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Kannegiesser: Europa muss wirtschaftlich schneller zusammenwachsen

Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser im Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen zu EURO, Mindestlohn und Frauenquote

07.11.2011
kannegiesser2.jpgHAZ: Herr Kannegiesser, sie hatten in der zurückliegenden Woche eines Ihrer Hintergrundgespräche mit IG-Metall-Chef Berthold Huber in Hannover. Hat er Ihnen schon einmal zugeflüstert, wie viel die Gewerkschaft in der kommenden Tarifrunde im März fordern will?
Kannegiesser:
Nein, denn die IG Metall will mit der Forderung bis zum Februar warten. Das halte ich in dieser wirtschaftlich so unsicheren Lage auch für eine vernünftige und praxisnahe Vorgehensweise. Unser Weg ist derzeit voller Schlaglöcher, und links und rechts lauern Abgründe.
HAZ:
Aber die Metall- und Elektroindustrie steht doch gut im Saft. Kannegiesser: Wir haben in diesen Wochen den Vorkrisenstand wieder erreicht, das hat immerhin drei Jahre gedauert. Dieses Jahr wird für das Gros der Betriebe vernünftig verlaufen.
Aber die Unsicherheiten im Euro-Raum schlagen auch auf die Industrie durch. Etliche Unternehmen werden vorsichtiger in ihrer Disposition, weil sie von der letzten Krise noch angesengt sind. Auftragsverhandlungen gestalten sich schon wieder zäher. Das alles wird zu Bremseffekten führen. Und sollte die Euro-Krise vollends ausbrechen, würde das ohnehin sofort auf die Realwirtschaft durchschlagen. In solchen Zeiten wirtschaftlicher Volatilität wollen wir Betriebe und deren Arbeitsplätze krisen- und zukunftssicherer machen. Dies verlangt kurze Reaktionszeiten und Flexibilität.

HAZ:
Was wird dann aus Ihrer Ankündigung vom Sommer, die Branche werde in den verbleibenden Monaten nochmals 50 000 neue Vollzeitstellen schaffen?

Kannegiesser: Die werden wir trotz der Unwägbarkeiten aller Voraussicht nach einhalten können. Mit Blick auf das Gesamtjahr dürften es sogar 150 000 neue Stammarbeitsplätze werden. Damit hätten wir das Vorkrisenniveau fast wieder erreicht. Aber bei der weiteren Personalplanung ist man inzwischen schon wieder zurückhaltender.

HAZ: Immerhin hat die Zentralbank den Leitzins gesenkt, die Griechen machen nun doch keine Volksabstimmung zum Rettungsschirm.

Kannegiesser:
Das ist gut, denn diese Hängepartie hätte dem gesamten Rettungsprozess geschadet. Die Abhängigkeit von einzelnen Mitgliedsstaaten schwächt die Euro-Zone. Für uns muss der Erhalt des Euro oberste Priorität haben. Das ist wichtiger, als Griechenland zu retten. Europa muss wirtschaftlich schneller zusammenwachsen – wenn es sein muss, um den Preis einer Bereinigung um solche Staaten, die dafür noch nicht reif sind.

HAZ: Die Euro-Rettung verlangt auch den Banken harte Einschnitte ab. Fürchten Sie, dass die Institute wie in der letzten Krise bei den Krediten knausern könnten?

Kannegiesser:
Diese Kreditklemme wird inzwischen gern auch als Drohkulisse aufgebaut. Die Banken leben von gesunden Kunden und Schuldnern. Kredite sind keine Gnadenakte, sondern ihr Kerngeschäft – das sie zu lange vernachlässigt haben. Im Zweifel wird der Wettbewerb schon dafür sorgen, dass es ein anderer übernimmt. Gleichwohl: Die Anforderungen an die Bonität der Schuldner werden steigen.

HAZ: In Berlin hat die CDU mit einer Kehrtwende beim Mindestlohn überrascht. Sie will nun doch eine flächendeckende Einführung.

Kannegiesser: Das ist für die Partei im Wettlauf um Wählergunst wohl wie Sand im Schuh, den man endlich loswerden will. Der Sache ist damit aber nicht gedient. Ich befürchte, dass solche Vorgaben das Entstehen von Arbeitsplätzen im Niedriglohnsektor eher behindert. Den bisherigen Grundsatz, einen Lohn im Zweifel durch staatliche Mittel auf ein Mindesteinkommen aufzustocken, halte ich nach wie vor für richtig. Die arbeitsmarktpolitischen Erfolge bestätigen dies im Übrigen. Doch das Klima hat sich gedreht, und heute erscheint die wirtschaftliche Situation besser. Deshalb hält die Politik diesen Schritt jetzt wohl für opportun. Für uns ist entscheidend, dass es keine direkten politischen Vorgaben für die Höhe von Mindestlöhnen geben darf.

HAZ:
Auch die Forderung nach einer Frauenquote in den Führungsetagen deutscher Konzerne dürfte Ihnen gegen den Strich gehen.

Kannegiesser: Es ist doch keine Frage: Wir können es uns gar nicht erlauben, auf die Talente und Fähigkeiten der Frauen zu verzichten. Deshalb müssen alle gesellschaftlichen Gruppen daran arbeiten, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert wird. Allerdings kann man so eine Quote nicht zum ideologischen Mantra erheben. Es würde die Betriebe – gerade in unserer Industrie – schlicht überfordern. Weibliche Führungskräfte müssen erst einmal von unten nachwachsen, und das dauert. Wo sollen wir sie denn jetzt plötzlich herbekommen? Wir haben mit dem allgemeinen Fachkräftemangel schon genug zu kämpfen.

HAZ: Die IG Metall will in der kommenden Tarifrunde eine unbefristete Übernahme der Ausgebildeten durchsetzen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Das müsste doch auch in Ihrem Sinn sein.

Kannegiesser: Wir übernehmen doch heute schon 75 Prozent aller Ausgebildeten. Der Rest unterzieht sich weiteren Bildungsmaßnahmen oder geht in andere Betriebe. Das heißt aber auch, dass es stets gute Gründe gibt, warum man nach der Ausbildung wieder auseinander geht. Diese Flexibilität müssen wir erhalten. Ein Zwang zur Übernahme würde den Ausbau von Lehrstellen bremsen, ohne dass man auf der anderen Seite viel gewinnen würde. Viel wichtiger ist, dass wir bei denen etwas tun, die nicht die nötige Ausbildungsreife haben. Die Förderung dieser Jugendlichen liegt uns am Herzen – und der IG Metall ja auch. Bei einer generell unbefristeten Übernahmegarantie sofort nach Schulabschluss würden die Betriebe zurückhaltender sein müssen, speziell bei Programmen für ausbildungsschwache Jugendliche. Das wäre kontraproduktiv.

HAZ: Bei der Leiharbeit dürften sich weniger Gemeinsamkeiten finden. Sie will die IG Metall ebenfalls zum Thema in den Verhandlungen machen.

Kannegiesser:
Nur ist das eine Frage, die in die Verhandlungen von Gewerkschaften und Zeitarbeitsverbänden gehört. Zweifelsohne ist es nötig, die Tarife für die Beschäftigten differenzierter auszugestalten. Schließlich sind die Lohnniveaus bei uns in der Metall- und Elektroindustrie andere als etwa im Einzelhandel. Man könnte das zum Beispiel über Branchenkoeffizienten regeln. Aber das ist nicht unsere Aufgabe. Und die Idee gleicher Bezahlung von Stamm- und Leihbeschäftigten halte ich für bedenklich. Kann man wirklich einen langjährigen Mitarbeiter mit großer Erfahrung im Betrieb gleichsetzen mit jemandem, der gerade ein paar Monate dabei ist?

HAZ:
Sie werden in wenigen Jahren 70, stehen seit elf Jahren an der Gesamtmetall-Spitze – neben Ihrem vollen Terminkalender als Unternehmer. Wie lange wollen Sie diese Belastung noch schultern?

Kannegiesser: Zunächst ist das keine Frage des Alters. Ich bin noch für gut ein Jahr an die Spitze von Gesamtmetall und die europäischen Metallarbeitgeber gewählt worden. Das will ich auf jeden Fall ordentlich zu Ende bringen, und dann sehen wir weiter.


Das Interview führte Lars Ruzic, Hannoversche Allgemeine Zeitung.
Erschienen am 07. November 2011.

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