Geboren 1972 in Berlin, verheiratet, zwei Töchter
  • Diplom-Physikerin, Studium an den Universitäten Göttingen und Innsbruck
  • 1997 Berufsstart in einem Optikunternehmen in Mittelhessen
  • 2001 Einstieg in die Zeiss-Gruppe durch den Wechsel zum Zeiss-Bereich Halbleiter in Wetzlar
  • Seit 2015 Standortleiterin der ZEISS Halbleitersparte SMT in Wetzlar

Halbleiter-Industrie
Wegbereiter für die Digitalisierung

80
Prozent aller Mikrochips entstehen dank Zeiss


4.000
Mal dünner als ein Haar sind die Chipstrukturen


3.430
erteilte Patente führt die Zeiss-Halbleitersparte

Quelle: Carl Zeiss AG