„Die schärfste Kamera der Welt“

Chef-Interview: Stephan und Tim Welp von Microbox in Bad Nauheim helfen Museen, Kulturgüter zu digitalisieren – und noch viel mehr

Durch die Digitalisierung von Büchern Archiven und Sammlungen eröffnet das Bad Nauheimer Familienunternehmen Microbox Einblicke in Bereiche, die bisher meist nur Spezialisten zugänglich sind. aktiv sprach mit den Geschäftsführern Stephan und Tim Welp über ihre faszinierende und auch herausfordernde Arbeit für die Museen dieser Welt.

Stephan und Tim Welp von Microbox

Wirtschaftszeitung Aktiv vom 28. März 2026

Was können Sie, was andere nicht können?

Tim Welp: Nun, wir bauen die schärfsten Kameras der Welt. Oder anders gesagt, die präzisesten mit der höchsten und besten Auflösung. Sie sind das Herzstück der Maschinen beziehungsweise Scanner, die wir entwickeln und produzieren.

Wofür werden Ihre Maschinen gebraucht?

Stephan Welp: Sie sind eine wichtige Schnittstelle zwischen der analogen und der digitalen Welt. Microbox wurde 1958 von meinem Vater gegründet. Er brachte die erste hochauflösende Großformatkamera auf den Markt. Mit ihr waren erstmals maßstabsgetreue und verzerrungsfreie Aufnahmen bis zum DIN-A0-Format möglich - eine Riesenerleichterung für das Vermessungs- und Katasterwesen. Zudem halfen wir bei der Miniaturisierung von Aktenbergen über Mikrofilm. Darauf aufbauend bringen wir heute Bücher und andere Kulturgüter in die digitale Welt.

Warum ist diese Digitalisierung wichtig?

Tim Welp: Einmal will man Kulturschätze für die Nachwelt sichern. Zum anderen öffnet sich durch die Digitalisierung eine Welt, die oft nur Spezialisten in ihren jeweiligen Fachgebieten zugänglich sind. Ich glaube, diese Zeit, die wir gerade erleben, ist mindestens so spannend wie die Zeit Guttenbergs, als dieser im 15. Jahrhundert den Buchdruck erfand. Letztlich war der Buchdruck sowas wie das Internet des Mittelalters. Durch ihn wurde das bis dahin in handgeschriebenen Büchern verborgene Wissen allen Menschen zugänglich, sobald sie lesen lernten. Und mit der Digitalisierung geht es nun noch einen Schritt weiter.

Stephan Welp von Microbox

Was meinen Sie damit?

Stephan Welp: Historiker sind es gewohnt, sich tage- und wochenlang durch staubige Archive zu quälen auf der Suche nach Informationen. Durch die Digitalisierung wird man elektronisch per Suchfunktion darin stöbern können. Gerade haben wir zum Beispiel ein Spektralsystem ins Deutsche Bundesarchiv geliefert. Damit werden 87 Milliarden Dokumente, also etwa 1.000 LKW-Ladungen Papier aus den Jahren 1933 bis 1945 digitalisiert. Oder stellen Sie sich vor, die Urfassung des Koran könnte von jedem Menschen gelesen werden. Würde das unsere Welt verändern? Wie gesagt, wir leben in spannenden Zeiten?

Wo findet man Ihre Systeme überall?

Stephan Welp: In den Bibliotheken und Museen der Welt. Das beginnt beim Frankfurter Städel – denn auch die bildende Kunst setzt auf unsere Technik - und geht bis zur British Library in London oder der Nationalbibliothek der Vereinigten Staaten in Washington D.C. Alle großen Bibliotheken weltweit verwenden unsere Book2net-Scanner zur Digitalisierung ihrer Bestände. Aktuell sind etwa 6.000 Installationen von uns weltweit im Einsatz, allein rund 1.000 stehen in China, unserem stärksten Exportland. Dort werden damit neben Kulturgütern vor allem Gerichtsakten digitalisiert. Und auch die Tech-Giganten in den USA nutzen unsere Technik, um KIs mit Büchern zu trainieren.

Geht das alles automatisch?

Tim Welp: Bei industriell gefertigten Standardformaten: Ja. Knifflig wird es, sobald es um alte Bücher geht. Da gab es noch keine DIN-Formate oder einheitliche Grammaturen beim Papier. Die besten Ergebnisse beim Scannen erzielen dann Mensch und Maschine gemeinsam.

Was ist die Herausforderung dabei?

Stephan Welp: Man muss die konservatorischen Anforderungen der Bücher mit industrieller Produktivität verknüpfen und das bei höchster Qualität. Oft genug geht es tatsächlich schneller, wenn der Mensch die Seiten von Hand umblättert, gerade bei seltenen oder einzigartigen Büchern, die zum Beispiel nur mit Handschuhen angefasst werden dürfen. Aber auch dann schafft man ein komplettes Buch in einem Tag.

Wollten Sie jeweils gerne ins Unternehmen einsteigen?

Stephan Welp: Ich hatte andere Pläne, bin aber 1986 zu Microbox, weil es der Firma nicht gut ging. Ich war jung, glaubte ans Produkt, an die Firma und vor allem auch an die Mitarbeiter. Die Banken wurden entspannter und wie sich im Rückblick zeigt, war es die richtige Entscheidung.
Tim Welp: Als der Technikchef von Microbox überraschend verstarb kam ich durch mein Ingenieurstudium ins Spiel. Und mich reizte es, die Firma für das digitale Zeitalter fit zu machen und auch unsere Scanner-Technologie weiterzuentwickeln. Wir arbeiten bereits am Einsatz von KI in den Produkten und auch im Unternehmen selbst. Wir sehen KI als große Chance.

Tim Welp im Gespräch mit Prdoduktionsmitarbeiter Christian

Was reizt Sie besonders bei Ihrem Tun?

Stephan Welp: Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich hinter die Kulissen der tollsten Museen der Welt schauen darf. Ganz egal, ob es um filigrane Insekten einer naturhistorischen Sammlung geht, um wertvolle Gemälde oder einzigartige Dokumente wie die Gutenberg-Bibel, das erste gedruckte Buch.
Tim Welp: Mich reizt es, unsere eigene Technik weiterzuentwickeln. Über unsere Installationen kann man bei alten Graphiken oder Bilder auch erkennen, ob auf dem Papier oder der Leinwand schon mal ein anderes Bild war und sogar, wie es aussah. Unsere Kameras sind so sensibel, dass man selbst winzige Spuren vorheriger Bilder sichtbar machen kann. Und mal sehen, wo unsere Reise noch hingeht im Umgang mit weiteren Kulturgütern.

Welche Rolle spielen bei all dem Ihre Mitarbeiter?

Stephan Welp: Die größte. Ohne sie wären wir nicht da, wo wir heute sind. Wir sind hier ein Team von 50 Menschen mit den verschiedensten Berufen, die gemeinsam 14 verschiedene Sprachen beherrschen, darunter auch Chinesisch und Arabisch. Internationale Kunden können hier mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihrer Landessprache Auskunft bekommen. Jeder gibt hier jeden Tag vollen Einsatz, weil wir viel tun, damit sie gerne kommen und weil unsere Arbeit faszinierend ist.

Wie sieht die Zukunft von Microbox aus?

Tim Welp: Wir arbeiten weiter daran, die entscheidende Schnittstelle zu sein zwischen analoger und digitaler Welt. Dabei setzen wir auch auf KI. Weltweilt warten Bücher und vieles mehr darauf, in die digitale Welt zu kommen. 13 Millionen Insekten sind es allein im naturkundlichen Museum in Berlin – wir kümmern uns darum.

Warum wurden Sie Mitglied von HESSENMETALL?

Stephan Welp: Wir sind Mitglied geworden, um uns aktiv in einen Verband einzubringen und um Teil eines interessanten Netzwerkes zu werden. Wir wollen uns aktiv beteiligen. So können wir über unseren momentanen Horizont hinaus Einblicke erhalten und umgekehrt auch aus unserem speziellem Geschäft Eindrücke weitergeben.

 

Zu den Personen:

Stephan Welp, geboren 1958 in Frankfurt.
● Wirtschaftsingenieurstudium an der Fachhochschule Friedberg (heute Technische Hochschule Mittelhessen).
● Auslandsstudium in den USA, anschließend Berufseinstieg in der Industrie.
● 1986 Einstieg bei Microbox in Bad Nauheim.
● Seit 1992 geschäftsführender Gesellschafter von Microbox

Tim Welp, geboren 1991 in Frankfurt.
● Wirtschaftsingenieurstudium an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg in Sachsen.
● 2019 Masterabschluss nach Ingenieurstudium an der TU Darmstadt.
● 2019 Einstieg bei Microbox in Bad Nauheim.
● Seit 2020 Mitglied der Geschäftsleitung von Microbox.

 

Teil des Scanners

 

Interview: Maja Becker-Mohr // Fotos: Gerd Scheffler

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