Noch läuft es rund - bleibt das so?

Die Metall- und Elektro-Industrie (M+E) macht weiter Tempo, die Beschäftigung
ist auf Rekordstand. Allerdings haben die Unternehmen ihre Geschäftserwartungen in den letzten Monaten deutlich zurückgeschraubt. Die Ursachen liegen auf internationaler Ebene, sind zum Teil aber auch hausgemacht.


Neun Jahre dauert der Aufschwung für Deutschlands größten Industriezweig nun an. Auch in den ersten drei Monaten 2018 hielt die M+E-Produktion das hohe Tempo von Ende 2017. Und im April lag sie nur knapp (-0,6 Prozent) unter dem Stand des ersten Jahresquartals.

Bei den Jobs ging es weiter aufwärts: Rund 540.000 Arbeitsplätze haben die M+E-Unternehmen seit der Krise 2008/2009 bislang geschaffen. Derzeit beschäftigen sie rund 3,99 Millionen Mitarbeiter, so viele wie seit 25 Jahren nicht. Es könnten noch mehr sein – doch viele Arbeitsplätze sind unbesetzt, weil geeignete Bewerber fehlen: 337.600 offene Stellen gab es im April in den M+E-Facharbeiterberufen.

Auch junge Leute haben ausgezeichnete Startchancen bei M+E: 2017 wurden in den Metall- und Elektro-Berufen rund 73.900 Ausbildungsverträge abgeschlossen – ein Spitzenwert.

So erfreulich die Lage ist – über die weitere Entwicklung herrscht Verunsicherung. Zwar ist der Auftragsbestand nach wie vor überdurchschnittlich. Die Zahl der Neuaufträge sank zuletzt jedoch – im April um 5 Prozent zum ersten Quartal 2018.

Ihre Geschäftserwartungen schrauben die M+E-Betriebe sogar seit einem halben Jahr Monat für Monat herunter. Und was die Gesamtwirtschaft betrifft, kappen Forschungsinstitute wie RWI und ifo derzeit ihre Wachstumsprognosen.

Gründe dafür sind der stärkere Euro, das weiter schwelende Dieselthema, der Brexit, die US-Importzölle. Hinzu kommt: Auch von der Politik ist die Wirtschaft in vielen Punkten enttäuscht. Das neue Rückkehrrecht aus Teilzeit in Vollzeit, die von der Bundesregierung angekündigten Einschränkungen bei der Befristung von Arbeitsverträgen, das veraltete deutsche Arbeitszeitgesetz: Sie alle nehmen den Betrieben wichtige Beweglichkeit und erschweren Beschäftigung.

Sorge macht auch die ausufernde Rentenpolitik mit milliardenschweren Zusatzausgaben für die Rentenversicherung: Sie belastet die junge Generation erheblich. Und sie erhöht die Arbeitskosten weiter. Das leistet den Beschäftigungschancen der Menschen einen Bärendienst.

Was bei allem Gegenwind Mut macht: Die noch gute Konjunktur haben die M+E-Betriebe genutzt, um fit zu bleiben im internationalen Wettbewerb.

Dazu tragen moderne tarifvertragliche Reglungen bei. Richtungweisend war in dieser Hinsicht auch der Tarifabschluss 2018 – er bietet Betrieben und Beschäftigten noch größere zeitliche Spielräume.

Industrie: Start in ein neues Zeitalter

Der Tarifabschluss 2018 bringt viel mehr als eine reine Lohnerhöhung – er bietet Betrieben und Beschäftigten ganz neue Möglichkeiten bei der Arbeitszeit: Sie können von der geltenden Wochenarbeitszeit leichter nach oben und unten abweichen. Deshalb gilt der neue Tarifvertrag schon jetzt als Meilenstein. Doch was genau ist neu? Die wichtigsten Fakten.

Mehr Arbeitszeit möglich

Grafik Umfrage zur WochenarbeitszeitViele Mitarbeiter der Metall- und Elektro-Industrie (M+E) wollen länger arbeiten. Das ist aus bundesweiten Umfragen in der M+E-Industrie bekannt – und das deckt sich häufig mit den Wünschen der Betriebe. Deutlich mehr zeitlichen Spielraum nach oben bringt der im Februar vereinbarte Tarifabschluss 2018.

40-Stünder-Verträge
Grundsätzlich gilt bei M+E im Westen die 35-Stunden-Woche, im Osten sind es 38 Stunden. Das ist per Tarifvertrag so festgelegt.

Auch heute schon können die Betriebe mit einem Teil ihrer Mitarbeiter aber auch bis zu 40 Wochenstunden vereinbaren, bei entsprechend besserer Bezahlung. Die Möglichkeit ist jedoch sehr begrenzt – im Tarifgebiet M+E Mitte auf 13 Prozent der Belegschaft.

In bestimmten Fällen können auch jetzt schon mehr Mitarbeiter auf 40 Stunden gehen. Die Voraussetzungen dafür sind bislang jedoch sehr streng. Der neue Tarifvertrag bringt nun deutlich vielfältigere Möglichkeiten für solche weitergehenden Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Nutzbar sind sie ab Januar 2019.

Beispielsweise kann künftig die sogenannte 40-Stünder-Quote per Betriebsvereinbarung angehoben werden, wenn ansonsten Fachkräfte fehlen – was in immer mehr Betrieben der Fall ist.

Alternativ dürfen die Firmen auch zu einer neuen Art der Begrenzung der sogenannten 40-Stünder wechseln – zu einer Durchschnittsbetrachtung über alle ihre Mitarbeiter hinweg („kollektives Arbeitszeitvolumen“). Teilzeitkräfte werden mitgezählt. Daher sollten auch nach dieser Rechnung unterm Strich mehr 40-Stünder-Verträge möglich sein.

Welche Regelung am besten passt, entscheidet jeder Betrieb für sich. Es gilt: Ein Aufstocken der Wochenarbeitszeit ist nur auf freiwilliger Basis möglich. Und Betriebe, die mit den bisherigen Vereinbarungen zu den Quoten zufrieden sind, können dabei bleiben. Dann ändert sich diesbezüglich nichts. Was im eigenen Unternehmen vorgesehen ist, erfahren Beschäftigte im Zweifel in ihrer Personalabteilung.

Arbeitskonten
Neues bringt der Tarifabschluss 2018 auch bei den Arbeitszeitkonten: Die Mitarbeiter haben die Chance auf zusätzliches Geld. Denn bis zu 50 Stunden pro Jahr und Kopf können künftig schnell und unbürokratisch vom Zeitkonto ausgezahlt werden, wenn das mit dem Betriebsrat vereinbart wurde.

Ein solches Verfahren kann beispielsweise in Phasen hilfreich sein, in denen viele Aufträge abzuarbeiten sind und die Konten keinen Spielraum mehr bieten – auch ein Thema, das in vielen Betrieben auf der Tagesordnung steht.

Kürzere Arbeitszeit - so geht es

Anspruch auf verkürzte VollzeitDer Tarifabschluss 2018 erlaubt es Mitarbeitern, ihre Arbeitszeit unter bestimmten Bedingungen
zeitweise abzusenken. Diese Möglichkeiten bieten sich:

„Verkürzte Vollzeit“
M+E-Beschäftigte können ab Januar 2019 in „verkürzte Vollzeit“ gehen: Sie senken ihre Arbeitszeit für bis zu zwei Jahre auf bis zu 28 Stunden ab – bei entsprechender Kürzung des Entgelts und anderer Leistungen. Danach wechseln sie wieder in Vollzeit. Das geht auch mehrmals. Ein schriftlicher Antrag muss spätestens ein halbes Jahr zuvor gestellt werden.

Die Regelung kann nur von Beschäftigten genutzt werden, die mindestens 35 Stunden pro Woche arbeiten und zumindest seit zwei Jahren im Betrieb sind. Der Arbeitgeber kann den Antrag außerdem ablehnen – etwa wenn bereits viele andere Mitarbeiter zeitlich kürzertreten oder wenn sich kein entsprechend qualifizierter Ersatz findet, der für den Antragsteller einspringt (siehe Schaubild).

Zeit statt Geld
Einige Beschäftigte können wählen, ob sie statt der Auszahlung eines Teils der Tariferhöhung acht zusätzliche freie Tage haben möchten. Dafür verzichten sie auf das sogenannte prozentuale tarifliche Zusatzgeld (T-ZUG A).

Diese Option besteht für drei Gruppen: für Schichtarbeiter, für Beschäftigte mit Kindern bis zur Vollendung des achten Lebensjahres, die selbst betreut und erzogen werden, sowie für Mitarbeiter, die Eltern, Kinder, ihren (Ehe-)Partner oder Schwiegereltern mit mindestens Pflegegrad 1 in häuslicher Pflege betreuen.

Je nach Einzelfall gelten unterschiedliche Voraussetzungen, etwa was die Betriebszugehörigkeit angeht. Außerdem kann der Arbeitgeber die Freistellung ablehnen, wenn sich im Betrieb niemand mit passender Qualifikation findet. Ein anderer Kollege, der in dieser Zeit länger arbeitet, wird nicht auf die 40-Stünder-Quote angerechnet. Einzelfragen klärt man am besten mit der Personalabteilung.

Quelle: ME Zeitung 1/2018