„E-Bikes sind Teil unserer Zukunft“

Wirtschaftszeitung Aktiv vom 18. Januar 2020



Chef-Interview: Fabian Maurer vom Komponentenbauer Ringspann über weltweite Wachstumschancen

Bad Homburg. Wer innovative Antriebstechnik braucht, kommt an Ringspann in Bad Homburg nur schwer vorbei. Das 475 Mitarbeiter zählende Unter­nehmen gehört zu den weltweit führenden Herstellern von Freiläufen, Industriebremsen, Spezialkupplungen und vielem mehr. Zudem verblüfft es die Fachwelt immer wieder mit seinen innovativen Ideen. aktiv sprach mit Geschäftsführer Fabian Maurer über Wachstumschancen in spannenden Zeiten.

Haben Sie ein Lieblingsprodukt?  

Nein, ich finde eigentlich alles klasse, was wir herstellen. In jedem Teil steckt ein ungeheures Know-how. Gerade haben wir zum Beispiel den bis dato weltweit größten Gehäusefreilauf fertiggestellt und an einen asiatischen Kunden ausgeliefert. Er kommt im Energierückgewinnungssystem einer petrochemischen Anlage zum Einsatz. Ringspann stößt hier in völlig neue Dimensionen der Freilauftechnik vor. Bei Freiläufen sind wir der internationale Marktführer und setzen hier zum wiederholten Mal internationale Maßstäbe.

Was ist denn ein Freilauf?  

Ein Freilauf ist eine nur in einer Drehrichtung wirkende Kupplung. Das ist wichtig, damit Systeme automatisch schalten. Ein einfaches Beispiel ist der Freilauf in der Nabe eines Fahrrads. Das Hinterrad läuft frei weiter, auch wenn man langsamer oder gar nicht in die Pedale tritt.

Was zeichnet Ihre Produkte aus?  

Die ungeheure Präzision. Mein Großvater Albrecht Maurer kam auf die Idee, zylindrische Werkstücke nicht mit drei Backen, sondern in Ringen in Bearbeitungsmaschinen einzuspannen. So konnte man Werkstücke viel präziser bearbeiten. Spannzeuge, ursprünglich unser Hauptgeschäft, machen heute aber nur noch etwa 10 Prozent des Umsatzes aus. Träger ist inzwischen die Antriebstechnik. Weltweit versorgen wir damit etwa 6.000 Kunden in allen möglichen Branchen, von der Fördertechnik im Bergbau über Industriegetriebe und -motoren bis zur Luftfahrt. Für E-Bikes stellen wir zum Beispiel Freiläufe her und haben dafür gerade kräftig investiert in automatische Fertigungslinien. 2020 werden wir um die 1,5 Millionen solcher Freiläufe herstellen. E-Bikes sind ein wichtiger Teil unserer Zukunft.

Von Bad Homburg in die Welt?  

Ja, würden wir nur für Deutschland produzieren, könnten wir montagabends schon zumachen. Knapp die Hälfte unserer 475 Arbeitsplätze ist im Ausland. Wir waren schon früh international unterwegs, gründeten 1961 eine Niederlassung in der Schweiz. Bis 2025 wollen wir weltweit 20 Vertriebsgesellschaften haben, neben unseren Produktionswerken unter anderem in Südafrika, China und den USA. 2019 haben wir ein Werk in Bosnien eröffnet.

Warum ein neues Werk in Bosnien?  

Letztlich gab es zwei Gründe für diese Entscheidung: Bosnien ist ein Niedriglohnland von Europa. Dort kann man einfach viel günstiger produzieren, und wir brauchen kostengünstige Zulieferteile für unser Werk hier in Deutschland. In Deutschland stellen wir vor allem die know-how-trächtigen Teile her, Prototypen und Kleinserien sowie hochautomatisierte Großserien. Alles andere wäre zu teuer für den Markt. Daneben wird der Fachkräftemangel in Deutschland immer mehr zur Wachstumsbremse. Es ist wirklich schwierig, qualifizierte Mitarbeiter zu finden oder auch geeignete Auszubildende. Deshalb kann ich die Ideen der IG Metall, die wöchentliche Arbeitszeit noch weiter zu verringern, überhaupt nicht nachvollziehen. Vor dem Hintergrund macht es doch gar keinen Sinn, dass die, die einen Job haben, noch weniger arbeiten sollen.   

Also lieber mehr und flexibler arbeiten statt weniger? 

Absolut. In einem deutschen Unter­nehmen muss man ständig daran arbeiten, besser und noch produktiver zu werden. Dafür haben wir unter anderem eine eigene Weiterbildungsakademie gegründet. Hier in Oberursel erfüllen gut 90 Prozent unserer Mitarbeiter völlig selbstständig ihre Aufgaben. Sie orientieren sich dabei am Auftragseingang und entwickeln sogar noch Verbesserungsvorschläge. Das ist auch der Grund, weshalb wir hier noch wettbewerbsfähig produzieren können.  

Was treibt Sie um?

Der Fachkräftemangel und die Kosten. Als Industrieunternehmen ist man zu Wachstum verdammt, weil man die steigenden Kosten zum Beispiel für Rohstoffe, Energie, Steuern und Abgaben und natürlich auch für Personal auffangen muss. Es ist wie bei einem Baum: Hört er auf zu wachsen, stirbt er ab.  
 MAJA BECKER-MOHR


Zur Person Fabian Maurer

  •  Geboren 1971 in Frankfurt, verheiratet, zwei Kinder
  • Wirtschaftsingenieurstudium an der Technischen Universität Berlin mit Schwerpunkt Maschinenbau
  • Verschiedene Tätigkeiten in der Industrie
  • 2000 Einstieg bei Ringspann – nach dem Tod des Vaters
  • Seit 2005 Geschäftsführer von Ring­spann in Bad Homburg