Wir wachsen kräftig – gegen den Trend

Chefinterview mit Jürgen Keller, Geschäftsführer von Hyundai Motor Deutschland

Wirtschaftszeitung Aktiv vom 12. März 2022

Offenbach. Hyundai Motor Deutschland ist der erfolgreichste asiatische Automobilimporteur auf dem hiesigen Markt und weiter auf Wachstumskurs. aktiv sprach mit Jürgen Keller, Geschäftsführer des Unter­nehmens, über seine Freude an vermeintlich alten Werten und an alternativen Antriebstechnologien.

Was fasziniert Sie an Autos und dem Thema Mobilität? 

Ich war nie ein Technik-Freak und habe auch nicht mit 16 an Autos herum geschraubt. Mich hat aber schon immer das Geschäftsfeld Auto fasziniert, wie sich Unter­nehmen und Märkte verändern und welchen Einfluss Technologien darauf haben. Im Studium hatte ich dann Kontakt zu vielen Automobilherstellern, schrieb meine Diplomarbeit bei BMW und stieg dann bei Opel ein. Dabei waren es letztlich immer das Marketing und der Vertrieb, die mich reizten. 

Wie fühlt man sich, geprägt von der deutschen Autoindustrie, in einem asiatischen Unter­nehmen? 

Ausgesprochen gut. Hyundai hat mich schon lange fasziniert, nicht nur im Hinblick auf die Mobilität der Zukunft. Es ist ein Weltkonzern mit über 120.000 Beschäftigten. Das wird einem so richtig klar, wenn man in Korea aus dem Flugzeug steigt und wirklich überall dem Namen HYUNDAI lesen kann. Als man mich fragte, ob ich Geschäftsführer von Hyundai Deutschland werden möchte, fiel mir der Wechsel leicht, weil ich hier meine Erfahrungen einbringen und auch viel Neues lernen kann.

Trotz Branchenkrise war 2021 für Sie ein Jahr der Rekorde... 

Ja.2021 konnten wir in Deutschland 106.620 Fahrzeuge zulassen und mit diesem Plus von 1,5 Prozent gegen den Branchentrend unseren Marktanteil auf 4,1 Prozent steigern. Das beste Marktanteilergebnis für uns bisher. Das macht uns sehr stolz. Dazu kommt: Zwei Drittel der von Hyundai zugelassenen Fahrzeuge haben bereits einen alternativen Antrieb. Wir wurden 47-mal Sieger in Vergleichstests von Fachzeitschriften. Und der batterieelektrische Ioniq 5 ist Deutschlands Auto des Jahres 2022. Mit knapp 2.200 Mitarbeitern bundesweit ist der Hyundai Konzern der größte Arbeitgeber unter den Importmarken in Deutschland – und auch diese Zahl wird weiterwachsen.

Woher kommt dieser Erfolg? 

Er hat meines Erachtens viel mit der Kultur von Hyundai zu tun, sich über Unter­nehmensgrenzen hinaus zu engagieren und auch Verantwortung zu übernehmen. Verlässlichkeit, Vertrauen, klare Ziele, die konsequent verfolgt werden, und nicht zuletzt ein respektvoller Umgang mit Menschen und Natur sind hier fest verankert. Das deckt sich mit den Werten, die mir wichtig sind.

Wie zeigen sich diese Werte? 

Sie zeigen sich im Großen und im Kleinen. Nehmen Sie als Beispiel das Thema Umwelt- und Klimaschutz. Wir wollen bis 2045 weltweit mit allen Produkten und Betrieben klimaneutral sein und schon ab 2035 in Europa keine Fahrzeuge mit Verbrenner-Motoren mehr anbieten. Vermutlich werden wir diese großen Ziele noch vor der Zeit erreichen. Aber wir tun auch im Kleinen viel. In Nordrhein-Westfalen entsteht in Kürze ein kleiner Wald, weil wir dort für jeden verkauften IONIQ 5 einen Baum pflanzen. Für das Modell bieten wir auch nachhaltige Fußmatten aus Recyclingmaterial an, das aus weggeworfenen Fischernetzen gewonnen wird. Denn wir unterstützen mit der Meeresschutzorganisation Healthy Seas Aufräumaktionen in den Weltmeeren.  Aber wir fördern auch Kunst und Sport und kooperieren in Hessen zum Beispiel mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt und mit dem Bundesligisten Eintracht Frankfurt. All diese Werte zeigen sich übrigens auch schon im Logo von Hyundai. Mit der Gründung der Hyundai Motor Group 1967 wurde auch das bis heute genutzte und nur wenig modifizierte Logo entwickelt. Es zeigt nicht einfach nur ein „H“ in einem Oval. Das Logo symbolisiert vielmehr zwei Menschen, die sich die Hand geben und steht so für Vertrauen und Zufriedenheit.

Wie sieht aus Ihrer Sicht die Mobilität der Zukunft aus?

Der batterieelektrische Antrieb wird die nächsten Jahre noch prägen, aber parallel dazu werden sich Wasserstoff und die Brennstoffzelle etablieren, nicht nur im Schwerverkehr. Hyundai ist der Marktführer für diese Antriebstechnologie. In der Schweiz läuft schon eine ganze Flotte der ersten von Hyundai in Serie hergestellten Brennstoffzellen-Lkws, weil es dort bereits ein gut funktionierendes Wasserstoff-Tankstellennetz gibt. Daneben entwickeln wir die Assistenzsysteme weiter und man wird darüber fast schon automatisch in Richtung autonomes Fahren trainiert. Denn auch das wird kommen. Genauso wie Autos, die ihre Wartungstermine selbstständig erkennen und dem Fahrer in naher Zukunft vor der Buchung einen Termin in der Werkstatt vorschlagen. Ganz unabhängig von der technologischen Entwicklung geht der Trend vor allem im Ballungsraum weg vom Fahrzeug-Besitzer zum Fahrzeug-Nutzer. Auch hier haben wir den Trend frühzeitig erkannt: Seit Ende 2021 bieten wir das Auto-Abo mit unserem Partner ViveLaCar an, bei dem man ein Fahrzeug nur für ein paar Wochen oder Monate mietet – so sind auch viele unserer Kunden erstmals mit einem batterieelektrischen Modell in Berührung gekommen.

Haben Sie ein Lieblingsmodell?

Als Chef von Hyundai Motor Deutschland wechsele ich etwa alle sechs Monate das Dienstfahrzeug, um wirklich alle Modelle aus eigener Erfahrung kennen zu lernen. So kam ich auch 2021 als einer der ersten in den Genuss, einen IONIQ 5 zu fahren. Der hat mich rundum begeistert. Aktuell ist es ein Santa Fe Plug-in-Hybrid, unser SUV-Topmodell mit kombiniertem Elektro- und Benzin-Antrieb. Und auch der ist richtig toll.

Wie digital sind diese Fahrzeuge und buchen die schon selbstständig Werkstatttermine?

Die Fahrzeuge sind schon sehr digital. Dank Bluelink Telematikdienst und Cloud-basierter Navigation bekommt man Verkehrsinfos in Echtzeit. Über die Bluelink-App kann man das Auto per Fingertipp absperren und auch aus der Ferne den Ladestatus checken oder die Klimaanlage starten. Werkstatttermine buchen die Autos noch nicht selbstständig, aber das kommt.  Dabei ist das aktuell weniger ein technisches Problem. Dahinter verbirgt sich ja auch die Frage: Wer bekommt den Termin, wer liefert welche Teile etc.? Der Servicepartner um die Ecke oder die Werkstatt nahe am Heimatort? Sie sehen: Wir sind wieder beim Thema Werte und dem partnerschaftlichen Umgang mit unseren Handelspartnern, die wir in die Ausgestaltung solcher Prozesse immer mit einbeziehen.

Wo sehen Sie aktuell die größte Herausforderung?

Der Klimawandel ist Fakt und keine Utopie mehr. Wir alle sind gefordert, jetzt Verantwortung zu übernehmen und ihn durch unsere Entscheidungen zumindest abzuschwächen, vielleicht sogar zu stoppen. Und das ist eine wirklich große Herausforderung.

Warum wurden Sie Mitglied bei Hessenmetall?

Hyundai Motor Deutschland ist Mitglied bei HESSEN­METALL, da der Verband uns mit zahlreichen Leistungen unterstützt – von Informationsveranstaltungen und Schulungen bis hin Beratung zu arbeitsrechtlichen Fragestellungen. Dies hat sich vor allem während der Corona-Pandemie als besonders wertvoll für unser Unter­nehmen und damit auch für unsere Mitarbeiter erwiesen.

Text: Maja Becker-Mohr