Geschichte

Der 10. März 1950 markiert den Beginn der Bezirksgruppe Mittelhessen. An jenem Freitag trafen sich 25 Vertreter aus 23 heimischen Unter­nehmen im Sitzungsaal der Industrie- und Handelskammer Wetzlar. Sie gründeten dort einen regionalen Arbeitgeberverband, um sich für die Metall- und Elektroindustrie an Lahn und Dill sowie die soziale Marktwirtschaft einzusetzen. Bereits im Gründungsjahr schlossen sich dem Verband 77 Mitgliedsunternehmen mit mehr als 31.000 Beschäftigten an.

Anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Bezirksgruppe möchten wir an dieser Stelle auf ihre historischen Wurzeln zurückblicken und die Geschichte ihrer Entwicklung erzählen.

Die Anfänge als "Berg- und hüttenmännischer Verein"

Die Anfänge als "Berg- und hüttenmännischer Verein"

Die Gewinnung von Eisenerzen hat an Lahn und Dill eine lange Tradition. Große Eisenhütten und Walzwerke gab es unter anderem in Wetzlar und bei Burgsolms. Ein wichtiger Schritt für die Organisation der heimischen Bergbaubetreiber war 1881 die Gründung des „Berg- und hüttenmännischen Vereins für Lahn-Dill und die benachbarten Gebiete“. Wirtschafts-, sozialpolitische und arbeitsrechtliche Themen rückten um 1900 immer stärker in den Fokus bei der Arbeit des Vorläufers des Verbandes.

1905 sorgte ein massiver Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet für Aufregung. Seine Folgen waren auch in Mittelhessen zu spüren. Die Unruhen des schweren Arbeitskampfes führten im Juli 1905 zu einer Novellierung des Berggesetzes im Deutschen Kaiserreich. Es sah nun für alle Betriebe mit mehr als 100 Beschäftigten die Einrichtung ständiger Arbeiterausschüsse vor. Die veränderte Gesetzeslage zugunsten der Arbeiter bedeutete einen Einschnitt und beeinflusste die Tätigkeiten des „Berg- und hüttenmännischen Vereins“ an Lahn und Dill.

Im August 1905 wurde schließlich erstmals in Mittelhessen versucht einen Arbeitgeberverband „zum Zweck des gegenseitigen Schutzes und zur Abwehr ungerechtfertigter Bestrebungen der Arbeiter-Organisationen“ zu gründen. Bei einer Versammlung in Wetzlar gab es jedoch geteilte Meinungen, weil einige Herren dem Verband nicht beitreten wollten. Folglich sahen die Vereinsmitglieder zunächst von einer Gründung ab.

Grubenaufstand in Nauborn schweißt Arbeitgeber zeitweise zusammen

Im Wetzlarer Revier entluden sich im Oktober 1906 die Unruhen unter den Belegschaften der Buderus´schen Eisenwerke. In der Grube „Amanda“ bei Nauborn legten die Beschäftigten ihre Arbeit nieder, nachdem Verhandlungen über fünfzigprozentige Lohnerhöhungen gescheitert waren. Dieser Grubenaufstand schweißte die heimischen Metall-Unternehmer zusammen. Sie zeigten sich solidarisch und gaben Buderus eine Zusage, dass sie die aufständischen Bergmänner nicht in Arbeit nehmen würden. Die mittelhessischen Unternehmer rückten also zusammen, wenn lokale Aufstände ausbrachen und einer von ihnen in Bedrängnis geriet.

Der Industrielle Eduard Kaiser, damaliger Alleinvorstand der Buderus AG, startete im November 1907 einen zweiten Anlauf zur Gründung eines Arbeitgeberverbandes für den mittelhessischen Raum. Er lud Vertreter aus 27 metallverarbeitenden Unter­nehmen zu einem Treffen nach Wetzlar ein. Sie beschlossen einstimmig die Gründung und bildeten eine Kommission, die eine Satzung ausarbeiten sollte. Allerdings beruhigte sich die Lage unter den heimischen Arbeitern, sodass die Arbeitgeber kein dringendes Interesse mehr an einem Zusammenschluss hatten.

Die Gründung der mittelhessischen Arbeitgeberverbände

Die Gründung der mittelhessischen Arbeitgeberverbände

Der Verband der Metallindustriellen in Frankfurt versuchte ab 1914 Mitgliedsunternehmen aus Mittelhessen zu gewinnen. Die Blechwarenfabrik Limburg gehörte zu den ersten Betrieben, die sich einem Arbeitgeberverband anschlossen. Die anderen Firmen in der Region blieben zurückhaltender.

Neuen Schwung für die Gründung eines eigenen Arbeitgeberverbandes in Mittelhessen brachte das Stinnes-Legien-Abkommen, das am 15. November 1918 verabschiedet wurde. Es besiegelte die Tarifautonomie und Sozialpartnerschaft. Mit diesem Abkommen erkannten sich Arbeitgeber und Gewerkschaften gegenseitig als Vertragspartner an. Nun war auch in Mittelhessen die Zeit für ein festes Bündnis der Arbeitgeber gekommen. Eine Woche nach der Verabschiedung des Gesetzes trafen sich Vertreter von 39 heimischen Unter­nehmen auf Einladung der Buderus´schen Eisenwerke. Der Versammlung wurde empfohlen zügig „einen Zusammenschluss der verwandte Industrien des Berg-, Hütten- und Maschinenwesens im Lahn- und Dilltal sowie in Oberhessen […] herbeizuführen“.

Es war Eile bei der Gründung geboten, „da möglicherweise schon morgen die Arbeiter-Organisationen mit Forderungen […] herantreten würden“. Die Gründung fand schließlich am 3. Dezember statt und die Versammlung wählte einstimmig den Vorstand. Der erste Vorsitzende des Wetzlarer Arbeitgeberverbandes wurde Bergrat Alfred Groebler, der damalige Generaldirektor der Buderus´schen Eisenwerke.

1920 - ein Jahr der Zäsuren und Umbrüche

Schnell wurde Kontakt zur optisch-mechanischen Branche aufgenommen und bald darauf trat die Firma Leitz dem Verband bei. Im März 1919 wurde der erste Manteltarifvertrag für die Region vorgelegt. Zwischenzeitlich hatten sich auch in Gießen und Dillenburg Arbeitgeberverbände gebildet. Um ein ständiges Nebeneinander zu überwinden, beschlossen sie im Oktober als Vereinigung der Arbeitgeberverbände des Lahn-Dill-Gebietes und Oberhessens (Gießener Vereinigung) zusammen zu arbeiten.

Das Jahr 1920 stand im Zeichen großer Umbrüche. Eine Zäsur für die heimischen Arbeitgeber stellte Anfang Februar das neuartige Betriebsratsgesetz dar. Wenige Wochen später sorgte der Kapp-Putsch in der Weimarer Republik für Unruhe. Auch die Gewerkschaften in Mittelhessen riefen als Gegenreaktion zum Generalstreik auf und in etlichen Betrieben folgten Teile der Belegschaft diesem Apell. Der Vorstand des Arbeitgeberverbands beriet in dieser brenzligen Situation über die Arbeitsniederlegung. Drei Tage nach Beginn des Streiks wurde nach Verhandlungen die Arbeit wieder aufgenommen. Die Gefahr eines eskalierenden Arbeitskampfes war somit gebannt.

Ein weiterer Umbruch, der diesmal jedoch selbst gewünscht war, folgte Ende März: die Mitgliederversammlung beschloss die Interessenvereinigung in Lahnarbeitgeberverband Wetzlar umzubenennen.

Die mittelhessischen Metallarbeitergeberverbände verschmelzen

Die mittelhessischen Metallarbeitergeberverbände verschmelzen

Das Jahr 1921 begann turbulent mit einem Arbeitskampf in der Wetzlarer Metallindustrie. Die Einkommensschere klaffte immer weiter auseinander und sorgte für Lohnkonflikte. Im Januar legten die Arbeiter der Sophienhütte sowie des Optikunternehmens Leitz die Arbeit nieder und forderten höhere Löhne. Die betroffenen Firmen riefen in der Lokalzeitung „Wetzlarer Anzeiger“ zur Arbeitsaufnahme auf. Doch der Streik weitete sich schnell auf andere Firmen in der Region aus und es gab es mehr als 4.500 Streikende in Wetzlar und Aßlar.

Der Wetzlarer Arbeitskampf
Der mittelhessische Metallarbeitgeberverband wandte sich an das Reichsarbeitsministerium, damit es vermitteln konnte. Ein erster Schlichtungsversuch in Gießen wurde von der Gewerkschaft abgebrochen. Daraufhin sperrten die noch nicht bestreikten Firmen in Mittelhessen die Arbeiter aus. Davon waren ab Februar rund 10.000 Arbeiter betroffen. Das Arbeitsministerium hielt kein staatliches Eingreifen für notwendig, sondern verlangte von den beiden Parteien die Arbeitsbedingungen selbst zu regeln. Am Ostersamstag einigte man sich und die Firmen wurden wieder geöffnet. Alle streikenden und ausgesperrten Arbeiter wurden wieder eingestellt.

Metallarbeitgeberverbände in Wetzlar, Gießen und Butzbach schließen sich zusammen
Im Jahr 1922 wurde die Verzahnung der mittelhessischen Arbeitgeberverbände weiter vorangetrieben. „Die Erfahrung hat gelehrt, dass es ungleich besser ist die Verbände zu verschmelzen“, meinte Carl Humperdinck, der damalige Vorsitzende des Wetzlarer Lahnarbeitgeberverbands. Im Juni wurden die letzten Meinungsverschiedenheiten zwischen den Arbeitgeberverbänden Wetzlar, Gießen und Butzbach beseitigt. Ende August erwarben sie „ein eigenes Heim“ in der Gießener Westanlage. Endgültig wurde die Gründung des neuen „Arbeitgeberverbandes für Lahngau und Oberhessen“ im September mit einer Satzung und Vorstandswahlen besiegelt. Neben acht Fachgruppen, die sich den verschiedenen Industriezweigen widmeten, wurden auch  fünf Ortsgruppen (Wetzlar, Limburg, Gießen, Butzbach, Alsfeld-Lauterbach) gebildet.

Hyperinflation sorgt 1923 für kuriose Löhne und stellt Verband vor Zerreißprobe
Durch den Ersten Weltkrieg war die erste deutsche Republik hochverschuldet. Reparationszahlungen und die Besetzung des Rheinlandes waren eine Katastrophe für die Wirtschaft. Zum Ausgleich wurde immer mehr Geld gedruckt. Die Folgen mündeten im Jahr 1923 in einer Hyperinflation. Eine normale Tarifpolitik war zu dieser Zeit undenkbar. Es gab schwindelerregende Gehaltserhöhungen von bis zu 600 Prozent und die Löhne stiegen im Laufe des Jahres in kaum nachvollziehbare Dimensionen. Im August erhielt ein kaufmännischer Angestellter der Buderus´schen Eisenwerke 163 Millionen Mark, im November waren es bereits rund 113 Billionen Mark.

Mit einer neuen Währung, der Reichsmark, gelang im Januar 1924 die Rückkehr zur Normalität. Auch die Gehälter waren wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt, wie das Exempel des kaufmännische Angestellten bei Buderus zeigt: er verdiente nun 275 Mark monatlich. Die Inflation war eine Zerreisprobe für den Verband, denn neben den Beitragsrückständen der Mitglieder waren die vielen Lohnverhandlungen und Abänderungen der Löhne mit einem hohem Aufwand und Kosten verbunden.

Die erste Ära des Metallarbeitgeberverbandes findet ein jähes Ende

Die erste Ära des Metallarbeitgeberverbandes findet ein jähes Ende

1926 wurden die Arbeitsgerichte als neue Instanzen verselbstständigt und mit ihnen enstand ein neues Aufgabenfeld für den mittelhessischen Arbeitgeberverband. Der Deutsche Richterbund und der Deutsche Anwaltsverein wetterten gegen die „Laienrichter“, gemeint waren damit die Vertreter der Arbeitgeber- und Arbeitnehmervereinigungen. Außerdem  monierten sie, dass „die Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des Richterspruchs durch wirtschaftliche und politische Bedingtheit ersetzt werden“. Nichtsdestotrotz wurden 1927 auch in Dillenburg, Wetzlar und Limburg Arbeitsgerichte geschaffen. Der mittelhessische Metallarbeitgeberverband entsendete fortan dorthin Beisitzer.  

Neue Aufgaben und Instanzen in den Zwanzigerjahren
Außerdem saßen einige mittelhessische Metallindustrielle gemeinsam mit Arbeitnehmervertretern und öffentlichen Körperschaften im neu geschaffenen Verwaltungsausschuss der Arbeitsämter. Unter ihnen waren auch Dr. Hugo Bangert*, Syndikus der Buderus´schen Eisenwerke, sowie der Fabrikat Arthur Pfeiffer, der Gründer von Pfeiffer Vacuum.
1928 und 1929 stieg die Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise in bisher unbekannte Höhen. Diese sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen beschleunigten den Aufstieg der NSDAP. Die Nationalsozialisten zerschlugen kurz nach ihrer Machtübernahme die freien Gewerkschaften. Auch in Wetzlar wurden am 2. Mai 1933 die Gewerkschaftshäuser besetzt. Die Arbeitgeberverbände waren den Faschisten ebenfalls ein Dorn im Auge und so erzwangen sie deren Auflösung. Am 22. Dezember 1933 musste schließlich der Arbeitgeberverband für Lahngau und Oberhessen seine Liquidation einleiten. Die erste Ära des Verbandes fand somit ein jähes Ende.

Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg
Der Zweite Weltkrieg hatte verheerende Schäden in Mittelhessen angerichtet. Viele Firmen wurden bombardiert und die Infrastruktur war zusammengebrochen. Auch das ehemalige Verbandshaus in Gießen fiel den Bombenangriffen der Alliierten zum Opfer. Nach dem Kriegsende setzte ein langsames Wiederaufleben der Wirtschaft ein. Bereits 1947 arbeiteten wieder rund 10.000 Menschen in der Wetzlarer Metall- und Elektroindustrie. Die US-amerikanische Militärregierung erlaubte im selben Jahr die erneute Bildung von Arbeitgeberverbänden. Am 29. Oktober wurde der Arbeitgeberverband der hessischen Metall- und Elektroindustrie in Frankfurt am Main gegründet. Auch einige Mittelhessen, darunter Dr. Ing. Eberhard Jung (Burger Eisenwerke), Franz Grosser (Buderus´sche Eisenwerke) und Dr. Henri Dumur (Ernst Leitz GmbH) gehörten zu den Gründungsvätern. 1950 wurde schließlich die bis heute bestehende Bezirksgruppe mit Sitz in Wetzlar ins Leben gerufen.


*Dr. Hugo Bangert war von 1919 bis 1930 als Syndikus und Leiter der wirtschafts- und sozialpolitischen Abteilung für die Buderus´schen Eisenwerke tätig. Außerdem engagierte er sich im Arbeitgeberverband als Vorsitzender der Ortsgruppe Wetzlar. Von 1930 bis 1934 war Bangert der Bürgermeister von Wetzlar. Ab 1939 arbeitete er für die Burger Eisenwerke. Zudem beschäftigte er sich als Hobbyhistoriker mit der Geschichte der mittelhessischen Montanindustrie.