Interview mit Dr. Thomas Brunn, Vorstandsvorsitzender HESSENMETALL Bezirksgruppe Rhein-Main-Taunus e.V., zum Thema „Künstliche Intelligenz – ein Muss für jedes Unternehmen.“

Dr. Brunn, wie stehen Sie zu dem Thema Künstliche Intelligenz (KI) und deren Folgen für die M+E-Industrie?

Nun, nach allgemeinem Verständnis ist Künstliche Intelligenz (KI) die Schlüsseltechnologie der digitalen Transformation – die Grundlage vieler neuer Geschäftsmodelle. Kern der Digitalisierung sind die intelligente Vernetzung und Autonomisierung von Maschinen, Prozessen und Produkten über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Das rasante Voranschreiten der Digitalisierung birgt einerseits große Chancen, andererseits aber auch Herausforderungen für den Standort Deutschland und damit auch für die Wettbewerbsfähigkeit unserer global vernetzten  M+E-Industrie in Hessen.

Was bedeutet das konkret?  

Die M+E-Industrie ist bereits heute hoch digitalisiert, also alles andere als „altes Eisen“. Durch das Internet der Dinge werden Produktionsanlagen intelligent miteinander vernetzt. Die gesamte Wertschöpfungskette kann digitalisiert werden. Für den größten Teil unserer Mitglieder ist Industrie 4.0 keine Zukunftsmusik. Sie stecken bereits mitten im Strukturwandel der digitalen Transformation. Ein Blick in die M+E-Unternehmen zeigt, wie Mensch und Maschine längst produktiv und effizient zusammenarbeiten.
So zählen beispielsweise zu den Produkten des Automobilzulieferers Continental Automotive GmbH Entwicklungen, die die Kommunikation zwischen Mensch und Auto sowie Auto und Auto ermöglichen. Dazu gehören Radar und Abstandswarner für Fahrerassistenzsysteme oder auch Head-Up-Displays, die Daten wie Geschwindigkeitsbegrenzungen direkt ins Sichtfeld des Fahrers rücken. Dank der intelligenten Systeme nimmt auch die Mensch-Maschine-Kollaboration bei Continental Automotive GmbH immer weiter zu. Intelligente Assistenzsysteme übernehmen Routinetätigkeiten und ermöglichen den Beschäftigten dadurch mehr Raum für kreative und dienstleistende Tätigkeiten.

Wie unterstützen Sie dabei die M+E-Mitgliedsunternehmen?

Als Arbeitgeberverband möchten wir den Mitgliedern bei diesem Prozess zur Seite stehen. Dabei wollen wir nicht nur Tarifexperte und serviceorientierter Interessenvertreter sein, sondern als Netzwerkplattform sowohl IT-Anbieter als auch IT-Anwender zu einer Win-Win-Gemeinschaft für die digitale Transformation zusammenbringen.

Als Verhandlungsführer von HESSENMETALL und M+E Mitte fordern Sie dafür ein zukunftsfähiges Arbeitsrecht – Wie soll dieses aussehen?

Deutschland ist das Land mit den weltweit zweitniedrigsten Arbeitszeiten. Wir Arbeitgeber sehen daher die Modernisierung des Arbeitszeitgesetzes als einen zentralen Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit der Metall- und Elektro-Unternehmen an. Der Kunde entscheidet, wann und in welcher Qualität er Produkte und Dienstleistungen abnehmen möchte. Dem müssen die Arbeitszeiten Rechnung tragen. Nur so können Unternehmen ihren Geschäftserfolg stabilisieren bzw. erhöhen und auch  regional die Beschäftigung  sichern.

Aus meiner Sicht gibt es im Hinblick auf die Arbeitswelt von morgen gravierenden Handlungsbedarf. Mobile Endgeräte ermöglichen ein flexibles sowie orts- und zeitunabhängiges Arbeiten, um nur ein Beispiel zu nennen. Dies schafft sowohl auf Seiten der Arbeitgeber als auch auf Seiten der Arbeitnehmer neue Flexibilität. Damit aber Unternehmen und Beschäftigte die Kundenanforderungen effizient umsetzen können, müssen Politik und Wirtschaft die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.

Welche Rahmenbedingungen für Arbeit 4.0 muss es geben? Wer soll sie gestalten – der Staat, die Tarifpartner oder die Betriebspartner?

Das derzeit geltende Arbeitszeitgesetz ist mit zu starren zeitlichen Höchstgrenzen und anderen einschränkenden Regelungen ausgefertigt und wird dem digitalen Zeitalter nicht mehr gerecht. In der betrieblichen Praxis erleben gerade Beschäftigte und Unternehmer, dass die klassische, dem Arbeitszeitgesetz zugrunde liegende Vorstellung von Arbeitszeitgestaltung nicht die Praxis  widerspiegelt sowie die Digitalisierung nicht hinreichend berücksichtigt.

Wir brauchen ein zukunftsfähiges Arbeitszeitrecht, das einen stabilen Rahmen mit Spielräumen und Schutzrechten ermöglicht und der Vielfalt der modernen Arbeitswelt entspricht – das von den Sozialpartnern durch Tarifverträge branchenspezifisch und / oder von den Betriebsparteien durch Betriebsvereinbarungen unternehmensangepasst ausgestaltet werden kann. Politik und Sozialpartner müssen diese notwendigen Veränderungsprozesse durch eine konstruktive Rahmensetzung gestalten. Attraktive, sichere und wettbewerbsfähige Arbeitsbedingungen sind das Ziel einer sich strukturell verändernden Geschäftswelt.

Was bedeutet das für den Mitarbeiter konkret?

Der größte Faktor der Veränderung wird die Arbeitszeit sein. Ich denke, es muss z.B. einem Arbeitnehmer, der nicht Leitender Angestellter ist, möglich sein, von Montag bis Mittwoch 11 Stunden täglich und am Donnerstag die restlich verbleibende  Wochenarbeitszeit zu arbeiten; dafür kann er dann am Freitag zu Hause bleiben. Selbstverständlich muss aber bei einer Flexibilisierung der Arbeitszeit dafür Sorge getragen werden, dass die Produktion durchläuft, alle Ansprechzeiten für Kunden gewährleistet sind. Arbeitszeitflexibilisierung steht im Übrigen nach unseren Umfragen nicht nur bei Arbeitgebern, sondern auch bei Arbeitnehmern im Fokus; hier bietet sich eine Win-Win-Situation für beide Vertragspartner, Beruf und Privates stimmig in Einklang zu bringen.

Welche Herausforderungen ergeben sich für den HR-Bereich?

Auch in der  Personalarbeit vollzieht sich infolge der Digitalisierung und KI ein stetiger Wandel: Immer neue digitale Trends bedürfen einer kontinuierlichen Weiterbildung und Schulung der Mitarbeiter. Unternehmen müssen dabei den digitalen Wandel gemeinsam mit ihren Beschäftigten gestalten, um die Chancen neuer Technologien effektiv nutzen zu können. Eine der wichtigsten Voraussetzungen dabei sind lernbereite Mitarbeiter mit digitalen Kenntnissen, kombiniert mit einer agilen Organisation. Unternehmen müssen ein Umfeld schaffen, in dem ihre Mitarbeiter kreativ und innovativ sein können. Ein Weg, Fachkräfte langfristig zu halten.

Haben Sie dafür Beispiele?

Unser Mitgliedsunternehmen Continental hat, um dem Megatrend autonomes und automatisiertes Fahren Rechnung zu tragen, den „Automotiven Softwareentwickler“ ins Leben gerufen, der sich inhaltlich an den mathematisch-technischen Softwareentwickler (MatSe) orientiert – ergänzt jedoch um spezielle Software- und Elektronik-Schulung. Da die Produktion bei Continental auch weitgehend automatisch erfolgt, ist der Lehrplan in Richtung kollaborative Robotik ebenfalls ausgeweitet worden.

Was bedeutet es konkret für die Unternehmen?

Auch strukturell müssen Unternehmen einen digitalen Change durchlaufen. Erforderlich dafür sind:

  • netzwerkartige Organisationsstrukturen,
  • flache Hierarchien,
  • Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen und
  • eine inspirierenden Unternehmens- und Führungskultur, die menschliche Vielfalt wertschätzt und fördert.

 
Dr. Brunn, vielen Dank für das Gespräch!
09. April 2019, The Rilano Hotel in Frankfurt-Oberursel