Rückblick: 1. DIGITALFORUM 2026 - Digitale Souveränität in der Industrie

Aufmacher DIGITALFORUM

Innovationsfähig bleiben, Know-how schützen, Abhängigkeiten managen

Am 11. März 2026 fand im Haus der Wirtschaft Hessen das 1.  DIGITALFORUM 2026 „Digitale Souveränität in der Industrie“ statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage, wie Unternehmen ihre Innovationsfähigkeit und ihr Know-how sichern und zugleich digitale Abhängigkeiten verantwortungsvoll managen können.

Die hessische Metall-, Elektro- und IT-Industrie steht im Zentrum globaler Wertschöpfungsketten. Damit einher geht eine wachsende Abhängigkeit von digitalen Plattformen, Cloud-Infrastrukturen, vernetzten Produktionssystemen und datenbasierten Geschäftsmodellen. Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen, neuer regulatorischer Anforderungen und zunehmender Cyberbedrohungen, verfolgte das Forum das Ziel, praxisnahe Orientierung für strategische Technologieentscheidungen zu bieten. Im Zentrum stand ausdrücklich keine Bewertung einzelner Anbieter oder Regionen, sondern das Verständnis von Risiken, Handlungsspielräumen und bewährten Betriebs- und Governance-Modellen in der industriellen Praxis.

Jörg Hermann, Geschäftsführer HESSENMETALL Osthessen, eröffnete das Forum und ordnete die Veranstaltung in die aktuellen Herausforderungen der Industrie ein. Er betonte die zunehmende Komplexität digitaler Abhängigkeiten und die zentrale Frage, wie Unternehmen ihre Innovationsfähigkeit sichern können, ohne Kontrolle über Daten und Betrieb zu verlieren. „Gerade die Unternehmen der Metall-, Elektro- und IT-Industrie tragen hier besondere Verantwortung. Sie sind Rückgrat unserer Wirtschaft, Innovationstreiber und zugleich Hüter zentraler industrieller Kompetenzen. Unser Ziel heute ist daher kein technologisches „Entweder-oder“, sondern eine zentrale Entscheidungsfrage: Wie gestalten wir digitale Innovation so, dass sie unsere Wettbewerbsfähigkeit stärkt – und gleichzeitig unsere Souveränität sichert?“, so Hermann in seinem Grußwort.

Zwischen Handlungsfähigkeit und digitalen Abhängigkeiten

Den ersten strategischen Zugang zu dieser Fragestellung eröffnete Prof. Dr. Michael Waidner, Professor für Sicherheit in der Informationstechnik an der TU Darmstadt, Direktor des nationalen Forschungszentrums für angewandte Cybersicherheit ATHENE sowie Leiter des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie, in seiner Keynote „Das industrielle Souveränitätsdilemma: Innovation nutzen, Know-how schützen – ein Balanceakt im geopolitischen Zeitalter“.

Er zeigte in seinem Vortrag, wie Unternehmen in einem global volatilen Umfeld handlungsfähig bleiben und digitale Abhängigkeiten steuern können. Prof. Dr. Waidner verdeutlichte, dass Cybersicherheit der entscheidende Faktor für digitale Handlungsfähigkeit ist und eine moderne Sicherheitsarchitektur, ein klarer Überblick über die eigene IT und wirksame Schutzmechanismen unverzichtbar sind. Zudem ordnete er souveräne Technologien wie Cloud, Open Source und Confidential Computing ein und machte deutlich, dass sie zwar wichtige Beiträge leisten können, die grundlegenden Abhängigkeiten jedoch nicht vollständig auflösen. Daher rückt die Abwägung zwischen Geschwindigkeit, Sicherheit und Souveränität in den Mittelpunkt, verbunden mit der Frage, wie Risiken und Chancen realistisch bewertet werden können und welche Entscheidungen die Industrie jetzt vorbereiten muss.

Vier unterschiedliche Perspektiven aus der industriellen Realität

Nach der Keynote folgten vier Praxis-Impulse darüber, wie Industrieunternehmen ihre digitale Infrastruktur und Cloud-Nutzung so gestalten, dass sie innovationsfähig bleiben, ohne Kontrolle über Know-how, Daten und Betrieb zu verlieren.

Den Anfang machte Andreas Bachmann, CEO von Adacor, und erläuterte in seinem Impuls „Wenn Systeme nicht ausfallen dürfen – Cloud‑Entscheidungen aus Sicht des industriellen Betriebs“, welche wirtschaftlichen Folgen bereits kurze Ausfälle entscheidender Systeme wie ERP und PLM für industrielle Abläufe haben und beschrieb, wo Cloud-Lösungen und hybride Architektur klare Vorteile bieten. Besonders sensible Daten und Systeme erfordern klare Schutzmechanismen sowie eine präzise Verteilung technischer und organisatorischer Verantwortung. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der KI, ohne die es in Zukunft nicht mehr gehen wird. Souverän gehostete KI bedeutet für ihn nicht den Verzicht auf Innovation, sondern Innovation unter Kontrolle. "Souveränität ist kein Zertifikat, das man bekommt. Es ist eine Architekturentscheidung, die man trifft – auf jeder Ebene", so Bachmann.

Dr. Jörg Gottschlich, CEO von meshcloud, knüpfte mit seinem Impuls „Tempo ohne Abhängigkeit – souveräne Multi-Cloud-Plattformen für eine schlagkräftige Industrie“ daran an. Er erläuterte, wie Unternehmen Multi-Cloud- und Hybrid-Landschaften so gestalten können, dass Innovation nicht durch Governance-Strukturen eingeschränkt wird. Transparenz über Kosten, Zugriffe und Datenflüsse wurde dabei als Voraussetzung für mehr Handlungsfreiheit dargestellt. Gottschlich zeigte auf, wie Hyperscaler gezielt und kontrolliert genutzt werden können, ohne Risiken des Kontrollverlusts in Kauf zu nehmen und verdeutlichte, dass digitale Souveränität vor allem aus einer strukturierten Aufbau und nicht aus der Wahl einzelner Technologien resultiert.

Nach den ersten Einblicken in die industrielle Realität bot die interaktive Coffee Break Gelegenheit zum vertieften Austausch im Netzwerkbereich.

Nach der Pause zeigte Markus Salomon, Head of Data Management bei Adastra, in seinem Impuls „Schneller werden als der Wettbewerb – Wo Plattformen und KI echten Vorsprung verschaffen“, welche Innovationssprünge ohne Hyperscaler kaum erreichbar sind. Zugleich zeigte er die damit verbundenen strategischen Abhängigkeiten wie komplexe Preismodelle, proprietäre Funktionen und wachsende Bindungseffekte. Er betonte, dass souveräne Cloud-Lösungen ein zentraler Baustein strategischer Handlungsfähigkeit sind, jedoch stets im Verhältnis zu anderen sicherheits- und geschäftskritischen Risiken bewertet werden müssen.

Christian Hein, CIO von Inheaden, zeigte in seinem Beitrag „Europäische Souveränität in der Cloud“ auf, für welche industriellen Workloads europäische Cloud-Plattformen besonders geeignet sind und wo ihre technischen Grenzen verlaufen. Er erläuterte, warum europäische Cloud-Souveränität angesichts regulatorischer Anforderungen, geopolitischer Risiken und der Abhängigkeit von US-Hyperscalern zunehmend strategisch relevant wird. Anhand zweier Anbieter STACKIT und Scaleway zeigte er konkrete Stärken europäischer Plattformen auf und illustrierte typische Anwendungsfälle wie QMS-Systeme, Predictive Maintenance, Edge Computing oder Datenhistorisierung. Abschließend skizzierte Hein eine Referenzarchitektur zur souveränen Verarbeitung und Übertragung von Maschinendaten in europäische Cloud-Umgebungen.

Vertiefende Diskussion und zentrale Leitfragen

Die abschließende Diskussion machte deutlich: Eine universelle Lösung gibt es nicht. Unternehmen müssen ihre Entscheidungen stets an den eigenen Anwendungen, Risiken und strategischen Zielen ausrichten. Ein Punkt fand dabei breite Übereinstimmung unter den Referenten: Das größte Risiko besteht darin, gar nicht zu handeln. Digitale Souveränität ist eine Managementaufgabe: Sie entsteht nur, wenn Unternehmen sich aktiv mit Architektur-, Governance- und Technologieentscheidungen auseinandersetzen und diese strategisch weiterentwickeln.

Das Digitalforum endete mit einem gemeinsamen Meet & Eat, bei dem die Gespräche in angenehmer Atmosphäre fortgeführt wurden.

Unser besonderer Dank gilt allen Referenten sowie den teilnehmenden Mitgliedsunternehmen für den intensiven Austausch und die wertvollen Impulse.

Katja Farfan

Leiterin Digitales, Technologietransfer und Startups

Lisanne Müller

Referentin Digitales, Technologietransfer und Startups

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