Und zwar wann? Das ist natürlich sehr unterschiedlich. Insgesamt
wird die Lage aber 2010 noch schwieriger als in diesem Jahr. Die
Eigenkapitaldecke der Unternehmen wird dann deutlich dünner geworden sein,
während sich die Auslastung der Kapazitäten noch immer weit unter
Vorkrisenniveau bewegt. Selbst wenn es keine verschärften Probleme mit der
Kreditversorgung gibt, werden sich die Unternehmen in so einer Situation nicht
unbegrenzt verschulden können.
Sehen Sie inzwischen wachsende
Probleme mit der Kreditversorgung? Schwierigkeiten gibt es derzeit
naturgemäß vor allem bei längerfristigen Finanzierungen. Und die sind für die
Investitionsgüterindustrie nun einmal besonders wichtig. Daher war es sehr
hilfreich, dass die Regierung den Zugang zu Hermes-gesicherten Exportkrediten
erleichtert hat. Die große Furcht bleibt aber, dass die Finanzmarktprobleme 2010
neu aufbrechen, wenn es krisenbedingt zu mehr Kreditausfällen in der
Realwirtschaft kommt. Bevor die Banken die Schrauben noch fester anziehen, um
den Eigenkapitalanforderungen zu entsprechen, sollte daher dringend die
Verbriefung von Krediten erleichtert werden.
Immerhin hat die IG
Metall für 2010 schon eine moderate Tarifrunde angekündigt. Erleichtert Sie das?
Ermutigend ist jedenfalls, dass wir in der Beurteilung der
wirtschaftlichen Lage eindeutig nicht mehr so weit auseinander liegen wie vor
der Tarifrunde 2008 – damals hat die IG Metall ja noch argumentiert, unsere
Industrie stehe nicht vor einer Krise, sondern höchstens vor einer
Konjunkturdelle. Solche Verständigungsprobleme haben wir heute nicht mehr.
Trotzdem kommt es schon sehr darauf an, was die Ankündigungen der IG Metall
konkret bedeuten sollen.
Sie zweifeln an ihrer Aufrichtigkeit?
Keinesfalls. Wir haben ja in den vergangenen Monaten gemeinsam ein
intensives und erfolgreiches Krisenmanagement betrieben – zum Beispiel bei der
Umsetzung der Kurzarbeit. Was ich aber mit Sorge sehe: Die IG Metall führt
derzeit eine Debatte über die nächste Tarifrunde, die allzu leicht falsche
Erwartungen weckt. Es muss klar sein, dass Unternehmen für die Sicherung von
Arbeitsplätzen in der Krise nicht doppelt bezahlen können.
Das müssen
Sie erklären. Es gibt den Vorschlag, dass die Tarifparteien eine
Lohnerhöhung vereinbaren, die dann – je nach betrieblicher Situation – entweder
ausbezahlt oder für Beschäftigungssicherung eingesetzt werden soll. Das klingt
schön, es funktioniert so aber nicht. Arbeitsplätze sichert man, indem man
Betriebe von Kosten entlastet und nicht indem man Kostensteigerungen einfach
anders deklariert.
Und was folgt daraus für die Lohnpolitik?
Vor allem sollten wir vermeiden, jetzt Monate vor der Zeit
ritualhafte Lohndebatten zu führen, in denen sich Forderungen und Erwartungen
gegenseitig hochschaukeln. Die Krise ist nicht die Zeit um Rituale zu pflegen.
Eines lässt sich aber schon erkennen: Gemessen an den üblichen Eckdaten für die
Lohnpolitik – Produktivitäts- und Preisentwicklung – werden wir 2010 zum ersten
Mal seit Jahrzehnten einen negativen Verteilungsspielraum haben. Und dafür
müssen wir die passenden Formeln finden.
Wie sehen die aus?
Wie die Tarifpolitik in so einer Krisensituation am besten verfährt,
werden wir in den nächsten Wochen genauer überlegen müssen. Fakt ist:
Längerfristig haben Unternehmen bei einer negativen Produktivitätsentwicklung im
Prinzip nur zwei Optionen – entweder sie bauen Personal ab oder sie müssen Löhne
kürzen. Beides wollen wir natürlich nicht. Genau diese Aufgabe wird die
Tarifpolitik nun lösen helfen müssen.
Wollen Sie der IG Metall etwa
raten, die Lohnrunde im Frühjahr erst einmal auf Eis zu legen? Es
wäre nicht klug, wenn ich der IG Metall dazu nun irgendwelche Ratschläge geben
würde. Natürlich wollen wir uns unserer tarifpolitischen Verantwortung nicht
entziehen und unseren Tarifpartner sozusagen ins Leere laufen lassen. Im
Gegenteil: Wir wollen gerade in einer solchen Situation einen Schulterschluss
und sehen in unserer Branche die Chance zu einer Neubelebung der
Tarifautonomie.
Einen sehr konkreten Vorstoß hat die IG Metall
gemacht: Firmen in Schwierigkeiten sollen die Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden
senken dürfen. Hilft das, Arbeitsplätze zu sichern? Es kommt wieder
auf die Kosten an. Schon heute haben wir tarifvertraglich die Option, Löhne und
Arbeitszeiten parallel zu reduzieren – je nach Region auf 30 oder 29 Stunden.
Das entspricht einer Entlastung um 14 bis 17 Prozent. Dieses Instrument ist eine
sehr gute Ergänzung zur Kurzarbeit. Es weiter auszubauen, ist daher im Prinzip
vernünftig. Das funktioniert aber nur, wenn mit der zusätzlichen
Arbeitszeitverkürzung auch die Lohnkosten weiter sinken.
Die IG
Metall fordert allerdings einen „Teillohnausgleich“.Wenn das
bedeutet, dass der Betrieb auch bei einer 28-Stunden-Woche 30 Stunden bezahlen
muss, dann bringt das natürlich keine Entlastung...
...außer, der
Staat stellt die Differenz, wie gefordert, steuer- und abgabenfrei. Unterstützen
Sie das?Das ist in der Tat ein interessanter Ansatz. Wenn die
Regierung eine solche Regelung befristet auf das Jahr 2010 durch Steuer- und
Abgabenfreiheit unterstützt, dann könnte sich das unterm Strich für alle
Beteiligten rechnen. Es würde helfen, zusätzliche Arbeitsplätze zu sichern und
damit zugleich wichtiges Know-how für die Unternehmen. Und zudem wären sogar
Einsparungen beim Kurzarbeitergeld möglich. Denn bei einem Arbeitsausfall von 20
bis 25 Prozent ist diese Variante oftmals sowohl für die Betriebe als auch für
die öffentlichen Kassen günstiger als Kurzarbeit.
Zumindest
kurzfristig würden aber zusätzliche Haushaltsrisiken entstehen. Oder sollte man
dafür etwa die Erhöhung von Kindergeld und Kinderfreibeträgen
zurückstellen?Ich will den Stellenwert der Familienpolitik nicht
infrage stellen. Aber jede Zeit hat ihre Prioritäten. Die aktuelle Krise
betrifft Millionen Familien vor allem durch Furcht vor Arbeitslosigkeit. Wenn
die Regierung den Erhalt von Arbeitsplätzen zusätzlich unterstützen würde, dann
wäre das für die Betroffenen derzeit die beste Familienpolitik. Kurz gefasst:
Die Therapie sollte sich nach der Diagnose richten.
Die Regierung geht
davon aus, dass Entlastungen für Familien das Wachstum fördern werden. Sie
nicht? Wachstum ist das beste Mittel gegen die Krise, richtig. Aber
man muss eben auch fragen, welche konkreten Entlastungen am besten wirken. Und
da sollte in dieser Krise die Stabilisierung von Arbeitsplätzen und Know-how
absoluten Vorrang haben. Wenn die Krise vorbei ist, dann kann man ja immer noch
anderweitige Wohltaten ausstreuen, sofern dies den Schuldenabbau nicht
aushöhlt.
Das Gespräch führte Dietrich Creutzburg,
Handelsblatt.Erschienen am 11.11.2009