„Strom fließt immer öfter in beide Richtungen“

Chef-Interview  Stefan Gutting vom Elektrotechnikunternehmen Jean Müller erklärt, wie die Energiewende altgediente Technologien verändert

Wirtschaftszeitung Aktiv vom 6. August 2022


Eltville. Jean Müller in Eltville ist einer der größten Arbeitgeber im Rheingau. Mit modernen Schaltgeräten und vielfältigen Systemlösungen rund um den Strom trägt das Unter­nehmen einen wichtigen Teil zum Gelingen der Energiewende bei. Darüber sprach aktiv mit Geschäftsführer Stefan Gutting.

Jean Müller feiert gerade das 125-jährige Firmenjubiläum. Wie fühlt man sich da?

Einfach gut. Es macht alle hier stolz, einen Beitrag für den anhaltenden Erfolg des Unter­nehmens geleistet zu haben, das übrigens bis heute im Familienbesitz ist. Als der Elektromeister Jean Müller 1897 mit gerade mal 22 Jahren die Firma gegründet hat, ging es bereits um die Installation elektrischer Anlagen und um Sicherungen. Heute sind wir mit gut 600  Beschäftigten weltweit tätig, davon knapp 500 in Eltville. Wir entwickeln und produzieren Schaltgeräte, Kabelverteiler- und Geräteschränke, komplette Systeme und natürlich Sicherungen.

Wo begegnen unseren Lesern die Produkte aus Eltville?

Es geht bei uns um das Niederspannungsnetz: Wir sind also dabei, wenn es um die sichere Verteilung von elektrischer Energie bis 1.000 Volt in die Gebäude geht. Die grauen Stromverteilungskästen, die man an Straßenecken sieht, sind meistens von uns. Dort kommt der Strom vom Energieversorger an und wird dann auf die einzelnen Straßenzüge und Häuser verteilt. Die Verkabelung in den Kästen inklusive Sicherungsschaltern machen wir. Aber wir sorgen auch für die sichere Verteilung von Strom in großen Gebäuden, in Industriebetrieben, Flughäfen oder Krankenhäusern. Je nach Bedarf sichern wir dann komplette Anlagen ab oder auch einzelne Räume wie etwa OP-Säle.

Was bedeutet die Energiewende für das Unter­nehmen?

Unsere Produkte sind aktuell sehr gefragt. Der mit der Energiewende einhergehende Boom der regenerativen Energien stellt uns vor ganz neue Herausforderungen. Die Netze sind darauf ausgelegt, dass Strom vom großen Erzeuger in eine Richtung fließt und die Abnahme beim Verbraucher gemessen wird. Inzwischen sind aber viele Verbraucher dank eigener Solaranlage auch Erzeuger und speisen Strom ein. Der Strom fließt also immer öfter in beide Richtungen – und niemand weiß so genau, was in den Netzen passiert …
 
Wie kann Jean Müller da helfen?

Wir haben spezielle Sicherungslastschaltleisten entwickelt sowie leistungsstarke Messdatenerfassungs- und Steuerungssysteme für ein effizientes Energiemanagement. Die machen die Elektrotechnik nicht nur sicher, sondern auch smart. Der Stromverbrauch wird wohl eher noch steigen, zum Beispiel durch mehr E-Autos und E-Bikes. Also braucht man gute Regelmechanismen im Stromnetz etwa für Momente, in denen zu viel Strom nachgefragt wird. In all diesen Themen steckt für uns ein ungeheures Potenzial. Deshalb arbeiten wir intensiv an neuen Lösungen und investieren sehr viel Geld in die Forschung und Entwicklung.

Wo gibt es Probleme, was sind die größten Herausforderungen?

Auch wir leiden, trotz unserer hohen Fertigungstiefe, unter den anhaltenden Lieferengpässen. Die Beschaffungsprobleme bei Elektronikbauteilen bremsen uns aus beim Zukunftsthema Netz­umbau, das gerade Fahrt aufnimmt. Und es ist enorm schwierig, allen gerecht zu werden in einer Situation, in der niemand ansatzweise abschätzen kann, was die Zukunft noch bringt. Die ausufernden Energiekosten und die vor allem deshalb hohe Inflation treffen ja die Unter­nehmen wie die Mitarbeiter. Nicht alles lässt sich durch Produktivitätssteigerungen abfangen oder an die Kunden weitergeben. Als Chef eines tarifgebundenen Unter­nehmens ist mir deshalb etwas bange vor den anstehenden Tarifverhandlungen.

Ihr Wunsch an eine gute Fee?

Ich würde mir wünschen, dass der Krieg in der Ukraine endlich endet. Auch wir hatten eine Niederlassung in Russland und haben dort gute Umsätze gemacht – aber wir wollen mit diesem Land derzeit keine Lieferbeziehungen mehr haben.     (MAJA BECKER-MOHR)
 

Zur Person Stefan Gutting

  • Geboren 1966 in Gelnhausen.
  • Wirtschaftsingenieur- und Maschinenbau-Studium an der TU Darmstadt.
  • Berufseinstieg bei R+V in Wiesbaden.
  • 2001 Wechsel zu Jean Müller als Assistent der Geschäftsleitung mit Schwerpunkt Controlling, später Leiter Controlling.
  • Seit 2017 kaufmännischer Geschäftsführer.
  • Seit 2021 Geschäftsführer von Jean Müller, gemeinsam mit Heinz Saure.