„Knapper Vorsprung“
Chef-Interview: Dr. Stefan Sommer von der Günther Heisskanaltechnik in Frankenberg über den täglichen Kampf gegen chinesische Wettbewerber
Unternehmen wie Günther Heisskanaltechnik in Frankenberg an der Eder sind ein Paradebeispiel für den deutschen Maschinenbau, der sich durch eine enorme Innovationskraft weltweit am Markt behauptet. aktiv sprach mit Dr. Stefan Sommer, dem Geschäftsführer des Unternehmens, über die Herausforderung, sich jeden Tag insbesondere gegen den Wettbewerb aus Fernost durchzusetzen.
Wirtschaftszeitung Aktiv vom 31. Januar 2026
Herr Dr. Sommer, was erhoffen Sie sich von diesem neuen Jahr 2026?
Gesundheit – alles andere bekommt man dann schon geregelt – und mehr Ruhe und Frieden in der Welt. Ansonsten hoffe ich, dass die demokratischen Parteien endlich erkennen, wie die deutsche Wirtschaft derzeit zu kämpfen hat, und sie in diesem Kampf besser unterstützen. Etwa durch echte Reformen und mehr Investitionen ins Bildungssystem sowie die Förderung von mehr Eigeninitiative. Menschen sollten endlich die gleichen Bildungschancen bekommen, damit sie Möglichkeiten wie eine gute Ausbildung ergreifen und ihr Leben eigenverantwortlich gestalten können. Ein Sozialstaat ist wichtig, er darf aber nicht jegliche Motivation nehmen. Auch das gehört dazu, damit Unternehmen wie wir den Innovationsvorsprung insbesondere vor dem chinesischen Wettbewerb halten können und Deutschland ein Industriestandort bleibt.
Was können Sie, was andere nicht können?
In unserer Welt sieht man überall Produkte aus Kunststoff und Silikon – vom Plastiklöffel oder Spielzeugauto bis zum Stoßfänger am Auto, von der einfachen Verpackung oder Einwegspritze bis zum Schnuller. All das wird im Spritzgussverfahren in Form gebracht. Und wir stellen Heißkanalsysteme her. Das ist die entscheidende Technik für das Spritzgießen, wenn es um komplexe oder auch besonders hochwertige Teile geht. Die werden zum Beispiel in der Medizintechnik-, Elektronik- und Automotive-Industrie gebraucht oder auch, wenn Konsumgüter wie Parfümflakons oder Lippenstifte sowie deren Verpackungen im Premiumbereich hergestellt werden.
Welche Rolle spielen Heißkanalsysteme bei der Produktion von Kunststoffteilen?
Unsere Systeme halten den Kunststoff oder auch Silikon flüssig und sorgen dafür, dass das Material über spezielle Düsen zeitgleich in mehrere Formen gespritzt wird. Mit dem Einsatz unserer Heißkanalsysteme ist es möglich, energie- und rohstoffsparend hochwertige Kunststoffartikel herzustellen. Der Spritzprozess wird auch genau definiert beendet. Hierdurch ist es möglich, Artikel ohne Überstände oder störende Angussreste zu fertigen. Einfache Wegwerfartikel aus Kunststoff sind nicht in unserem Fokus. Unsere Kunden fertigen hochwertige Produkte wie Kanülen, edle Verpackungen oder technische Bauteile. Uns zeichnet besonders die Verarbeitung von gefüllten Kunststoffen im technischen Umfeld aus. Hierzu gehört auch die Produktion von Heißkanalsystemen zur parallelen Verarbeitung von Kunststoffen und Silikonen in einer Form, um beispielsweise Kunststoffdeckel mit Silikondichtungen in einem Werkzeug herstellen zu können. Die Herausforderung ist hierbei, den Kunststoff warm und das Silikon kalt zu halten.
Das kann kein chinesischer Wettbewerber?
Im Moment kann ich beruhigt Nein sagen, aber unser Vorsprung vor den Chinesen ist verdammt knapp. 2019 war ich das erste Mal auf der China Plas, Asiens größter Kunststoff- und Kautschukmesse. Damals war alles sehr überschaubar und die angebotene Technik auf einem relativ niedrigen Niveau. Inzwischen ist das eine Riesenmesse mit mehr als 2.500 Ausstellern im vergangenen Jahr. Und die Innovationen, die ich dort entdeckt habe, kamen alle von rein chinesischen Unternehmen. Das gibt einem schon zu denken, zumal die Produktionstechnik der rein chinesischen Firmen immer besser wird. Wir Europäer dürfen uns nicht auf dem bisher Erreichten ausruhen.
Woher kommt Chinas rasante Entwicklung?
Das Land und auch die Menschen dort sind hungrig. Das Ziel, international führend zu sein, wird vom Staat und von den Unternehmen konsequent verfolgt. Dazu gehört auch, dass inzwischen seit Jahrzehnten junge Menschen in die Technologiehochburgen der Welt geschickt werden, damit sie an führenden Universitäten studieren und an unserem Wissen partizipieren können. Staatliche Stipendien bekommen junge Chinesen ausschließlich für MINT-Fächer, sehr selten für Politik, Soziologie oder ähnliche Studiengänge. Inzwischen verfolgen auch Indien und andere asiatische Staaten dieses Konzept. Wir müssen also aufpassen, unser Know-how nicht in die Welt zu tragen, ohne selbst davon zu profitieren.
Wie wollen Sie in diesem harten internationalen Wettbewerb auf Dauer gegenhalten?
Mit Investitionen wie unserer neuen Robotikanlage für eine mannlose Fertigung, aber vor allem mit guten Ideen, unserer Erfahrung und unserem Know-how. Aktuell arbeiten wir zum Beispiel gemeinsam mit einem Hersteller an einer Heißkanaltechnik für das Spritzen von unterschiedlichen Farben eines PET-Recyclates. Hauptproblem ist, dass PET nicht gleich PET ist und die Rezyklate daher nie so rein sein können, wie ein Neumaterial. Dadurch ist es enorm schwer, bei jeder Charge trotzdem den gleichen Farbton zu reproduzieren.
Haben Sie eine Idee, wie das noch besser gelingen könnte?
Wir verzetteln uns meines Erachtens in Deutschland gerne im „Over-Engineering“. Mit unserem Hang zur Perfektion stehen wir uns leider oft selbst im Weg. Wann ist ein Produkt wirklich marktreif? Brauchen wir immer die High-End-Lösung oder ist der Endkunde mit einer guten und bezahlbaren Lösung schon happy? Man kann in der heutigen Zeit nicht mehr alle Eventualitäten austesten. Während wir in Deutschland noch über „wenn“, „falls“ und „aber“ diskutieren und über das Spaltmaß an einer Autotür im µ-Bereich, hat der chinesische Wettbewerb das nächste Auto schon auf den Markt gebracht.
Welche Rolle spielen bei all dem Ihre Beschäftigten?
Gute Ideen, Erfahrung und Know-how sind für mich letztlich gleichbedeutend mit großartigen engagierten und motivierten Beschäftigten. Ich bin schon sehr stolz auf unser Team hier, das diese ganze Problematik sehr gut verstanden hat. Jeder bei uns gibt jeden Tag sein Bestes und es gehört sicher mit zu meinem Job als Geschäftsführer, dass das so bleibt. Ich sehe meine Aufgabe darin, ein entsprechendes Arbeitsumfeld zu ermöglichen und alles zu kanalisieren.
Wollten Sie bei Günther Heisskanaltechnik schon immer Geschäftsführer werden?
Meine Mutter Siegrid Sommer war mit die erste Mitarbeiterin, die Herbert Günther einstellte, nachdem er 1985 Günther Heißkanal gegründet hatte. 2004 wurde sie Geschäftsführerin. Herr Günther kennt mich von klein auf als ein Technikfreak und wollte mich gerne im Team haben. Tatsächlich machte er mir dann bei meiner Promotionsfeier ein konkretes Angebot. Und heute bin ich selbst immer wieder erstaunt, wie viel Freude mir meine Arbeit jeden Tag macht.
Warum ist Günther Heisskanaltechnik Mitglied bei HESSENMETALL?
Wir schätzen den umfassenden Service des Verbandes und die Kompetenz nicht nur im Bereich Arbeitsrecht. Zudem nutzen wir gerne das große Netzwerk, das man unkompliziert nutzen kann - auch über Personalthemen hinaus. Präsenzveranstaltungen sind oft schwieriger zu besuchen, da ich allein um zu einer Veranstaltung nach Kassel oder nach Frankfurt zu kommen hin und zurück schnell zwei bis drei Stunden brauche. Deshalb bin ich sehr froh, dass es inzwischen auch online sehr viele hervorragende Veranstaltungen gibt.
Zur Person:
Dr. Stefan Sommer, geboren 1988 in Frankenberg (Eder)
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Interview: Maja Becker-Mohr // Fotos: Gerd Scheffler
Kontakt
GÜNTHER Heisskanaltechnik GmbH
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