2021: Gemeinsam anpacken

Hessens Metall- und Elektro-Industrie erwartet von Tarifpartnern und Politik: Die Kosten dürfen nicht weiter steigen

Hessens größte Industrie, Metall- und Elektro (M+E), hat mit einer schlechten Wirtschaftslage zu kämpfen, hervorgerufen durch einen Mix aus Corona-Krise und Strukturwandel. Und wie die im Dezember vorgestellte Umfrage des Arbeitgeberverbands Hessenmetall zeigt, stellt sich die Branche auf weitere Rückschläge im Frühjahr 2021 ein.

Bereits zum 31. Mal hat der Verband für die hessische Metall- und Elektro- Industrie die Chefs seiner 645 Mitgliedsunternehmen befragt. Zudem begutachtete das Hessische Statistische Landesamt für Hessenmetall die ersten drei Quartale 2020. Fazit: Lage und Stimmung sind schlecht. Deshalb erwartet der Verband von der Politik und dem Tarifpartner IG Metall: weitere Kostensteigerungen vermeiden und das Jahr 2021 gemeinsam anpacken.

Deutlicher Umsatzeinbruch im Corona-Jahr 2020

Wie die Zahlen zeigen, verzeichnet die hessische M+E-Industrie seit März aufgrund der Corona-Krise einen deutlichen Umsatzeinbruch. Vor allem die Hersteller von Kraftfahrzeugen und -teilen erwischte es im April und im Mai mit heftigen Verlusten von über drei Viertel des Vorjahresumsatzes. Der Umsatzrückgang für die ersten drei Quartale 2020 beläuft sich im Vergleich mit dem Vorjahr auf über 12 Prozent. Zusätzlich hat die Pandemie auch die seit zwei Jahren negative Entwicklung des Zukunftsindikators „Auftragseingänge“ weiter verstärkt. Im April und Mai lagen die neuen Aufträge über ein Drittel unter dem Vorjahresniveau.
 

Der Nachfrageeinbruch zeigt sich bereits an sinkenden Beschäftigungszahlen. Seit dem Höchststand im September 2018 ist die Beschäftigung um rund 12.000 Stellen auf 208.000 gesunken. Die Mehrzahl dieser weggefallenen Arbeitsplätze ist vor allem auf den allgemeinen Konjunktureinbruch und den Strukturwandel zurückzuführen. Corona führt jedoch dazu, dass der negative Trend sich verstärkt fortsetzt und zu einem weiteren Stellenabbau führen wird. Wie die Umfrage zeigte, wird sich die Anzahl der Beschäftigten nach den Erwartungen der Betriebe um 4,7 Prozent vermindern. Hochgerechnet auf die gesamte hessische M+E-Industrie gehen demnach bis ins Frühjahr weitere knapp 10.000 Arbeitsplätze verloren.

Stimmung und Erwartungen sind düster

„Die Stimmung in Hessens größter Industrie hat sich im Vergleich zum Herbst 2019 weiter verschlechtert, und die Erwartungen zum Frühjahr 2021 sind düster“, fasste denn auch der Vorstandsvorsitzende von Hessenmetall Wolf Matthias Mang die Ergebnisse der Umfrage zusammen. 152 Mitgliedsunternehmen mit insgesamt 41.000 Beschäftigten hatten sich daran beteiligt. Ihre all gemeine Geschäftslage beurteilen  37 Prozent der Betriebe als schlecht, nur 17 Prozent als gut. Und fürs nächste halbe Jahr erwarten 85 Prozent keine Verbesserung.

Diese Kombination aus schlechter Stimmung und wenig Aussicht auf Besserung zieht sich mit nahezu identischen Werten durch alle relevanten operativen Indikatoren: die Auftragseingänge, die Umsätze, die Exporte und die Erträge. Das Vorkrisenniveau aus dem Jahr 2018 sehen viele frühestens 2022 wieder erreicht, manche sogar erst bis Mitte des Jahrzehnts. Folglich hält sich die Branche auch bei den Investitionen eher zurück. Über ein Drittel der Unter­nehmen beurteilt die Investitionen aktuell als zu niedrig, knapp über die Hälfte zumindest als ausreichend. Knapp jedes vierte Unter­nehmen erwartet, dass die Investitionen weiter sinken werden. Dabei dominieren Ersatz- und Rationalisierungsmaßnahmen, gefolgt von Investitionen in die Produkte und die Qualifizierung der Mitarbeiter.

Zweite Umfrage zur Digitalisierung

Foto von Wolf Matthias Mang Vorstandsvorsitzender von HESSENMETALL Mang: „In der aktuell schwierigen Lage fällt es schwer, den Blick auf das Positive zu richten, denn etwa 20 Prozent unserer Unter­nehmen rechnen erst 2022 mit einer Rückkehr zur Normalität, und 45 Prozent können noch überhaupt nicht absehen, wann die Produktion wieder den Stand von vor der Krise erreichen wird.“ Mit Blick auf die anstehende Tarifrunde betonte Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert, dass es keinen Verteilungsspielraum für Lohnsteigerungen gäbe, selbst eine Nullrunde sei schon ein Kompromiss. „Beschäftigungssicherung hat für uns hohe Priorität, aber nur der wirtschaftliche Erfolg sichert Arbeitsplätze auf Dauer. Daher müssen wir im Strukturwandel künftige Wettbewerbsfähigkeit auf- und ausbauen.“

Von der Bundespolitik erwartet der Verband, weiterhin die Pausentaste bei den Kostensteigerungen gedrückt zu halten und möglichst viele Zukunftsinvestitionen in die Strukturanpassungen zu unterstützen: durch  wettbewerbsfähige  Unter­nehmensteuern, eine Erweiterung des steuerlichen Verlustrücktrags sowie Verbesserung bei der steuerlichen Forschungsförderung. Außerdem betonte Pollert die Notwendigkeit eines modernen Arbeitszeitgesetzes. „Wir erwarten von der Bundespolitik, dass sie endlich einen arbeitsrechtlichen  Gesetzesrahmen schafft, der mit mehr Flexibilität, Erfolgsorientierung und Zeitsouveränität die Wirtschaft unterstützt, um so besser durch die Corona-Pandemie zu kommen und schneller wieder Fahrt für Wachstum aufzunehmen.“

Bei allen Molltönen, die bei der Präsentation der Wirtschaftsumfrage erklangen, gibt es aber auch Anlass zu Zuversicht. Wie eine weitere aktuelle Umfrage zum Stand der Digitalisierung in den Unter­nehmen zeigt, nimmt dieses Zukunftsthema bei den hessischen M+E-Betrieben weiter Fahrt auf. „Sie haben sich in Digitalisierungsgrad, klarer Strategie und operativer Umsetzung entscheidend verbessert“, so Mang. Knapp 60 Prozent der Befragten, 10 Prozentpunkte mehr als bei der ersten Umfrage 2019, bezeichneten den Digitalisierungsgrad ihres Betriebs bereits als hoch oder sogar sehr hoch.

Text: Maja Becker-Mohr