Gemeinsam Zukunft sichern

Die Metall- und Elektro-Industrie steckt wegen Corona in der tiefsten Krise der Nachkriegszeit – und das mitten im Strukturwandel, der Betriebe und Mitarbeiter ohnehin in Atem hält.

Die Produktion lag im September immer noch um mehr als 20 Prozent unter dem Niveau von 2018. Viele Betriebe werden Jahre brauchen, bis sie wieder den Normalzustand erreicht haben. Trotzdem tun sie alles, um die Arbeitsplätze zu halten.

Für die laufende Tarifrunde heißt das: Jetzt kommt es ganz besonders darauf an, zusammen anzupacken – für den heimischen Standort, für Beschäftigung. Tarifpartner, Betriebe und Mitarbeiter haben schon oft bewiesen: Gemeinsam können wir Krisen meistern. Worüber jetzt geredet werden muss, ist Thema dieser M+E-Zeitung.
 

                        

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Ulrich Kirsch

Dr. Ulrich Kirsch
Geschäftsführer Kommunikation und Presse

Interview mit Oliver Barta, Vice President Human Resources von Bosch Thermotechnik in Wetzlar und Verhandlungsführer der hessischen M+E-Arbeitgeber: „Unter­nehmen nicht überfordern“

Diese Tarifrunde wird beherrscht von gleich mehreren großen Herausforderungen, denen die Metall- und Elektro-Industrie gegenübersteht. Worauf kommt es jetzt an?

Unsere Industrie ist, wie auch unsere Gesellschaft insgesamt, im Umbruch und steht vor großen Veränderungen. Dazu kamen in 2019 eine Rezession und in 2020 die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Das alles müssen wir bewältigen. Wir brauchen auch in Zukunft attraktive Arbeitsplätze in der Metall- und Elektro-Industrie. Und dafür müssen wir den Standort Deutschland für die Unter­nehmen wieder attraktiver machen, damit Innovationen und Produkte von morgen auch hier entstehen. Das ist eine gemeinsame Aufgabe von Arbeitgebern, Beschäftigten und Gewerkschaften.

Die wirtschaftliche Lage in der M+E-Industrie ist sehr angespannt. Was muss jetzt getan werden?

Oberstes Ziel der Unter­nehmen ist es, ihre Beschäftigten zu halten. Entlassungen gab es trotz der schwierigen Lage relativ wenige. Stattdessen haben viele M+E-Unter­nehmen auf Kurzarbeit gesetzt. Knapp ein Fünftel aller M+E-Beschäftigten ist aktuell noch in Kurzarbeit. Das zeigt eindrucksvoll, dass die Unter­nehmen ihre Beschäftigten so lange wie möglich an Bord halten wollen. Aber: Die Unter­nehmen dürfen in dieser wirklich angespannten Situation nicht überfordert werden. Die Tarifpolitik darf nicht nur in guten Zeiten die Lage widerspiegeln, sondern muss das auch in schlechten Zeiten tun.

Was heißt das für die Tarifrunde?

Wir brauchen realistische Erwartungen – auf beiden Seiten. Die M+E-Produktion wird 2020 um rund 17 Prozent unter dem Vorkrisenniveau liegen. Das bedeutet dramatische Umsatzeinbußen für viele Unter­nehmen. Es gibt mindestens im kommenden Jahr keinen Verteilungsspielraum. Zudem brauchen wir tarifliche Lösungen, um der unterschiedlichen Lage der Unter­nehmen gerecht zu werden – automatisch, nach klar definierten, objektiven Kriterien.

Worüber wir reden müssen

Wie Corona M+E belastet - Ergebnisse einer Umfrage bei über 1.800 Mitgliedsunternehmen

M+E-Mitarbeiter verdienen gut

Die Entgelte der Mitarbeiter in der Metall- und Elektro-Industrie (M+E) sind in den letzten zehn Jahren um rund 30 Prozent gestiegen – auf heute im Bundesschnitt rund 60.000 Euro pro Jahr. Das ist weit mehr als in anderen Industriezweigen, auch weltweit. Azubis und Ungelernte bezahlen die M+E-Unter­nehmen ebenfalls deutlich besser als im Industriedurchschnitt.

35 Stunden tarifliche Wochenarbeitszeit in Westdeutschland. Kürzer ist sie international nirgends.

1,5 Millionen Kurzarbeiter bei M+E im Mai. Selbst in der Krise 2008/2009 waren es nicht so viele. Aktuell sind es immer noch fast 1 Million. (Quelle: Bundesagentur für Arbeit)

+3,1 % Arbeitskosten, -7,3 % Produktivität, +11,1 % Lohnstückkosten - Die Arbeitskosten ziehen 2020 kräftig an. Das wäre kein Problem, solange die Produktivität genauso schnell steigt. Tatsächlich ist sie aber deutlich zurückgegangen. (Angaben für Januar bis  September 2020 ggü. Vorjahr; Quelle: Statistisches Bundesamt)

Betriebe im Stresstest

Die Arbeitszeit in schwierigen Zeiten abzusenken - das ermöglichen die M+E-Tarifverträge seit 1994. Dabei gilt: weniger Arbeit gleich weniger Lohn. So werden gefährdete Jobs nicht auch noch teurer. Ein Lohnausgleich wäre außerdem ungerecht gegenüber den Kollegen, die ihre Arbeitszeit nicht senken: Sie hätten dann einen niedrigeren Stundenlohn.

-60 % Ertragseinbruch bei M+E. Im Schnitt bleiben 2020 pro 1 Euro Umsatz nur 0,9 Cent Gewinn. 36 Prozent der Betriebe schreiben sogar rote Zahlen. (Quelle: ifo Institut)

Die Automobilindustrie erlitt 2020 die heftigsten Produktionseinbußen gegenüber dem Vorjahr. (2020: Januar bis September; Quelle: Statistisches Bundesamt)