„Beim Schweißen kommt man an uns nicht vorbei“

Wirtschaftszeitung Aktiv vom 12. Dezember 2020

Chef-Interview Torsten Müller-Kramp von Abicor Binzel über technische Standards

Buseck. Produkte von Alexander Binzel Schweisstechnik in Buseck bei Gießen sind unter dem Markennamen Abicor Binzel bei Schweißern in der ganzen Welt bekannt. Der Technologie- und Weltmarktführer der Branche wurde nun vor Kurzem mit dem Innovations- und Wachstumspreis Hessenchampion ausgezeichnet. Mit dem langjährigen Geschäftsführer Torsten Müller-Kramp sprach aktiv über die Anerkennung von Leistung, technische Standards und die Kunst, die Nase vorne zu behalten.
 
Wie fühlt man sich als frisch gekürter Hessenchampion?  
Gut, wirklich gut. Mit dieser Ehrung haben wir sogar einen Triple geschafft: Die IHK Gießen-Friedberg zeichnete uns mit dem Unter­nehmenspreis 2018 aus, dann kam 2019 der begehrte Wirtschaftspreis „Großer Preis des Mittelstandes“, und jetzt wurden wir Hessenchampion in der Kategorie Weltmarktführer. Auf all das sind wir sehr stolz.

Wie wird man Weltmarktführer?  
Mit harter Arbeit, guten Ideen, Mut und sicher auch, indem man seinen Mitarbeitern eine lange Leine lässt. Als ich 1999 gefragt wurde, ob ich hier Geschäftsführer werden möchte, kannte ich das Unter­nehmen nicht. Aber meine Ausbildung und meine Erfahrung passten perfekt. Damals produzierte Abicor Binzel 230.000 Schweißbrenner. Inzwischen sind es über 600.000, und wir beschäftigen 1.250 Mitarbeiter weltweit, davon 419 hier in der Zentrale in Buseck.

Warum sind solche Preise wichtig?  
Weil sie eine klare Anerkennung der Leistung sind, die man über Jahre gemeinsam im Unter­nehmen erbracht hat. Nach meinem Studium lernte ich als wissenschaftlicher Assistent an der Uni Hannover, sehr selbstständig zu arbeiten. Der Institutsleiter knüpfte die Kontakte zur Industrie, gab uns Doktoranden Impulse und ließ uns dann einfach machen im Vertrauen darauf, dass wir gute Ergebnisse liefern. Und wir haben ihn nicht enttäuscht. Vor 30, 40 Jahren war das eine sehr moderne Form der Führung, die mich geprägt hat und die ich für mein Berufsleben übernommen habe.

Was tun Sie, um sich vom Wettbewerb abzuheben?
Technologische Trends erkennen und mitgestalten ist sicher eine unserer Stärken. Wir investieren in Forschung und Entwicklung, bieten auch umfangreiche schweißtechnische Systemlösungen einschließlich Sensorik und Stromquelle rund um den Roboter an. Wir haben eine große Fertigungstiefe, produzieren zum Beispiel besonders robuste, leichte und gleichzeitig flexible Kabel selbst, auch Verschleißteile wie Stromdüsen, Gasdüsen oder Wolfram-Elektroden für die Schweißbrenner. Schweißer verbinden mit uns höchste Qualität, weil sie sich auf unsere Brenner immer verlassen können. Nicht von ungefähr ist Abicor Binzel in der Schweißtechnik eine der am meisten kopierten Marken der Welt.

Und Sie produzieren weltweit?  
Ja, wir produzieren außer in Buseck und Dresden in den USA, in Brasilien, Indien, China und Russland und auch in Tschechien. Ohne diese Standorte gäbe es uns vermutlich nicht mehr. Neben den hochflexiblen, aber auch Hochlohnstandorten in Deutschland brauchen wir ein Netzwerk guter Standorte inklusive großer Fertigungstiefe und Top-Logistik. Wir stellen in Buseck Prototypen und Spezialitäten her, Einzelstücke oder auch kleinere Serien, die schnell geliefert werden müssen. Die Bauteile dafür kommen fast alle aus eigenen Werken. Unsere Schweißbrenner gibt es neben den Standardbrennern in über 4.500 Varianten. Die kann man nicht alle fertig bevorraten, aber eben alle Bauteile, die man dazu braucht.

Wo sehen Sie für die Zukunft die größte Herausforderung?  
Die industriell geprägte Welt, wie wir sie kennen, ist auf Wachstum ausgelegt und damit auf Verbrauch. Das ist die Basis unseres Wohlstands. Nicht nur unter Umweltaspekten müssen wir nun entscheiden, wie es insgesamt weitergeht, was wir uns noch leisten wollen und können, zudem, wie wir unsere Digitalisierungsstrategie weiter umsetzen. In der anstehenden Tarifrunde ist Augenmaß und Besonnenheit gefordert, damit wir uns im Wettbewerb behaupten können.

Das Interview führte Frau Maja Becker-Mohr.

Zur Person Thorsten Müller-Kramp:

  • Geboren 1959 in Reinbek, verheiratet, zwei erwachsene Kinder
  • Zwei Jahre Bundeswehr als Zeitsoldat
  • Maschinenbaustudium an der Leibniz Universität Hannover mit Promotion im Fachbereich Produktionstechnik
  • 1991 Einstieg bei Festo, Werkleiter von  Festool in Neidlingen und Festo Pneumatic in Esslingen
  • Seit 1999 Technischer Geschäftsführer von Alexander Binzel Schweißtechnik