„Mit dem Tiger tanzen lernen!“



HESSENMETALL-Vorstandsvorsitzender Wolf Matthias Mang zu Corona-Bewältigung, Gamechangern und Chancen in der Krise, Kooperation mit der Politik, digitalem Strukturwandel, Klimaschutz und einem fairen Generationenvertrag

Herr Mang, wie haben die hessischen M+E-Unter­nehmen bislang die Corona-Krise bewältigt?

Wer denkt, die Corona-Krise sei mit den Lockerungen in unserem Alltag vorbei, irrt sich gewaltig.

Die M+E-Industrie befindet sich nach wie vor mitten in einer Rezession und einem Strukturwandel, die beide durch die Pandemie verschärft wurden.

Eine Rückkehr zur Normalität ist für viele unserer Mitglieds- unternehmen noch lange nicht absehbar. Und die steigen- den Infektionszahlen nach der Urlaubszeit müssen unsere Vorsicht und Umsicht erhöhen in einem Auf und Ab, das wir in den nächsten Monaten erleben werden. Eine Dauerwelle, wie der Virologe Hendrick Streeck sagt, die hoffentlich regional eingrenzbar bleibt. Die Corona-Krise wird erst dann beendet sein, wenn es einen Impfstoff geben wird. Hoffentlich 2021.

Mit dem Tiger tanzen – dieses Bild des Virologen Christian Drosten lässt sich ganz gut auf unsere Industrie übertragen und präzisieren: Viele unserer Unter­nehmen haben – fast wie im Kinofilm „Life of Pi“– gelernt, mit dem Tiger, mit dieser ständig lauernden Gefahr Corona, zu tanzen. Sie müssen den hungrigen Tiger in gelegentlich engen Räumen  auf genügend Abstand halten, mit ihm auf Schiffen mit gefährlichen Lecks reisen, die sie unterwegs stopfen müssen, den Alltag mit ihm teilen, mit dem Team wachsam und zugleich zuversichtlich bleiben.

Und sie dürfen auf gar keinen Fall vom rich tigen Kurs abkommen – in Richtung Wachstum bei gleichzeitigem Strukturwandel der digitalen Transformation, Künstlicher Intelligenz und Dekarbonisierung.

Auch die im Herbst startende Tarifrunde wird zwischen Schiffsführungen und Teams eine angemessene Balance zwischen Unter­nehmens- und Beschäftigungssicherung finden müssen. Kostensenkungen wenigstens keine Kostensteigerung, brauchen wir zudem in solchen Zeiten.

Im Zahlenwerk ist die Corona-Pandemie seit April angekommen und hat sich im 2. Quartal von Monat zu Monat verschlechtert. Im 3. Quartal hat sich die Stimmung bei einigen etwas aufgehellt. Aber es ist noch nicht abzusehen, wann die Talsohle durchschritten ist. Der Zukunftsindikator Aufträge hat sich für unsere Industrie – sogar die am schwersten betroffene Autoindustrie – temporär in manchen Bereichen etwas aufgehellt.

Wann die nachlaufenden Indikatoren Umsatz, Ergebnis und Beschäftigung die Talsohle durchschreiten ist weiter ungewiss. Das Vorkrisenniveau werden einige wohl frühestens Ende 2021 erreichen, für viele wird dies aber länger, für manche sogar bis voraussichtlich Mitte des Jahrzehnts dauern.

Die Zahlen des 2. Quartals hatten gezeigt, dass unsere hessische Metall- und Elektro-Industrie schwer belastet ist.

In unserer letzten Umfrage im Juni hat fast die Hälfte der Mitgliedsunternehmen uns gesagt, dass ihre Produktion stark oder sehr stark eingeschränkt ist. Für 2020 erwarten die Unter­nehmen deshalb aufgrund der Corona-Krise einen Umsatzrückgang von rund 26 Prozent. Hochgerechnet auf die hessische M+E-Industrie insgesamt entspricht dies einem Umsatzverlust von rund 18 Milliarden Euro. Etwas weniger als die Hälfte der Unter­nehmen rechnet frühestens für Ende 2021 damit, das Vorkrisenniveau wieder zu erreichen.

Was bedeutet das für die Arbeitsplätze?

Zwar versuchen die hessischen M+E-Unter­nehmen alles, um ihre Beschäftigten halten zu können und den Produktionsrückgang noch durch Kurzarbeit aufzufangen. Hochgerechnet befanden sich im Juni mehr als 100.000 Beschäftigte unserer Industrie in Kurzarbeit.

Noch vor Corona war die Zahl der Beschäftigten um 3,8 Prozent gesunken - eine Folge der Rezession, die schon seit Mitte 2019 unsere Industrie erfasst hatte. Im April 2020 waren insgesamt 210.600 Menschen in der hessischen M+E-Industrie beschäftigt. Das sind leider bereits rund 8.200 Beschäftigte weniger als im Vorjahreszeitraum – ein Minus von 3,8 Prozent. Um die Corona-bedingten Einnahmeausfälle abzupuffern, waren unsere Unter­nehmen gezwungen, harte Kostensenkungsprogramme aufzusetzen, stemmten sich überwiegend noch mit Kurzarbeit gegen Nachfrageeinbrüche und versuchten bisher nach Möglichkeit, ohne betriebsbedingte Kündigungen auszukommen.
 
Die ersten Unter­nehmen haben jetzt auch Corona-bedingt erste Einschnitte vornehmen müssen: die Liste reicht von Continental über Norma bis hin zu Rolls Royce. Leider sieht es nach unserer Umfrage so aus, dass doch 40 Prozent der Unter­nehmen in den nächsten Monaten Stellen abbauen müssen. Und das ist natürlich nicht nur Ergebnis konjunktureller Effekte: Wir kommen auch um Strukturanpassungen nicht herum – die Corona-Krise beschleunigt diese Prozesse im Schraubstock kurz- und mittelfristigen Veränderungsdrucks nur.

Um kurz in eine andere für Hessen sehr wichtige Branche – die Luftfahrtindustrie – zu blicken: Wenn Fraport-Chef Dr. Stefan Schulte erwarten muss, dass die Flugbewegungen auch 2022 und 2023 noch bis zu 20 Prozent unter dem Vorkrisen-Niveau liegen, was kann er denn anders machen, als die Personalkapazität anzupassen – so sozialverträglich wie möglich? Das wird sich auch in unserer Industrie nicht vermeiden lassen. Denn auch in unserer Vorzeigebranche rutschten die Autobauer und deren Zulieferer bekanntermaßen im 2. Quartal ins Ergebnis-Minus. Und die Ungewissheit über Tiefe und Dauer des Einbruchs ist groß. Am besten ausgleichen können es Unter­nehmen, deren regionale und produktseitige Risikodiversifizierung breit genug ist, deren Prozesse schon sehr digitalisiert sind und deren Kommunikation die Menschen innerhalb und außerhalb des Unter­nehmens mitzunehmen vermag.

Was tun die Unter­nehmen, wie gelingt es ihnen, aus der Krise heraus neue Chancen zu entwickeln?

Wenn die Liquidität gesichert ist, nutzen Unter­nehmen die Zeit, notwendige Veränderungen voranzutreiben: neue Produkte zu entwickeln, Prozesse effizienter zu gestalten, sich auf die aussichtsreichsten Geschäftsfelder zu konzentrieren, die Digitalisierung voranzutreiben, an der Reduktion der CO2-Emmissionen in allen Antrieben zu arbeiten, die Arbeitsprozesse – von der Kommunikation bis hin zur Produktion – zu verbessern, Menschen aus- und weiterzubilden und Maschinen intelligenter zu machen.

Zunächst haben die Unter­nehmen sich auf den Infektionsschutz fokussiert durch schnelle Umstellung auf mobiles Arbeiten bzw. Homeoffice bei Tätigkeiten außerhalb der Produktion und auf klugen Arbeitsschutz in der Produktion. Und natürlich haben sie die Online- und Digital-Angebote ihrer Produkte und Dienstleistungen erhöht, ihre Produktion teilweise umgestellt und Ersatz in den Liefer- und Wertschöpfungsketten gesucht. Mit Blick auf den dadurch veränderten Berufsalltag, mit einem sprunghaften Anstieg der Videokonferenzen und Online-Seminare bin ich sicher: Diese kombinierte Arbeitskultur, die stärker auf die Erfolge der Arbeit als die schiere Präsenz am Arbeitsplatz setzt, wird uns auch nach dem Ende der Pandemie weiter begleiten als klugen Wechsel zwischen mobil und stationär.

Für mich am erstaunlichsten und erfreulichsten zugleich: Viele Unter­nehmen haben im erzwungenen Herunterfahren ihrer Geschäftstätigkeit ihr Unternehmertum entfaltet.
 
Sie haben sich schnell, kreativ und flexibel mit eigenen Lösungen zur Pandemie-Bewältigung auf den Weg gemacht, um zu helfen. So konzentrierten sich z. B. Schunk Group, Fritz Winter, Norma, Viessmann und Isabellenhütte auf dringend benötigte Beatmungsgeräte oder ihre Komponenten, u. a. auf Legierungen für Schläuche. Mit Hygiene- oder Desinfektionslösungen warteten die JF Group, Hörmann Automotive und Procter & Gamble auf. Mit Masken- und Gesichtsvisieren oder ganzen Produktionsanlagen für Masken ergänzten Bosch, Ewikon, Norma, Oculus, Sauer & Co. oder auch unser Unter­nehmen Arno Arnold ihre Produktion. Maschinenbauer stifteten Maschinen: Leica Microsystems z. B. dem Institut für Virologie der Charité ein innovatives Mikroskopie System zur Unterstützung der Covid-19-Forschung. Schenck RoTec lieferte eine Universal Auswuchtmaschine für medizinische Anwendungen. Heavy Data digitalisiert mittels einer Software Materialausgabeschränke für automatisches Management von medizinischen Verbrauchsmaterialien. C + P Möbelsysteme hat einen Schrank entwickelt, der mit UV-C-Licht Kleidung desinfiziert. Und all das ist nur ein Ausschnitt von Geschichten, die wir unter #zusammenhalten auf hessenmetall.de gesammelt haben. Diese „helfenden Geschäftsmodelle“ kompensieren natürlich nicht die gravierenden Geschäftsrückgänge im Kerngeschäft.

Aber für unser Unter­nehmen Arno Arnold kann ich sagen, dass die Entwicklung von arno|care, der Schritt von den Schutzausrüstungen für Maschinen hin zu Schutzabdeckungen für Menschen, in gewisser Weise ein Gamechanger war. Gestartet in der erzwungenen Ruhephase als Idee eines Mitarbeiters hat das schnell gebildete Projektteam in nur zwei Wochen ein Visier entwickelt. Wir können aktuell 2.000 Stück pro Tag herstellen.

Die Visiere werden über Optikgeschäfte vertrieben und vielfach nachgefragt von Krankenhäusern, Pflegediensten und dem Einzelhandel. Für jeden zehnten verkauften Gesichtsschutz spendet Arno Arnold einen weiteren an Krankenhäuser oder Pflegeheime. Diese Produktlinie, inzwischen ergänzt um praktische Maskenbehälter, hat es geschafft, die Stimmung, den Teamgeist und die Motivation in Zeiten der Kurzarbeit erheblich zu steigern. Alle waren stolz, einen sinnvollen Beitrag zur Pandemiebewältigung zu leisten. Sogar einige unserer Werksrentner kamen neugierig vorbei.

Was hat die Politik beigesteuert und was braucht es weiterhin?

Die Politik in Deutschland, in Bund und Land, hat die Infektionsgefahr gleichermaßen umsichtig und tatkräftig eingedämmt. Auch haben wir Unter­nehmen kurzfristig sehr schnell und viel Unterstützung erhalten – durch die verbesserten Möglichkeiten zur Kurzarbeit, Überbrückungshilfen, Liquiditätshilfen, auch durch ein Konjunkturpaket mit Investitionsanreizen, die hoffentlich bald greifen.

Die Senkung der Mehrwertsteuer, die Erweiterung des steuerlichen Verlustrücktrags, die Erhöhung der degressiven Abschreibung, die Verringerung der EEG-Umlage sowie die neuen Überbrückungshilfen für kleine und mittlere Unter­nehmen sind richtige Ansätze, um bei wegbrechenden Einnahmen Liquidität in den Unter­nehmen zu halten und um kurzfristige Impulse für Konsum und neue Investitionen zu geben. Dafür sagen wir herzlichen Dank.

Die hessische M+E-Industrie braucht aber in dieser schwierigen Situation historisch einmaliger Geschäftseinbrüche jede nur mögliche nachhaltige Unterstützung, praktisch eine Vorfahrt für Wachstumspolitik: Wir brauchen dauerhaft ein Belastungsmoratorium bei Steuern - warum gelingt in Deutschland keine Senkung der Unter­nehmenssteuern auf höchstens 25 Prozent,
die in allen wichtigen Industrieländern durch - geführt wurde? - und bei Abgaben.

Wir brauchen zudem mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt und insbesondere auch im Arbeitsrecht, auch z. B. eine nutzenorientierte Einstellung zu befristeten Arbeitsverhältnissen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Denn die hessische M+E-Industrie steht auch über Corona hinaus vor gewaltigen Herausforderungen: Sie muss unverändert den Strukturwandel der Digitalisierung und der Dekarbonisierung meistern.
Beides bedarf enormer Investitionen der Unter­nehmen in die Zukunft – in Produkte ebenso wie in die Produktion und Qualifikation der Beschäftigten. Nur so können sie auf dem Weltmarkt weiter vorne mitlaufen. Im Grunde brauchen wir eine Investitionsoffensive für den Strukturwandel.

Wie soll eine Innovationsoffensive aussehen?

Was vor der Corona-Krise richtig war, bleibt auch über ihr Ende hinaus richtig. In erster Line brauchen wir eine Innovationsoffensive auf den Feldern Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und weiterer Verdienstleistung der Industrie.

Unsere im Januar 2020 publizierte Umfrage zur digitalen Transformation hatte gezeigt: Die M+E-Unter­nehmen in Hessen sind mittendrin im Transformationsprozess.  Sie haben bereits viel erreicht – 50 Prozent schätzen sich als hoch digitalisiert ein. Sie hatten – vor Corona! - für die nächsten fünf Jahre mit massiven Investitionen in ihre weitere Digitalisierung geplant. Sie hatten aber auch noch erhebliches Investitions-Potenzial bei der Digitalisierung der Produktion sowie bei neuen digitalen Produkten und Dienstleistungen gesehen. Dennoch schätzen die Unter­nehmen digitale Technologien als Garanten für den zukünftigen Erfolg der M+E-Industrie in Hessen ein.

Die größte Bedeutung messen sie der Mensch-Maschine-Interaktion, additiven Fertigungsverfahren wie dem 3D-Druck und der Robotik bei.

In der aktuell besonders thematisierten Künstlichen Intelligenz sehen immerhin 75 Prozent der Unter­nehmen einen Erfolgstreiber für die M+E-Industrie. Gerade auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz werden wir in den nächsten beiden Jahren die zweite Welle erleben – und sie wird sich zur Speerspitze der Digitalisierung im weltweiten Wettbewerb entwickeln. Grund genug, dass HESSENMETALL sich 2020/2021 auf Künstliche Intelligenz als strategischen Themenschwerpunkt fokussiert hat.

Vor diesem Hintergrund enthält das im Juli vom Koalitionsausschuss vereinbarte „Zukunftspaket“ über 50 Milliarden Euro viele gute Impulse, um den Wirtschaftsstandort Deutschland strukturell zu modernisieren und Wachstumskräfte zu stärken. Wir haben uns gefreut, dass die steuerliche Forschungszulage ausgeweitet wird und die Förderungen von zukunftsträchtigen Techniken erhöht werden. Wichtig ist, dass die Bundesregierung in vielen Gebieten einen Digitalisierungsschub plant und so Voraussetzungen für das Wachstum von morgen verbessert. Bei all dem muss die Politik mehr als bisher gewährleisten, dass die Förderung möglichst technologieneutral erfolgt.

Ein stetiger Aufwuchs der öffentlichen Investitionen in Bund, Land und Kommunen muss eine politische Daueraufgabe bleiben.

Schafft oder vernichtet die Digitalisierung Arbeitsplätze?

75 Prozent der Arbeitsplätze werden sich einfach nur gravierend verändern, indem Technik und Software viel enger verschmelzen. Der Chef unserer Denkfabrik, Prof. Sascha Stowasser vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa), hat auf dem DIGITAL FUTUREcongress in Frankfurt empfohlen, sich nicht von Ängsten um Jobsicherheit leiten zu lassen, sondern sich nüchtern anzuschauen, wie Arbeitsfunktionen und Arbeitsplätze sich umgestalten – vor allem um den Wegfall und Ersatz von Teilfunktionen und die neue Zusammensetzung aller Funktionen – u. a. in einem Kompetenz-Cluster der Beschäftigten, das aus Methodenkompetenz, Selbstkompetenz, Fachkompetenz und Sozialkompetenz besteht. Natürlich müssen wir die Ängste ernstnehmen. Aber wir könnten schon ein wenig zuversichtlicher sein, dass wir auch diese Herausforderung packen werden – wie den Wiederaufbau nach dem Krieg, die Wiedervereinigung, die früheren Automatisierungswellen, die alle am Ende viel mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet hatten, oder die letzte Weltwirtschaftskrise. Wie mein Vorstandskollege Claus Lau von Bosch Rexroth aus Erbach immer so schön sagt: „Wir sind anerkanntermaßen sehr, sehr gute Maschinenbauer. Jetzt gilt es, den Maschinen den Geist des Silicon Valley einzuhauchen.“ Und ich möchte ergänzen: auch den Menschen den Geist der stetigen Veränderung zu vermitteln: Künstliche Intelligenz zu nutzen, u. a. Rüstzeiten zu reduzieren durch intelligentere Auftragszusammenstellungen oder vorausschauende Instandhaltung. Deshalb bauen wir bei Arno Arnold z. B. Sensoren in unsere Schutzabdeckungen für Maschinen ein. Und wir müssen unsere Hausaufgaben machen und eine gute Datenkultur aufbauen, wie „Hessens KI-Papst“ Prof. Buxmann zurecht fordert.

Was verspricht sich HESSENMETALL davon, sich zur Win-win-Gemeinschaft der Digitalisierung auszubauen?

Dieser Ansatz als Win-win-Gemeinschaft wirkt sich zu- nächst als gebündeltes Best-Practice-Wissen aus. Indem wir unsere mittlerweile schon über 640 Mitgliedsunternehmen mit Veranstaltungen, neuen Formen zum Wissenstransfer, Publikationen und maßgeschneiderten Services gezielt in einen ständigen Erfahrungsaustausch zu den zentralen Herausforderungen der Zukunft bringen, schaffen wir Teil- habe möglichst vieler Unter­nehmen an diesem gebündelten Wissen, integrieren neue Impulse und treiben Innovationen voran. Das unterstützen wir durch die Kooperation mit inzwischen vier hessischen Hochschulen und einem Innovationsmechanismus für den Mittelstand.

Zur Entwicklung einer Win-win-Gemeinschaft gehört die anhaltende Durchdringung von 5 strategischen Themen:

1.    digitale Transformation
2.    Technologietransfer
3.    Fachkräftesicherung
4.    Künstliche Intelligenz und
5.    nachhaltige Produktion.

Aber immer fokussiert auf unsere Kernkompetenz: die Arbeitswelt. Wir unterstützen unsere Mitglieder bei der erfolgreichen Gestaltung der Arbeitswelt 4.0 – sowohl für Startups als auch für klassische Produktionsunternehmen und Dienstleister – immer mehr auch in der Informationstechnologie.

Die digitale Transformation bringt die klassischen M+E-Technologie und die Software- Industrie immer enger zusammen: sei es in ein- und demselben Unter­nehmen oder in Wertschöpfungsverbünden.
 
Indem wir IT-Nutzer und IT-Anbieter zusammenbringen, vernetzen wir Herstellerwissen mit Anwenderpraxis zu einer konstruktiven Win-win-Gemeinschaft: durch Austausch und Erweiterung von Digitalisierungswissen und Produktions-Knowhow in unserem einzigartigen Netzwerk von Tech-Unter­nehmen mit verschmolzener Hard- und Software. Besonders freuen mich die vielen neu gewonnenen Mitglieder aus dem IT-Bereich - von Boldly Go Industries über cloudKleyer bis hin zu pegalion und WeAreGroup - wirklich pfiffige und starke Startups aus Hessen, die unsere traditionelle Industrie bei der digitalen Transformation unterstützen. Wir sind auf dem Weg!

Ist der Klimaschutz – das große Thema vor Corona – vergessen?

Nein, im Gegenteil. Da geschieht viel und wir haben uns immer wieder in diese Diskussion eingeschaltet mit unserer Position. Wir sind überzeugt: Klima- und Umweltschutz funktionieren am besten marktwirtschaftlich. Der uns leitende Grundgedanke ist, dass Ökonomie, Ökologie und Soziales in Balance gebracht werden müssen: Die Sorge für die Menschen und der Schutz der Ökosysteme sind untrennbar miteinander verbunden. Die Wirkung deutscher und europäischer Klimapolitik liegt in ihrem Vorbildcharakter – und dieser steht und fällt mit dem ökonomischen Erfolg unserer Wirtschaft und unseres Landes. Wenn Deutschland wirtschaftlich scheitert, folgt uns keiner der großen globalen Emittenten darin, den CO2-Ausstoß zu senken.

Viele Menschen glauben, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum seien miteinander unvereinbare Gegensätze. Und ihr einfaches Rezept lautet: Je mehr wir das Wirtschaftswachstum reduzieren, desto besser schützen wir das Klima.

Sowohl die Grundannahme als auch die Schlussfolgerung daraus sind falsch.

Und damit auch die daraus abgeleiteten Folgerungen, immer weitere Einschränkungen unseres individuellen Verhaltens, also eine individuelle Moral, zu fordern: Fleischverbote, Fahrverbote, Wachstumsverbote.

Richtig dagegen ist: Der Klimaschutz muss im institutionellen Rahmen verankert sein, dann braucht es dazu jedenfalls keine individuelle Moral mehr. Zum richtigen Klimaschutz brauchen wir ein marktwirtschaftliches System, das Jahr für Jahr den CO2-Ausstoß weiter vermindert: einen sog. CO2-Deckel in Kombination mit einem Emissionshandel.

Dieses System funktioniert schon sehr erfolgreich seit 2005 europaweit in der Industrie und in der Stromerzeugung. Ein solches System wird in Kürze - ab Januar 2021 - national im Straßenverkehr und Gebäuden eingeführt. Und hoffentlich zügig in der gesamten Europäischen Union.

Dazu gehört aber auch, technologieoffen zu bleiben – vor allem in der Politik. Z. B. nicht den Diesel zu verteufeln und E-Mobile zu verklären. Sondern alle Technologien, die Emissionen reduzieren, breitflächig zu unterstützen und die Infrastruktur für ihre Anwendung zu fördern.

Was ist für Sie die größte Herausforderung?

Angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland eindeutig ein fairer Generationenvertrag, für den wir eine disziplinierte Haushaltskonsolidierung sowie eine Willkommenskultur für Kinder und Familien brauchen.
 
Wir müssen verhindern, dass die soziale Umverteilung zu Gunsten der Älteren der jüngeren Generation die Luft zum Atmen nimmt.

Aus Solidarität mit der nächsten Generation, unseren Kindern und Enkeln, dürfen wir den bereits breit ausgedehnten Sozialstaat, der jetzt schon ein Drittel des Erwirtschafteten beansprucht, nicht über die Grenzen der Leistungsfähigkeit von Beitrags- und Steuerzahlern hinaus ausdehnen.

Wir sind überzeugt, dass wir die Ehe und Familie als Fundamente unserer Gesellschaft stärken, viel besser achten und sogar klar privilegieren müssen. Wenn wir wollen, dass der Generationenvertrag hält, dann stehen wir alle gemein sam vor der Herausforderung, die demografische Talfahrt umzukehren. Wir wollen, dass junge Frauen und Männer in ihren freien Lebensentscheidungen immer häufiger „Ja zum Kind“ sagen können.

Für einen fairen Generationenvertrag muss jede Generation „ihren Bierdeckel selbst bezahlen“, also ihre Schulden selbst tilgen, und zugleich Sorge tragen, dass die nächste Generation auch eine instandgehaltene und laufend modernisierte Infrastruktur übernehmen kann. Daher fordern wir gemeinsam mit unserer politischen Interessenvertretung VhU eine zügige Tilgung der Corona-bedingt gerechtfertigten hohen Verschuldung und die Kreditermächtigung durch die Politik. Die Tilgung der Kredite sollte zwar erst nach dem Ende der Krise beginnen, wenn keine Kredite mehr aufgenommen werden müssen, also etwa  in  2024.  Jedoch  muss die Tilgung danach binnen einer Dekade bis 2033 und nicht  erst im Jahr 2050 abgeschlossen sein. Die Dauer der Tilgung sollte möglichst kurz sein, um in künftigen Makrokrisen handlungsfähig zu sein.

Wie ist Ihr Ausblick?

Wir müssen wieder stärker im Bewusstsein verankern, dass wir - unsere Gesellschaft und Wirtschaft - Wachstum brauchen.

Wir müssen mit Illusionen aufräumen, wir könnten durch unsere Wachstumsverzichte die Welt besser machen. Aller ökologischen Wachstumskritik zum Trotz ist während und nach der Corona-Krise alles daran zu setzen, dass wir wieder wirtschaftliches Wachstum schaffen, damit aus diesen Einnahmen der Sozialstaat finanziert werden kann.

Oder auch Krisenhilfe – es wird ja nicht die letzte Krise gewesen sein. Dabei können wir sicherlich unsere Lehren  aus einem totalen Herunterfahren der Wirtschaft ziehen und gute Entschleunigungen mitnehmen in eine Zeit nach der Pandemie, die eine gänzlich andere sein wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Dr. Ulrich Kirsch,
Geschäftsführer Kommunikation und Presse HESSENMETALL