Herbstumfrage 2018

Auf gute Leute kommt es an

Qualifizierte Fachkräfte halten und geeignete neue finden, ist für Hessens Metall- und Elektro-Betriebe eine der drängendsten Herausforderungen

Beispiel Schunk: Mit einer eigenen Messe begeistert man hier junge Menschen.

Frankfurt. Das Finden, Binden und Halten von Fachkräften wird für die Metall- und Elektro-Industrie (M+E) immer mehr zu einer Herausforderung und damit zu einer der drängendsten Aufgaben am Standort Hessen. Das ergab die 29. Chef-Umfrage des Arbeitgeberverbands Hessenmetall unter seinen Mitgliedsunternehmen. Daran hatten sich 144 Unternehmen mit 46 000 Beschäftigten beteiligt. „Die Firmen steuern nicht mehr nur auf einen Fachkräftemangel zu, sondern sie befinden sich schon mittendrin“, betonte Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert bei der Präsentation der Ergebnisse in Frankfurt.

Und genau das wird immer mehr zum Problem, da sich die Arbeitswelt in der Branche durch den digitalen Strukturwandel massiv verändert. Um da mithalten zu können, benötigen die Firmen aber unbedingt die richtigen Mitarbeiter. Pollert: „Die Fachkräftesicherung ist somit eine der größten, wenn nicht sogar die größte Herausforderung für Hessens M+E-Industrie.“

Wie die Umfrage zeigt, finden bereits knapp 80 Prozent der Unternehmen nicht mehr genügend qualifizierte Mitarbeiter. 73,2 Prozent der Betriebe suchen Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung. Zwei Drittel brauchen Spezialisten mit einem Fortbildungsabschluss wie Meister oder Techniker. 60 Prozent der Befragten suchen Akademiker. An- und Ungelernte werden deutlich weniger gebraucht und müssen daher zu Fachkräften weitergebildet werden.

Erfreulich sei, wie viel die befragten Betriebe schon tun und wie viel mehr sie sich vorgenommen haben. Sie setzen derzeit am häufigsten auf die Fortbildung ihrer Mitarbeiter (85 Prozent), eine vorausschauende Personalpolitik (81 Prozent) und neue Rekrutierungswege (75 Prozent), um dem Fachkräftemangel zu begegnen.

Beispiel Kamax: Millionen-Investition in ein neues Ausbildungszentrum.Die duale Ausbildung als klassisches Instrument der Nachwuchssicherung kommt bei drei von vier Unternehmen zum Einsatz. So hat der Automobilzulieferer Kamax in Homberg (Ohm) gerade ein hochmodernes Aus- und Weiterbildungszentrum eingeweiht und dafür rund 3 Millionen Euro investiert. Dort sollen Auszubildende und Mitarbeiter fit gemacht werden für die digitale Zukunft.

Der Technologie-Konzern Continental ist eng verbunden mit den großen Zukunftsthemen automatisiertes und autonomes Fahren, Elektrifizierung sowie Vernetzung von Fahrzeugen und braucht dafür jede Menge Softwareexperten. Die bildet man inzwischen passgenau selbst aus und gibt dabei gezielt Quereinsteigern eine Chance.

Und die Schunk Group in Heuchelheim lädt – um Mitarbeiter zu gewinnen – jedes Jahr Studierende zur internen Hochschulmesse campus@schunk an den Konzernstandort ein. So will man junge Menschen vor Ort über die Einstiegsmöglichkeiten und Perspektiven sowie die vielfältigen Technologien der fünf Divisionen des Technologiekonzerns besser informieren.

Gesetzesänderungen verschärfen zusätzlich die Situation

Trotz all solcher Bemühungen der Unternehmen werde der Fachkräftemangel laut Pollert derzeit durch viele Gesetzesänderungen leider eher noch verschärft. So sei es nicht zu verstehen, dass das Arbeitszeitgesetz immer noch nicht zeitgemäß weiterentwickelt worden sei oder ältere Fachkräfte durch Frühverrentungsanreize noch früher aus dem Arbeitsleben getrieben werden, obwohl ihre Erfahrungen weiterhin dringend benötigt würden. Pollert: „Es geht bei der Fachkräftesicherung um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen und damit auch um den gesellschaftlichen Wohlstand insgesamt.“ Maja Becker-Mohr

Die Politik ist jetzt gefordert

Das sagen Unternehmer zum Thema Fachkräftemangel

„Wir haben in Deutschland ein herausragendes und international vielfach bewundertes duales Berufsbildungssystem. Mit dem Facharbeiter, dem Techniker und dem Meister haben wir Alleinstellungsmerkmale, die wir, auch wegen ihrer Karriere- und Entwicklungsperspektiven, in der Gesellschaft nachhaltig herausstellen müssen. Hierfür benötigen wir mehr Flexibilität und Praxisbezug statt bürokratischer Hemmnisse und staatlicher Reglementierung.“

Achim Kopp, Geschäftsführer KOPP Schleiftechnik in Lindenfels


Dr. Hans-Friedrich Breithaupt, geschäftsführender Gesellschafter F. W. Breithaupt & Sohn in KasselDrei Viertel der Unternehmen können ihren Bedarf an Fachkräften mit Berufsausbildung sowie den akademischen Fachkräften nicht mehr decken. Dieser Mangel betrifft die Metallberufe wie die Elektroberufe gleichermaßen. Die Fortbildung und Qualifikation der eigenen Fachkräfte ist nun erstes Mittel, um die Expertise im Unternehmen zu sichern. Hinzu kommt eine  vorausschauende Personalplanung,gepaart mit neuen Wegen der Rekrutierung geeigneter Auszubildender.“

Dr. Hans-Friedrich Breithaupt,
geschäftsführender Gesellschafter F. W. Breithaupt & Sohn in Kassel


Claus Lau, Werkleiter Bosch Rexroth in Erbach„Um den digitalen Strukturwandel bewältigen zu können, benötigen die Unternehmen zukunftsweisende ordnungspolitische Rahmenbedingungen, eine qualifizierte Fachkräftezuwanderung, Investitionen in Bildung und Infrastruktur sowie eine Anpassung des Arbeitszeitgesetzes an das digitale Zeitalter.“

Claus Lau, Werkleiter Bosch Rexroth in Erbach


Tobias Selzer, geschäftsführender Gesellschafter Selzer Fertigungstechnik in Driedorf„Der Fachkräfte-Engpass ist bereits deutlich spürbar und eines der derzeitig brisantesten Themen der M+E-Industrie, aber auch darüber hinaus. Die Regierung muss künftig noch mehr in die Vielfalt und Qualität des Bildungswesens investieren, die duale Ausbildung stärken und sich endlich dem Thema qualifizierte Zuwanderung stellen.“

Tobias Selzer, geschäftsführender Gesellschafter Selzer Fertigungstechnik in Driedorf


Wolfram Kuhn, Geschäftsführer und Gesellschafter der Herborner Pumpentechnik in Herborn„Die Politik sollte endlich ein vernünftiges Zuwanderungsgesetz beschließen, um eine qualifizierte arbeitsmarktorientierte Zuwanderung letztlich aus allen Staaten der Welt zu ermöglichen.“

Wolfram Kuhn, Geschäftsführer und Gesellschafter
der Herborner Pumpentechnik in Herborn



Die Aussichten von Hessens Metall- und Elektro-Industrie

Steht den Medien Rede und Antwort: Wolf Matthias Mang.

Frankfurt. „Die Stimmung ist gut, aber mit Blick auf die Zukunft unverkennbar eingetrübt.“ So brachte Wolf Matthias Mang, Vorstandsvorsitzender des Arbeitgeberverbands Hessenmetall, die Ergebnisse der 29. Chef-Umfrage des Verbands unter den Mitgliedsunternehmen auf den Punkt. Internationale Handelskonflikte, politische Unsicherheiten, rückläufige Wachstumsprognosen und Belastungen durch zunehmend höhere Kosten hinterlassen laut Mang Spuren.

An der Erhebung hatten sich 144 Firmen beteiligt, ein Viertel der Mitglieder, die ein gutes Drittel der Beschäftigten der hessischen Metall- und Elektro-Industrie (M+E) repräsentieren. Die Ergebnisse  erläuterte Mang im Dezember im Verbandshaus in Frankfurt.

Seit Ende letzten Jahres sind demnach die wesentlichen Impulse für die hessische M+E-Industrie aus dem Ausland gekommen. Das Inlandsgeschäft schwächte sich zuletzt jedoch auf sehr hohem Niveau ab. Insgesamt wurden 3 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Mit knapp 221 000 Beschäftigten erwartet die Branche einen Jahresumsatz von 64 Milliarden Euro in 2018. Mang: „Das bedeutet ein Plus von 4 Prozent und ein Allzeithoch.“

Investitionen bleiben auf einem hohen Niveau

Dennoch bewerten die hessischen M+E-Unternehmen ihre wirtschaftliche Situation zurückhaltender als noch im Frühjahr 2018. Über 62 Prozent der Befragten schätzen ihre Lage im Herbst als gut ein, 29 Prozent als befriedigend und 9 Prozent als schlecht. Allerdings sehen sie die Aussichten für die kommenden sechs Monate weniger optimistisch: Zwar erwarten 14 Prozent eine bessere, aber ebenso viele eine schlechtere Entwicklung. Gut 71 Prozent der Unternehmen rechnen nicht mit einer Veränderung.

Zukünftig will man weiter Arbeitsplätze aufbauen, aber weniger als bisher. Die Investitionen bleiben auf hohem Niveau und erfolgen zukunftsorientiert in neue Produkte, Maschinen und Anlagen, aber auch in die Qualifizierung der Mitarbeiter für neue Produkte und Verfahren.

Mang: „Die M- und E-Unternehmen – allen voran der Maschinenbau und die Auto-Industrie – sind digital fortgeschrittener als andere Branchen, und das ist eine gute Ausgangsposition, um im Wettbewerb vorn zu bleiben.“ Maja Becker-Mohr

Ansprechpartner
Ulrich Kirsch

Dr. Ulrich Kirsch
Geschäftsführer Kommunikation und Presse