„Warnstreiks schaffen keine Aufträge“

Arbeitgeber-Verhandlungsführer Oliver Barta sieht schwierige Tarifgespräche

Interview mit der Fuldaer Zeitung, Redaktionsmitglied Volker Nies, erschienen am 03.03.21



Seit gestern wird gestreikt. In den Tarifverhandlungen für die Metallbranche wollen die Gewerkschaften Druck aufbauen. Oliver Barta, Verhandlungsführer der Arbeitgeber, warnt davor, eine Lösung auf der Straße zu suchen.

Sie sind Verhandlungsführer Hessen in der Verhandlungsgemeinschaft Metall+Elektro im Bezirk Mitte (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland). Überrascht Sie, dass die IG-Metall so schnell zum Streik greift? 

Ja. Das ist eine für mich kaum vermittelbare Situation. Der Pandemie hat uns weiter im Griff. Wir kämpfen darum, das Jahr 2020 aufzuholen, und unser Tarifpartner hat nichts Besseres zu tun, als Rituale zu pflegen. Warnstreiks schaffen keine Aufträge. 

Sie fordern eine Nullrunde. Das Metall-Unter­nehmen Daimler spart bei Mitarbeitern und schüttet dann Milliardendividenden aus.

Das Verhalten eines einzelnen Mitgliedsbetriebs will ich nicht kommentieren. Aber in der Branche ist die Nullrunde 2021 ohne Alternative. Im Vergleich zur Zeit vor der Coronakrise und der Rezession, also dem Jahr 2018, liegen wir beim Umsatz und bei der Produktivität um 14 Prozent zurück. Deshalb gibt es 2021 leider nichts zu verteilen. Wir brauchen noch zwei oder drei Jahre, um vom 2018er Niveau aus Wachstum zu schaffen.

Aber einigen Firmen in der Metallbranche geht es gut.

Die Lage der Unter­nehmen ist sehr unterschiedlich. Mein Unter­nehmen Bosch Thermotechnik kam gut durch 2020. Die Maschinenbau und die Autozulieferer haben sehr zu kämpfen. Wir haben der IG-Metall deshalb angeboten, im Tarifabschluss zu differenzieren. Gelingt das nicht, muss man das Prinzip des Flächentarifvertrags ernst nehmen: Er beschreibt Mindestbedingungen. Dafür muss man sich am Durchschnitt orientieren und nicht an den Glücklichen, die gut durch die Krise kommen.

Ist ein solch differenzierter Tarifvertrag Ihr Ziel?

Ja. Wir brauchen eine Differenzierung nach Kennzahlen. Auf Basis dieser Werte darf eine Absenkung vorgenommen werden – automatisch, wenn die Zahlen erreicht sind.

Wie wichtig ist diese Differenzierung?

Sehr wichtig. Das ist eine Bewährungsprobe für den Flächentarifvertrag. Wir sind mit den Branchen und ihren Unter­nehmen so unterschiedlich unterwegs, dass man nicht alle über einen Kamm scheren kann. Die Differenzierung hilft den Tarifparteien und den Unter­nehmen.

Wie groß sind die Unterschiede in der Metall- und Elektro-Industrie?

Die Spreizung ist sehr groß. IT-Firmen oder Heizungsunternehmen geht es gut. Der Maschinenbau und die Autozulieferer sind zum Teil noch sehr weit unten. Den meisten Unter­nehmen in der M+E-Industrie geht es nicht gut. Den hessischen M+E-Firmen fehlen im Vergleich zu 2019 sechs Milliarden Jahresumsatz – pro  Kopf 28.000 Euro. Wir müssen den Betrieben erlauben, das aufzuholen, um das alte Niveau zu erreichen. Und dann brauchen wir weiteres Wachstum, um über Verteilungsspielräume zu sprechen.

Es gibt aber eine starke konjunkturelle Erholung.

Die M+E-Industrie hat im vierten Quartal aufgeholt – aber auf der Basis des sehr schlechtes Vorjahresniveaus. Die Lage ist unsicher. Die Firmen brauchen Luft, um in den Strukturwandel und in die Qualifizierung der Mitarbeiter zu investieren, um nur das Vorkrisenniveau zu erreichen. 

Schon 2020 gab es eine Nullrunde. Jetzt wieder?

Wenn man genau hinschaut, gab es keine Nullrunde. Die IG-Metall sagt, seit 2018 habe es keine Erhöhung mehr gegeben. Wenn ich den Einmalbetrag von 350 Euro 2020 einrechne, dann ist das für drei Jahre seit 2018 eine Erhöhung von 8,3 Prozent im Schnitt. Das ist nicht wenig.

Wo sehen Sie Spielräume? Die Inflation zieht an, Ihre Mitarbeiter müssen mehr für Sprit und Strom zahlen.

Die Inflation 2020 war negativ. Die Produktivität ist auf dem Niveau von 2018. Wir ha-ben also zwei Jahre aufzuholen. Deshalb sehe ich keine Verteilungsspielräume. Für 2022 sehe ich diese Spielräu-me. Wir wünschen uns eine Laufzeit von 27 bis 30 Monate, damit die Unter­nehmen Pla-nungssicherheit haben. Wir sind auch bereit, über Elemente der Beschäftigungssicherung zu sprechen.

Wie ist das Verhandlungsklima?

Ich bin ein bisschen in Sorge. Die IG-Metall hat die Gespräche in der dritten Runde relativ schnell beendet. Eine intensive Beschäftigung mit unseren Vorschlägen fand nicht statt. Aber am 12. März setzen wir die Gespräche fort.

Wie funktionieren Tarifgespräche in Corona-Zeiten?

Es sind hybride Gespräche. Ei-ne Kerngruppe von zehn bis zwölf Personen trifft sich in einem Hotel in Mainz – mit viel Abstand und Maske. Jeder Teil-nehmer wird zuvor getestet. Die weiteren Teilnehmer sind per Videokonferenz zugeschaltet. In anderen Bezirken wird parallel verhandelt.

Oliver Barta (53) ist als Vice President Human Resources bei Bosch Thermotechnik Wetzlar verantwortlich für die weltweite Personalarbeit für 14 000 Beschäftigte.