„Schwarm-Intelligenz gibt es auch bei Ventilen“

Chef-Interview - Andreas Widl von SAMSON über das Potenzial der Digitalisierung

Wirtschaftszeitung AKTIV vom 15. März 2021 von Maja Becker-Mohr

Foto: AKTIV/Gerd Schefler


Frankfurt. Mit weltweit 4.500 Mitarbeitern, davon gut 2.000 am Firmensitz in Frankfurt, zählt die SAMSON AG zu den führenden Prozessautomatisierern für die Steuerung und Regelung von Flüssigkeiten und Gasen. Kernkompetenz sind Stellventile, die z.B. den Durchfluss solcher Stoffe regeln. aktiv sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Andreas Widl über smarte Ventile und den digitalen Wandel in einem mehr als 100 Jahre alten Traditionsunternehmen.

Was kann SAMSON besonders gut?

Wir stellen Ventile sowie ganze Regelsysteme für die Prozessindustrie her. Die braucht man, wenn man den Durchfluss bzw. den Druck von Gasen oder Flüssigkeiten sicher regeln will. Das gilt für viele Anwendungen in der Industrie, egal ob es um die Produktion von Benzin, Hustensaft, Bier oder auch um Impfstoffe geht. Wir produzieren traditionell fast alles selbst, vom handgroßen Regler bis zu mannhohen Ventilen. Lediglich den Rohguss und diverse Anbauteile kaufen wir zu.

Welche Rolle spielt bei Ihnen die Digitalisierung?

Wir befinden uns mitten in einer Transformation, bei der interne und externe Digitalisierung eine Schlüsselrolle spielt. SAMSON hat eine über 100 Jahre alte Erfolgsgeschichte und Erfahrung insbesondere im Umgang mit „Eisen“: Auslegen, entwickeln, konstruieren, zerspanen, montieren und testen. Immer mehr fand die Elektronik und Mechatronik Einzug in unsere Produkte, denn Regelungstechnik basiert zunehmend auf Elektronik. Digitalisierung ist der nächste logische Schritt, denn wo Daten anfallen, kann man analysieren, diagnostizieren und kommunizieren. Wir entwickeln uns also von der Ventilmanufaktur zur smarten Fabrik mit intelligenten Produkten und transparenten Prozessen. Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck für uns. Wir nutzen neue Technologien, um alte und neue Probleme zu lösen, um die eigene Produktivität zu steigern, auch um Energie und Geld zu sparen. Wir investieren in additive Fertigungsverfahren wie den 3-D-Druck, um neue strömungsmechanische Lösungen im Ventil zu finden. Wir entwickeln Algorithmen zur Selbstdiagnose unserer Ventile, um unseren Kunden von der Norm abweichende Prozesszustände frühzeitig mitzuteilen. Nur mit kontinuierlicher Innovation halten wir Marktbegleiter auf Abstand – auch im traditionellen Eisen.

Was machen Sie da konkret?

Hier im Werk haben wir durch Digitalisierung zum Beispiel die Produktivität an einzelnen Maschinen um über 30 Prozent steigern können. Dafür rüsteten wir unsere Produktionsmaschinen mit Sensoren aus, die Körperschall, Stromaufnahme und anderes messen. Diese Daten werden in Echtzeit erfasst, analysiert und auf Bildschirmen in der Fabrik und Smartphones visualisiert. Insbesondere die graphische Darstellung der Daten haben unsere Mitarbeiter in der Produktion, an den Maschinen, festgelegt. Die enorme Steigerung der Produktivität hat also viele Väter, Digitalisierung ist nur einer davon.

Werden auch ihre Produkte digitaler?

Ja. Wir waren die erste Firma, die einen kommunikationsfähigen, digitalen Stellungsregler vor Jahrzehnten in den Markt gebracht haben. Der Stellungsregler bestimmt, wie das Ventil den Durchfluss oder Druck des Mediums steuert. Dieser Regler erfasst weit über 1.000 Datenpunkte, die aber in dieser Form dem Kunden keinen Mehrwert bringen. Also stellen wir heute digitale Dienste unseren Kunden zur Verfügung, damit prozessrelevante Informationen aus diesen Daten in die Gesamtdiagnose einer verfahrenstechnischen Anlage einfließen. Weiterhin integrieren wir Sensorik in unsere Ventile, wodurch sich völlig Erkenntnisse ergeben, z. B. Veränderung der Viskosität – also Zähigkeit – einer Flüssigkeit. Man stelle sich vor, was passiert, wenn sie tausende von Regelventilen von SAMSON in einer Chemieanlage verbaut haben, und diese sich untereinander und mit Pumpen anderer Hersteller unterhalten, dabei eine sogenannte Schwarmintelligenz im Produktionsprozess entstünde und den Betreiber frühzeitig mit systemkritischen Informationen versorgen würde. Aus meiner Sicht wird das kommen und deshalb müssen unsere Produkte digitaler werden.

Und Sie gehen noch weiter?

Ja, über ein Joint Venture mit dem Duisburger Messtechnik-Spezialist Krohne haben wir den ersten intelligenten Prozessknoten Focus-1 entwickelt. Er vereint die Ventil- und Messtechnik mit einzigartigen Diagnose- und Regelfunktionen. Focus-1 hat einen integrierten Ultraschall-Durchflusssensor, Druck- und Temperatursensor und basiert auf einer hochinnovativen Software- und Hardware-Architektur. Gerade letztere ist Voraussetzung für Schwarmintelligenz und selbstlernende Systeme. Focus-1 ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur autonomen Fabrik, die – überwacht vom Menschen – selbstständig produziert und sich dabei im Betrieb optimiert.

Was ist die größte Herausforderung im Zusammenhang mit der Digitalisierung?

Die Digitalisierung stellt uns in vielerlei Hinsicht vor Herausforderungen. Zwei Dinge treiben mich aber besonders um: Die Bedeutung eigener digitaler Marktplätze, damit wir als Mittelstand unabhängig bleiben von den großen Plattformanbietern wie Google und Co. Wer das nicht schnellstens versteht, wundert sich irgendwann, warum wir sozusagen Öl an den Fingern haben und andere mit unseren Prozess-Daten Geld verdienen. Das Zweite ist unsere Aufgabe, die Menschen und die Gesellschaft wirklich mitzunehmen in die digitale Zukunft. Visionen sind wichtig, aber wenn die Ängste vor dem Unbekannten schwerer wiegen als die mit der Digitalisierung verbundenen Chancen, verlieren wir erfahrene Mitarbeiter und Teile der Belegschaft. Wir müssen also die Frage beantworten, was das für jeden einzelnen bedeutet und wie wir ihn oder sie mit auf die Reise nehmen können – sofern allerdings die Bereitschaft dafür besteht. Ich finde es nämlich bemerkenswert, dass einige Gegner der digitalen Transformation im privaten Bereich längst alle Vorzüge der Digitalisierung für sich in Anspruch nehmen: Auswahl und bestellen übers Internet, Verfolgung der Lieferung auf dem Smartphone, teilen von Erfahrungen auf den sozialen Plattformen usw. Es bleibt spannend und ich sehe in jeder Beziehung große Chancen für SAMSON, das Feld nicht Google und Co. zu überlassen. Wichtig ist, dass auch unsere Kunden begreifen, dass SAMSON noch mehr zu bieten hat als erstklassige Regelventile, Kundennähe und Service vor Ort, nämlich Prozessintelligenz, Cloud-Dienste, selbstlernende Systeme und mehr.

Wie kommen Sie an neue Ideen?

Das Streben nach Innovation ist schon immer Teil der SAMSON-DNA. Wir haben vor einigen Jahren in München einen Think-Tank gegründet, die SAMSON Pilotentwicklung. Dort entwickeln wir Infrastruktur und Dienste, mit der Ventile per Download Selbstdiagnose praktizieren, Roboter oder Drohnen autonom Aufgaben verrichten oder sogenannte Edge-Devices verschlüsselt miteinander kommunizieren. Außerdem beteiligen wir uns an Start-Ups, die uns befruchten und beschleunigen, wo uns heute die Fähigkeiten fehlen. Wir kooperieren partnerschaftlich mit Firmen wie Krohne und inspirieren uns gegenseitig – ohne Eitelkeiten und „not-invented-here“-Syndrom. Die Herausforderungen der Zukunft werden wir nur gemeinsam meistern und mit Hilfe neuester Technologien.

Worüber können Sie sich richtig freuen?

Über Erfolg im Team, wenn man als Gruppe gemeinsam etwas erreicht. Das gilt privat wie auch beruflich. Kein sportlicher Erfolg und keine Niederlage waren gefühlt so intensiv wie in meiner aktiven Handballzeit. Im Teamsport lernt man übrigens auch Führung und Unterordnung – bei allem persönlichen Ehrgeiz. Auch Skitouren sind für mich eine tiefe Erfüllung, vor allem in kleiner, vertrauter Gruppe. Ich freue mich, wie gut wir gemeinsam bei SAMSON dieses wirklich schwierige Jahr 2020 gemeistert haben und wir gestärkt in das Jahr 2021 starten konnten. Ich bin unheimlich stolz auf mein gesamtes Team.

Zur Person

Dr. Andreas Widl gehört seit 2013 zum Vorstand der SAMSON AG und wurde 2015 zum Vorstandsvorsitzenden berufen. Als CEO verantwortet er die strategische Ausrichtung und die digitale Transformation des Unter­nehmens sowie als CMO die Bereiche Vertrieb und Marketing. Der begeisterte Sportler und Familienvater ist promovierter Physiker (Studium an der TU München) und hatte vor seinem Eintritt bei SAMSON Führungspositionen bei Mannesmann und GE Capital inne. Beim Schweizer Oerlikon Konzern verantwortete er die Restrukturierung mehrerer Geschäftsbereiche, als Asien-Präsident das regionale Wachstum der Gruppe und war über vier Jahre CEO von Leybold Vacuum.
 

Zum Unter­nehmen

Die SAMSON AG ist ein international aufgestellter Spezialist für Mess- und Regeltechnik.  Das über 100 Jahre alte Unter­nehmen ist bis heute im Familienbesitz und nicht an der Börse gelistet. Weltweit arbeiten 4.500 Menschen für SAMSON, davon 2.000 am Stammsitz in Frankfurt. Rund um den Globus ist SAMSON mit über 50 Tochtergesellschaften in 40 Ländern vertreten. Anlagen mit SAMSON-Ventilen sind immer da aktiv, wo Dinge im Fluss sind: Öle, Gase, Dämpfe oder chemische Substanzen. Sie sind im Einsatz bei der Produktion von zum Beispiel Kunststoffen, Medikamenten, Benzin und Papier. Sie klimatisieren Gebäude und verteilen Fernwärme in ausgeklügelten Netzen. Auch die Lebensmittelindustrie setzt auf das Know-how aus Frankfurt: Etwa 80 Prozent aller Biere weltweit werden gebraut in Anlagen, in denen SAMSON-Ventile regeln. Und sogar in Zoos, zum Beispiel in Löwen-Gehegen, gibt es dank SAMSON Dschungelatmosphäre und je nach Wunsch Sprühnebel oder auch Monsunregen.