Doppelbelastung durch Rezession und Strukturwandel

Frankfurt. Ein großer Kraftakt für die hessische Metall- und Elektro- Industrie (M+E): Sie befindet sich in einer Re-zession. Dennoch müssen ihre Unter-nehmen auch weiterhin erheblich in die Digitalisierung und vier automobile Antriebsarten gleichzeitig investieren. Für die Unter­nehmen entsteht so eine massive Doppelbelastung, warnt der Arbeitgeberverband Hessenmetall.

Grundlage dieser Einschätzung ist eine Sonderauswertung der ersten drei Quartale, die das Hessische Statistische Landesamt in seinem Auftrag durchgeführt hat. Demnach entwickeln sich die Auftragseingänge, ein wichtiger Frühindikator für die geschäftliche Entwicklung, stetig nach unten. Über das Jahr betrachtet sind die monatlichen Auftragseingänge im Schnitt um 8,3 Prozent niedriger als im Vorjahr.

Im Maschinenbau verzeichnete man 9,3 Prozent weniger Aufträge. Die Fahrzeughersteller müssen sogar ein Minus von 19,4 Prozent verkraften. Zwar stieg der Umsatz in den ersten drei Quartalen 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 4,4 Prozent auf 50,59 Milliarden Euro. Verantwortlich ist dafür jedoch maßgeblich der Bereich Metallerzeugung und -bearbeitung. Speziell die Auto-Industrie, die größte hessische M+E-Branche, verzeichnet dagegen spürbare Umsatzeinbrüche. Auch die Beschäftigung befindet sich im Abwärtstrend. Zwischen September 2018 und September 2019 gingen bereits mehr als 1.600 Arbeitsplätze verloren.

Die Unter­nehmen erwarten eine weitere Verschlechterung der Lage

Für das erste Halbjahr 2020 ist gegenwärtig sogar mit einem Stellenabbau von 2,6 Prozent zu rechnen. Hochgerechnet bedeutet das noch mal rund 5.700 Arbeitsplätze weniger. Stimmung und Ausblick in Hessens größter Industrie haben sich entsprechend weiter verschlechtert. Das zeigt die Herbstumfrage des Arbeitgeberverbands, an der sich 160 Mitgliedsunternehmen mit insgesamt 50.700 Beschäftigten beteiligten. „Die konjunkturellen Zeichen stehen auf Sturm“, fasste Hessenmetall-Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert die Ergebnisse zusammen.

Berührt seien auch die größeren Branchen wie der Maschinenbau und die Automobil-Industrie. Pollert: „Hessen als Automobilzuliefererland ist in besonderer Weise betroffen, und die hessischen M+E-Unter­nehmen erwarten für 2020, dass sich ihre Lage weiter verschlechtert.“ In der Umfrage beurteilten 31 Prozent der Unter­nehmen ihre allgemeine Geschäftslage als schlecht, 24 Prozent als gut. Für das nächste halbe Jahr erwarten 41  Prozent eine schlechtere Entwicklung, und nur etwa 8 Prozent gehen von einer besseren Lage aus.

Die Kombination aus rückläufiger Entwicklung und erwarteter weiterer Verschlechterung zieht sich durch alle wichtigen Indikatoren: die Auftragseingänge, die Umsätze, die Exporte und die Erträge. Pollert: „Erfreulich sind aktuell einzig die Investitionen.“ Sie liegen im Herbst 2019 auf einem hohen Niveau; zwei Drittel der Unter­nehmen wollen sie halten oder sogar steigern. Mit Blick auf die anstehende Tarifrunde 2020 betonte der Hauptgeschäftsführer die Doppelbelastung der hessischen M+E-Unter­nehmen: „Neben der schwierigen Konjunktur müssen unsere Mitgliedsunternehmen zeitgleich einen vielfältigen Strukturwandel bewältigen.“

Mehr Unterstützung von der Politik gefordert

Zum einen drückt die Digitalisierung, die in allen Industriezweigen und Branchen enorme Investitionen und neue Geschäftsmodelle entlang der gesamten Wertschöpfungskette erfordert. Zum anderen müssen neben den Verbrennungsmotoren gleichzeitig Elektro- und Wasserstoffantrieb erforscht und entwickelt werden. Pollert: „Das trifft im Autozuliefererland Hessen nicht nur die Automobilunternehmen, sondern große Teile der vorgelagerten Betriebe.“

Außerdem müssten M+E-Unter­nehmen immer mehr als Plattformanbieter und Dienstleister auftreten, was traditionelle Geschäftsmodelle, die bis-her ausschließlich produzierten, herausfordere. Pollert: „Unsere Unter­nehmen befinden sich in einem Schraubstock aus Rezession und Strukturwandel, der ihnen immer weniger Spielraum lässt.“ Deshalb könnten sie in Deutschland mit den weltweit dritthöchsten Arbeitskosten, sehr hohen Steuern und Abgaben sowie hohen Stromkosten keinerlei Kostensteigerungen gebrauchen.

Die Schere zwischen Produktivitäts- und doppelt so hohen Lohnsteigerungen müsse sich vielmehr wieder schließen. Auch müsse der Tarifabschluss gerade für den Mittelstand deutlich weniger komplex ausfallen als der letzte. Von der Bundespolitik wünscht sich Pollert mehr Unterstützung. Von 100  Euro Umsatz blieben den M+E-Unter­nehmen nach Steuern durchschnittlich 3,90 Euro für Investitionen, Anteilseigner und Rücklagen. Der Hauptgeschäftsführer: „Wir brauchen eine wirtschaftsfreundlichere Politik statt immer mehr Umverteilung, und unsere Unter­nehmen müssen entlastet werden, vor allem bei den Kosten und der Bürokratie.“

Dazu gehöre unter anderem die Senkung der Unter­nehmenssteuern auf 25 Prozent, da sie in anderen Industrie-ländern bereits abgesenkt wurden oder werden, was Wettbewerbern Vorteile bringe. Auch die Sozialversicherungsbei-träge müssten dauerhaft unter 40  Pro-zent gehalten werden. Und Kriseninstrumente aus den Jahren 2008/2009 wie das konjunkturelle Kurzarbeitergeld sollten vorsorglich vorbereitet werden.

TEXT: Maja Becker-Mohr