Interview Digitalisierung – Wolf Matthias Mang mit Falk Heunemann, FAZ

Herr Mang, war die Corona-Krise für die Industrie in Hessen vielleicht auch eine Chance?

Es wird immer so lapidar gesagt, die Coronapandemie habe ja auch etwas Positives. Das hat sie natürlich nicht, es sind schließlich Millionen Menschen gestorben. Aber für jede Krise gilt, dass sie Trends akzentuiert. Und das erleben wir derzeit auch mit dem Trend zur Digitalisierung.

Was hat sich denn konkret verändert?

Vor zwölf Monaten mussten die Firmen sehr schnell auf noch mehr Digitalisierung umschalten, denn ihnen wurde die Dringlichkeit vor Augen geführt, dass man sich digitalisieren muss. Wir hatten aber schon vor der Pandemie eine Umfrage gestartet, die deutlich aufzeigte, dass die Bedeutung der Digitalisierung stark zugenommen hatte. Seitdem ist der Anteil der Unter­nehmen, die sich intensiv damit beschäftigen, deutlich gestiegen, 72<TH>Prozent haben inzwischen eine eigene Digitalisierungsstrategie entwickelt, ein Sechstel mehr als noch vor einem Jahr. Zwei Drittel der Betriebe nutzen bereits 3-D-Druck, jeder zweite das Internet der Dinge (IoT), Robotik und vernetzte Produktionsanlagen. Und ein Drittel der Befragten will nun noch mehr in die Digitalisierung investieren als zuvor schon geplant.

Was heißt eigentlich Digitalisierung in den Metall- und Elektrobranchen – schließlich handelt es sich um Industriebetriebe, nicht um Bürojobs?

Unsere Produktionsunternehmen verstehen darunter die Anwendung von gegenwärtig sieben verschiedenen Digitaltechnologien: von 3D-Druck über Mensch-Maschine-Interaktion, Maschine-Maschine-Interaktion (IoT) bis hin zu Künstlicher Intelligenz.

Nehmen wir mal den 3D-Druck! Bei klassischen Bearbeitungsverfahren, wie Fräsen, Schleifen, Bohren oder Drehen, wird der Werkstoff, abgetragen. Bei 3-D-Druck macht man genau das Gegenteil. Das führt dazu, dass man Bauteile völlig neu denken kann. [INT-ANTWORT] Man kann völlig neue Strukturen schaffen, etwa Verschachtelung und Gitterstrukturen, durch die Teile leichter werden, aber genauso steif und tragfähig sind. Deswegen glaube ich, dass 3-D-Druck für die Industrie ein Game Changer ist.

Wie kann man sich das vorstellen?

Die 3-D-Drucker sehen ein wenig aus wie die Tintenstrahldrucker von früher, nur dass sie Kunststoff oder Metallpulver schichtweise nacheinander auftragen, das dann zum Beispiel durch Laser ausgehärtet wird. Diese Technik nutzen wir z. B. in einem unserer Unter­nehmen sehr intensiv.  Wir stellen u. a. Werkzeuge zur Herstellung von Kunststoffspritzgussteilen mit diesem Fertigungsverfahren her und können z. B. Kühlkanäle optimaler der Formgeometrie anpassen und das mit deutlich reduziertem Zeitaufwand und weniger Ressourcen.

Gibt es auch Rückschläge?

Die Unter­nehmen haben wegen der Pandemie ihre Mitarbeiter sehr viel schneller mit Notebooks und Laptops ausgestattet, um ihnen die Möglichkeit zu geben, mobil oder im Homeoffice zu arbeiten. Dazu wäre es sicher ohnehin gekommen, weil sich die Arbeitswelt in diese Richtung verändert. Aber zugleich ist deutlich geworden, dass sich viele Prozesse nicht fürs Home Office eignen. Da befürchten wir in vielen Betrieben eine Spaltung zwischen Mitarbeitern, die mit ihrer Arbeit ins Homeoffice arbeiten gehen können, und denjenigen, die jeden Tag in der Produktion anwesend sein müssen.

Was bremst denn die Umstellung aus?

Die Defizite der öffentlichen Verwaltung. Wir stellen fest, dass die Behörden auf mobiles Arbeiten oder Homeoffice überhaupt nicht vorbereitet sind, da rächen sich die Versäumnisse der vergangenen Jahre. Versuchen Sie doch mal, einen Termin über Teams oder Zoom mit einer Behörde auszumachen, statt dort hinzugehen und eine Nummer ziehen zu müssen. Etwas flapsiger gesagt: Ich habe hier im Unter­nehmen immer noch ein Faxgerät: nur, damit ich im Fall des Falles mit dem Gesundheitsamt kommunizieren kann. Das alles ist schon ein Armutszeugnis für ein Land, das sonst immer stolz sein konnte auf seine Verwaltung.

Können Sie das an einem kleinen Beispiel illustrieren?

Dieser Tage mussten wir für neue Mitarbeiter Unterlagen an das Landratsamt und an die Krankenkasse schicken. Das ging nicht digital, sondern nur auf einem Papierformular, mit Stempel drunter. Es darf auch nicht über das Internet eingereicht werden, sondern nur auf dem Postweg.

In Ihrer Umfrage gibt es eine Diskrepanz: Die Mehrheit der Unternehmer sagt, Künstliche Intelligenz und Internet der Dinge werden zukünftig bedeutsam sein. In der Gegenwart beschäftigen sich aber nur wenige damit. Warum?

Die Metall- und Elektro-Industrie ist eine riesige Industrie, in der sich nicht jedes Produkt und jeder Produktionsprozess von heute auf morgen digitalisieren lässt.
Als Unter­nehmen müssen wir immer sehr genau betrachten, wo die Digitalisierung tatsächlich eine Chance bietet und wie sehr das dann auch von den Kunden akzeptiert wird, damit sich die Investition rechnet. Das herauszufinden dauert seine Zeit. Dazu kommt noch ein ganz wesentlicher Faktor: fehlende Fachkräfte, da stehen wir heute auf dem Markt in einem gigantischen Wettbewerb. Und wir leiden vielerorts immer noch an einer unzulänglichen Infrastruktur, das heißt, die verfügbare Internetbandbreite ist zu gering.

Fühlen Sie sich denn vom Land Hessen in dem Prozess ausreichend unterstützt?

Wir sind sehr dankbar, dass wir das neue Hessische Zentrum für Künstliche Intelligenz mit Hauptstandort in Darmstadt bekommen haben. Uns ist auch wichtig, dass das Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum in Darmstadt weiter gefördert wird, beide werden von den Unternehmern hervorragend genutzt. Ebenso sollte das Loewe-Forschungsprogramm und die E-Government-Angebote ausgeweitet werden. Daneben fordern wir aber zum Beispiel einen Digi-Zuschuss, um zum Beispiel Qualifizierungsbedarf identifizieren zu können. Daran anknüpfend wäre ein Weiterbildungsdarlehen denkbar.

Warum rufen Sie als Unternehmerverband eigentlich nach Staatshilfen? Sehr marktliberal ist das ja nicht gerade, oder?

Wir erleben einen fundamentalen Strukturwandel, der alle Branchen betrifft, und der muss finanziell gestemmt werden. Es geht uns gar nicht darum, dass wir eine 100-prozentige Förderung des Staates verlangen. Vielmehr brauchen Unter­nehmen Anreize, um Kooperationen einzugehen, zum Beispiel mit der Technischen Universität Darmstadt. Das sichert dann auch die Zukunftsfähigkeit des Standortes. Solch ein Anreiz von außen kann Mut machen, neue Produkte und neue Prozesse zu anzugehen und am Ende umzusetzen und somit ein leistungsfähiger Steuerzahler zu bleiben oder zu werden.

Gelingt das nicht auch ohne staatliche Förderung?

Sie ist ja meist nicht nur eine Förderung, sondern auch eine Forderung, die Unter­nehmen zwingt, dann auch zu liefern. Gerade jetzt, in der finanziell belastenden Corona-Krise, hätte so manches Unter­nehmen die Digitalisierung sicher nicht mit der Intensität verfolgen können, wenn es nicht Förderprogramme gegeben hätte. Zudem geht es oft um die Behebung von Defiziten, die jenseits des Einflussbereichs der Unter­nehmen liegen, wie zum Beispiel die mangelnde Infrastruktur.

Wo spüren Sie Defizite in der Praxis?

Zum Beispiel, wenn wir unsere Mitarbeiter ins Homeoffice schicken, dort aber schon der Ehepartner zu Hause arbeitet und parallel noch die zwei Kinder Homeschooling bekommen. Da fehlt es dann in der Praxis zum einen an genügen Räumen zu Hause, und eben auch an der Bandbreite. Das können wir tagtäglich in unseren Videokonferenzen mit den Mitarbeitern sehen.

Welcher Anteil der Belegschaft ist denn im Homeoffice?

Für die gesamte Branche ist das sehr schwer zu schätzen, weil die Unter­nehmen sehr unterschiedlich aufgestellt sind.
Wir selbst haben hier in Obertshausen von den Mitarbeitern, die nicht direkt in der Produktion beschäftigt sind, sicherlich zwischen 70 und 80 Prozent im Homeoffice. Für alle geht das aber nicht. Wir haben zum Beispiel zwei Konstrukteure hier, die permanent Ansprechpartner für unsere Produktion sind. Wenn es mal am Werkstück ein Problem gibt, kann man das nicht über eine Videokonferenz beheben. Das würde den ganzen Produktionsablauf gefährden.

Es gab eine politische Debatte darüber, ob Unternehmer ihren Mitarbeitern das Homeoffice verweigern.

Damit will die Politik die Unter­nehmen zum Sündenbock machen, um von ihren eigenen Defiziten abzulenken. Die Themen Mobiles Arbeiten und Homeoffice sind für Unter­nehmen nicht neu, sie haben ja selbst ein Interesse daran, allein schon, um Ansteckungen zu vermeiden. Das muss man darum nicht auch noch mit einer Verordnung regeln. Ich glaube nicht an die Omnipotenz des Staates, das Thema sollte man den Arbeitgebern und Arbeitnehmern überlassen. Wir haben starke Belegschaften und Betriebsräte, die das selbst aushandeln können. Das staatlich zu verordnen halte ich für überflüssig und bedeutet nur mehr Bürokratie in einer für Unter­nehmen außerordentlich schwierigen Lage.

Wird Homeoffice in produzierenden Unter­nehmen häufiger der Fall sein?

Ja. Wir als Unter­nehmen arbeiten stetig daran, das auszuweiten. Es gibt aber viele Mitarbeiter, die wollen gar nicht dauerhaft im Homeoffice arbeiten, sondern vielleicht sogar nur mal einen Tag in der Woche. Ein Unter­nehmen ist ja weit mehr als nur eine hocheffiziente Struktur, es benötigt auch menschliche Interaktionen, damit man zusammen denken, zusammen handeln und zusammen produzieren kann. Das wird auch nach der Pandemie wieder so sein.

Wie konkurrenzfähig sind denn Ihrer Einschätzung nach hessische Unter­nehmen der Metall- und Elektroindustrie mit Blick auf die Digitalisierung?

Sich zu vergleichen ist dabei schwierig, denn in unserer Industrie sind wir bisher der einzige Landesverband, der solche Umfragen zum Stand der Digitalisierung durchgeführt hat. Wir wissen zumindest, dass wir in Hessen auf einem guten Weg sind, in der Krise nicht nachgelassen haben und weiter verstärkt – vor allem in die Digitalisierung der Produktion - investieren werden. Ich bin wirklich fest davon überzeugt, dass uns die Digitalisierung gelingen wird. Was wir dazu vor allem brauchen ist Zuversicht und die Fähigkeit, an das Gelingen zu glauben.

Interview Digitalisierung – Wolf Matthias Mang mit Falk Heunemann, Mitarbeiter FAZ-Redaktion, erschienen in der FAZ am 11.03.21