Ohne Industrie kein Wohlstand

Darum ist die Bundestagswahl so wichtig für Jobs und Unter­nehmen

Seinen Wohlstand verdankt Deutschland wesentlich der starken Industrie – insbesondere auch der M+E-Industrie, dem größten Industriezweig: Die rund 26.000 Betriebe mit ihren 3,9 Millionen Beschäftigten sorgen mit vor- und nachgelagerten Bereichen für 20 Prozent sämtlicher Steuereinnahmen – und sogar für 30 Prozent aller Sozialversicherungsbeiträge. Das bedeutet: Der Sozialstaat, der uns bis heute auch durch die Corona- Krise trägt, wäre ohne die Stärke der Industrieunternehmen und ihrer Mitarbeiter nicht zu bezahlen. Und Corona hat auch gezeigt, dass die Industrie unser Land krisenfester und sicherer macht.

Klar ist aber auch: Diese Stärke und der damit verbundene Wohlstand fallen nicht vom Himmel. Sie müssen jeden Tag neu erarbeitet werden.

Was die Unter­nehmen dafür brauchen, sind gute, moderne und kluge politische Rahmenbedingungen. Bei der Bundestagswahl am 26. September 2021 werden dafür die wichtigen Weichen gestellt. Wir werden über die Zukunft des Industriestandorts Deutschland mitentscheiden. Unser Land braucht eine starke Industrie mit zukunftssicheren Arbeitsplätzen. Um welche Themen und Entscheidungen es bei der Bundestagswahl 2021 geht, lesen Sie in dieser Ausgabe. Fest steht: Ohne Industrie kein Wohlstand.

Interview

„Wir brauchen ein Erneuerungsjahrzehnt“

Wolf Matthias Mang, 63, ist Vorstandsvorsitzender des Arbeitgeberverbandes Hessenmetall sowie Geschäftsführer der Arno Arnold GmbH.

Die M+E-Unter­nehmen scheinen sich nach der Rezession und der Corona-Krise wieder etwas erholt zu haben. Wie ist die Lage im Moment?

Ja, nachdem Rezession und Corona-Pandemie tiefe Löcher in die Auftragsbücher der Unter­nehmen gerissen hatten, hat sich die Lage inzwischen wieder verbessert und die Nachfrage hat spürbar zugelegt. Aber: Die Unter­nehmen können derzeit gar nicht so viel produzieren, wie sie wollen, weil schlicht Materialien fehlen. Es fehlen nicht nur Mikrochips, sondern auch Stahl, Kunststoffe und vieles mehr. Die Wirtschaft steht im Stau. Der muss sich erst auflösen. Wir hoffen, dass die Hochwasserkatastrophe im Westen und Südwesten Deutschlands die Lage nicht noch weiter verschlimmert.

Am 26. September 2021 ist Bundestagswahl. Warum ist diese Wahl so wichtig?

Wir haben eine starke Wirtschaft – auch dank der M+E-Industrie. Aber in der Corona-Pandemie hat der Staat bei Bildung, Digitalisierung und im Krisenmanagement geschwächelt. Das muss sich dringend ändern. Wir brauchen ein Erneuerungsjahrzehnt in Deutschland.

Was erwarten Sie von der nächsten Bundesregierung?

Ganz konkret: mehr Netto vom Brutto. Steuern und Abgaben sind zuletzt immer weiter gestiegen – für Beschäftigte und Betriebe. Das macht die Arbeit auch im internationalen Wettbewerb einfach zu teuer. Und die Unter­nehmen brauchen das Geld auch für Investitionen in die Zukunft – in den Standort Deutschland und in sichere und attraktive Arbeitsplätze. Denn: Ohne Industrie kein Wohlstand!

Bundestagswahl: Darum geht's

Was geht mich die „große Politik“ an? Ganz schön viel, zeigt sich bei näherem Hinsehen. Auf welche Themen Beschäftigte der Metall- und Elektro-Industrie (M+E) im Vorfeld der Bundestagswahl (auch) achten sollten. Es geht nicht zuletzt um sichere Jobs – die eigenen und die der nachfolgenden Generationen.

JOBS HALTEN

Werden die Arbeitsplätze der Zukunft weiter in Deutschland entstehen? Fest steht: Starke Industriebetriebe und zukunftssichere Jobs gibt es dauerhaft nur an attraktiven Standorten. Da hat Deutschland allerdings ein riesiges Problem: die Kosten. Ob Unter­nehmenssteuern, Arbeitsoder Energiekosten: Sie sind hier sehr hoch. Die Lohnstückkosten etwa – mit entscheidend für die Standortwahl – sind um 22 Prozent höher als im Durchschnitt der Industrieländer. Kosten runter, das beflügelt Investitionen in moderne Fertigungsanlagen und Produkte. Und zahlt sich für Betriebe und Beschäftigte aus.

JUNGEN MENSCHEN CHANCEN BIETEN

Wie entwickelt sich die Belegschaft in den Betrieben? Qualifizierter Nachwuchs ist in Deutschland sehr gefragt, gerade bei M+E. Schließlich lebt das Land vom Wissen und den Fähigkeiten der Menschen. Deshalb tut die M+E-Industrie besonders viel in Sachen Aus- und Weiterbildung. Doch schon heute fehlen junge Fachkräfte, gerade in technischen Berufen. Umso wichtiger ist es, die Nachwuchssicherung und Fachkräftegewinnung zu verstärken. Dazu gehört, den mathematisch-naturwissenschaftlichen Schulunterricht auszubauen – und auch die Zuwanderung qualifizierter Menschen.

UMDENKEN FÜR DIE NEUE ARBEITSWELT

Wie sieht die Arbeitswelt der Zukunft aus? Sie ändert sich derzeit schnell und tiefgreifend – angetrieben von Digitalisierung, Energiewende und Elektromobilität. Dadurch werden manche Berufsbilder an Bedeutung verlieren – und neue hinzukommen. Dass die Betriebe, Beschäftigten und Tarifpartner bei M+E Herausforderungen stemmen können, haben sie schon oft bewiesen. Die Politik muss ihnen aber Spielräume lassen, um Lösungen für die Zukunft entwickeln zu können. Ein Stichwort sind flexiblere Arbeitszeiten. Hier gelten in Deutschland stärkere rechtliche Einschränkungen als auf EU-Ebene. Oder mehr Möglichkeiten für befristete Beschäftigung, zur leichteren Erst- oder Wiedereinstellung. Das käme nicht zuletzt Langzeitarbeitslosen zugute, deren Zahl in der Corona-Krise wieder stark gestiegen ist.

MEHR NETTO VOM BRUTTO

Warum bleibt vom verdienten Geld so wenig übrig? Hauptgrund sind die hohen Sozialversicherungsbeiträge – also jene für Rente, Pflege, Kranken- und Arbeitslosenversicherung. Hier den Deckel draufzuhalten, ist eine Herausforderung für die Politik. Beispiel Rente: Heute kommen auf 100 Beitragszahler 57 Rentner. Im Jahre 2050 werden es 77 sein. Auch um die junge Generation finanziell nicht zu überfordern, müssen die Sozialbeiträge langfristig bei maximal 40 Prozent begrenzt werden. Zuletzt allerdings ist der Sozialstaat schneller gewachsen als die Wirtschaft insgesamt. Teure Wahlgeschenke in Form weiterer Sozialausgaben wären der falsche Weg.

INFRASTRUKTUR STÄRKEN

Stimmen in Deutschland die Grundlagen für einen erfolgreichen Wirtschafts­standort? Ob Daten-, Schienen- oder Straßennetz, Schulen oder Hochschulen: Wohl jeder weiß aus eigener Erfahrung, hier steht es vielerorts nicht gerade zum Besten. Dass jahrelang nicht genug investiert wurde, lag nicht an zu wenig Einnahmen. Es war eine bewusste politische Entscheidung etwa zugunsten von Sozialausgaben. Umdenken ist gefordert: Wir brauchen eine breit angelegte Investitionsoffensive.

BÜROKRATIE ABBAUEN

Papierkram ohne Ende? Das nervt Privatleute und Unter­nehmen gleichermaßen. Wenn Betriebe nämlich die Fertigung modernisieren und Jobs aufbauen wollen, zählt oft Geschwindigkeit. Die deutsche Bürokratie aber bremst – ob es um Unter­nehmensgründungen geht, um die Digitalisierung der Schulen oder den Ausbau des Schienen- und des Straßennetzes. Bürokratieabbau würde wie ein Konjunkturpaket wirken.

KLIMASCHUTZ VORANTREIBEN

Wie kann das Klima geschützt werden? Der verantwortungsvolle Umgang mit unserer Umwelt ist längst Topthema für die M+E-Unter­nehmen. Bei Klimaschutztechnik sind sie weltweit oft führend. So betrug der deutsche Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung der Welt im Jahr 2020 gut 3 Prozent – am Weltmarkt für Umwelttechnik waren es sogar 14 Prozent. Die Konkurrenz – vor allem die aus China und den USA – schläft aber nicht. Und am Ende entscheiden die Kunden, welche Lösung sich durchsetzt. Klar ist: Nur wettbewerbsfähige Betriebe können hohe Klimaziele erreichen. Doch Vorgaben für Fertigungsverfahren, Maschinen oder Fahrzeuge, die technisch nicht erfüllbar sind, gefährden Arbeitsplätze. Und schaden letztlich der Umwelt, weil die Produktion dann in Länder wandert, in denen vielleicht niedrigere Standards gelten.

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