35.000 Quadratmeter Zukunft

Chef-Interview: Uwe Bartmann, CEO von Siemens Deutschland, über den Standort Frankfurt

Frankfurt.

Die Arbeitswelt von morgen mit intelligenten Gebäuden, die sogar auf die individuelle Lieblingstemperatur der Beschäftigten eingehen können: Im Juni hat Siemens in der Nähe des Frankfurter Flughafens den Grundstein gelegt für eine neue Niederlassung mit 35.000 Quadratmeter Bürofläche, von denen 20.000 Quadratmeter für Fremdfirmen zur Verfügung stehen. Hessenmetall sprach mit Uwe Bartmann, CEO von Siemens Deutschland, über die enge Verbindung des Konzerns zu Frankfurt und die Herausforderungen der Zukunft.

Herr Bartmann, warum bauen Sie einen neuen Standort in Frankfurt? 

Siemens verbindet mit Frankfurt eine lange Tradition. 1848 haben wir die erste Telegrafenverbindung zwischen Berlin und der Paulskirche in Frankfurt gebaut. 1892 kam die erste Niederlassung, und seitdem haben wir etliche Standorte in Hessen aufgebaut. Heute ist die Stadt für uns ein wichtiger Wirtschafts­standort und eine Innnovations- und Technologie-Hochburg. Zudem punktet sie als Finanzzentrum, internationale Verkehrsdrehscheibe und vieles mehr. Am neuen Standort schätzen wir die gute Anbindung und den Stadtwald, der den Beschäftigten eine grüne und lebenswerte Umgebung bietet.

Was ist das Besondere am Gebäude-Ensemble „The Move“? 

Beim Bau wird alles genutzt, was Siemens an moderner Gebäudetechnik und auch im Sinne der Nachhaltigkeit zu bieten hat, von der effizienten Klimatechnik bis zu ausgefeilten Sicherheitskonzepten. Wir schaffen hier einen smarten Komplex für flexible Arbeitswelten, in denen die Arbeitsflächen je nach Bedarf genutzt werden können. Zudem wird es Konferenz- und gemeinschaftlich nutzbare Flächen geben sowie Gastronomie in einem auch für Besucher offenen Bereich. Mithilfe automatisierter und digitalisierter Technologien stellt sich das Gebäude ganz auf die Benutzer und äußere Gegebenheiten wie das Wetter ein. Alles ist in Bewegung, deshalb auch der Name „The Move“.

Hat die Pandemie Pläne verändert?

Siemens hat schon vor gut zehn Jahren ein Office-Konzept mit einer sehr flexiblen Arbeitsplatzgestaltung eingeführt und kontinuierlich weiterentwickelt. Heute ist das Standard für 80.000 Siemens-Beschäftigte weltweit. Dadurch konnten wir sie – wo die Tätigkeit das zuließ – schnell ins Homeoffice schicken. Trotzdem hat die Pandemie gezeigt, dass wir noch flexibler werden müssen. Denn in Zukunft wollen sicherlich noch mehr Beschäftigte flexibel zwischen Büro und Homeoffice wechseln als bisher.  

Wie hilft die Digitalisierung? 

Die Digitalisierung ist die Grundvoraussetzung für The Move. Sie stellt das Zusammenspiel komplexer Systeme über alle Gebäude und Netze hinweg sicher und sorgt auch für eine effiziente Energieversorgung. So lassen sich die Emissionen von klimaschädlichen Treibhausgasen reduzieren und CO2-Ziele erreichen. Ein intelligentes Gebäude weiß, wo gearbeitet wird und wo nicht, und regelt danach Temperatur und Licht. Mit der Zeit lernt es, wer es kühler mag und richtet den gebuchten Raum diesen Vorlieben entsprechend ein. So spart man Energie. Übrigens gab es noch vor der Grundsteinlegung bereits einen digitalen Zwilling des Gebäudes, der für den Bau und später auch für den nachhaltigen Betrieb genutzt werden wird. Die Digitalisierung eröffnet uns einfach ungeahnte Möglichkeiten in allen Bereichen. Wir sind auf einer spannenden Reise in eine neue, irgendwann für uns normale Welt.   

Hat diese Reise Siemens schon verändert?

Ja, sogar sehr. Früher haben wir Produkte hergestellt und – überspitzt gesagt – durften die Kunden sie dann kaufen. Heute entwickeln wir gemeinsam Lösungen, und es ist in Ordnung, wenn der Kunde im Rampenlicht steht und nicht wir. Kunden von uns in Hessen sind beispielsweise BioNTech mit seiner Produktion in Marburg und OptoTech in Wettenberg. Mithilfe unserer Automatisierungs- und Steuerungstechnik wurde dort eine Optikmaschine für großflächige Teleskopspiegel entwickelt. Dadurch wird es möglich sein, unvorstellbare 13,5 Milliarden Lichtjahre weit ins All zu blicken. Da ist man schon stolz, solche Innovatoren unterstützen zu können und zu Siemens zu gehören.

Zur Person

Uwe Bartmann

  • 1966 in Mannheim geboren
  • Studium der Betriebswirtschaftslehre an einer dualen Hochschule
  • 1985 Einstieg bei Siemens
  • Seit 1993 verschiedene Leitungspositionen bei Siemens Deutschland
  • Seit 2016 leitet er als CEO von Siemens Deutschland unter anderem den Bereich Smart Infrastructure und repräsentiert die Siemens AG gegenüber Politik und Öffentlichkeit


Beispiele für smarte Siemens-Technologien in Hessen

  • Mit Hilfe von Steuerungs- und Automatisierungstechnik von Siemens hat OptoTech, Wettenberg, eine Optikmaschine für großflächige Teleskopspiegel entwickelt. Diese Spiegel werden gebraucht für neuartige Weltraumteleskope, mit denen man unvorstellbare 13,5 Milliarden Lichtjahre weit blicken kann. Die Entfernung von der Erde zur Sonne beträgt nur 8,3 Lichtminuten.
  • Siemens und E.ON haben beim 3D-Druck einen wichtigen Meilenstein erreicht. Der weltweit erste 3D-gedruckte Brenner für eine Gasturbine vom Typ SGT-700 ist in einem Kraftwerk im hessischen Philippsthal in Betrieb.
  • Das Gesundheitsunternehmen Fresenius Kabi, Bad Homburg, entwickelt Medikamente und Medizintechnik für chronisch und kritisch kranke Menschen. Ein zentrales Element der Produktion ist die Rundtaktautoklaven-Anlage, in der Infusionslösungen sterilisiert werden. Je nach Beutelinhalt muss ein anderes Programm gefahren werden mit verschiedenen Temperaturen und Drehzeiten.  Das Be- und Entladen übernimmt ein Roboter. Die komplette Anlage wurde mit einer Siemens-Steuerung auf den neusten Stand der Technik gebracht.
  • Mit einer Siemens-Software stellt der Pharmakonzern Sanofi am Standort Frankfurt Medikamente präzise, steril und unter den exakt erforderlichen Temperaturen her. Neben der Automatisierungssoftware nutzt Sanofi auch speicherprogrammierbare Steuerungen von Siemens bei vielen Ansatz-, Kontroll- und Verpackungsmaschinen.
  • B.Braun in Melsungen betreibt die modernste Infusionslösungs-Fertigung Europas. Im Produktionsprozess erfasst die Siemens-Prozessleittechnik sämtliche qualitätsrelevanten Produktionsdaten und speichert, um den strengen gesetzlichen Vorgaben für die Pharma-Herstellung zu genügen, da danach jeder Schritt bei der Herstellung der Medizinprodukte lückenlos nachprüfbar sein muss.
  • Siemens lieferte die Sicherheitstechnik und Gebäudeautomation für den Taunusturm in Frankfurt, ein sogenanntes „Green Building“. Als erstes Hochhaus in der Mainmetropole wurde es nach dem US-LEED-Standard (Leadership in Energy and Environmental Design) mit der höchsten Stufe „Platinum“ für ressourcenschonendes Bauen und Bewirtschaften zertifiziert.
  • Auf dem Weg zum „grünen Campus“ vertraut die Hochschule Darmstadt auf Produkte und Services von Siemens. Ziel für das 60-Meter-Hochhaus: Klimaneutraler Betrieb bis 2030.
  • Für die FAZ setzte Siemens ein ganzheitliches Konzept zur Reduzierung der der Energiekosten im Verlagshaus in Frankfurt um. Über verschiedene Maßnahmen konnte eine jährliche Energieeinsparung von 20 Prozent bzw. 110.000 Euro erzielt werden. Die CO2-Emissionen werden um 16 Prozent verringert

Autorin: MAJA BECKER-MOHR