Arbeitsschutz in der Produktion in Zeiten von Corona am Beispiel von Element Six in Burghaun

Während Arbeit in Zeiten von Corona scheinbar nur noch im Homeoffice erfolgt, wird in vielen Betrieben der hessischen Metall- und Elektroindustrie nach wie vor produziert, wenn auch unter anderen Bedingungen als zuvor. Element Six in Burghaun bei Fulda, ein Spezialist für Hochleistungswerkzeuge aus synthetischen Diamanten und Hartmetall mit 370 Mitarbeitern, hat einen eigenen Pandemie-Plan entwickelt, damit die Mitarbeiter auch in diesen Zeiten an ihrem Arbeitsplatz bestmöglich geschützt sind. Head of Global HSE Martin Limburg und HR Manager Andreas Baur, erläutern im Interview, welche Herausforderungen dabei gemeistert werden müssen. Die Fragen stellte Nikolaus Schade, Leiter Arbeitswissenschaft von HESSENMETALL.

Wie schützt man seine Mitarbeiter in Zeiten von Corona, wenn Homeoffice wie in der Produktion oder auch in anderen Abteilungen nicht infrage kommt?

Andreas Baur: Neben einer ganzen Reihe verschiedenster Maßnahmen wohl vor allem durch Information und Kommunikation. Nur wer weiß, was das Virus macht, warum Änderungen erfolgen und welchen Zweck die Maßnahmen haben, wird sie auch akzeptieren und neue Aufgaben oder Anweisungen verinnerlichen. Der Schutz der Mitarbeiter und ihre Unversehrtheit bei allem, was sie im Betrieb tun, hat schon in „normalen Zeiten“ höchste Priorität. Natürlich gilt das jetzt umso mehr. Wir haben deshalb in jedem Bereich Änderungen vorgenommen, um unseren Beschäftigten größtmöglichen Schutz zu bieten. Dies fing mit Hinweisen zur Bedeutung von Handhygiene an und geht bis zu Anpassungen am Schichtsystem und der Pausenzeiten. Das Wichtigste bei all dem ist sicherlich die Kommunikation.

Wann haben Sie sich erstmals mit dem Thema beschäftigt?

Martin Limburg: Als Teil eines weltweit tätigen Unter­nehmens mit einem Standort in China haben wir früh mitbekommen, was dort passierte. Wir hatten bereits im Februar intensiven täglichen Kontakt mit den Kollegen in China, haben ein Maßnahmenkonzept für den dortigen Standort erarbeitet und die chinesischen Maßnahmen miterlebt. Zu diesem Zeitpunkt war absehbar, dass eine globale Pandemie auf uns zukommt. Ich habe mir also Unterlagen besorgt, darunter das Handbuch für betriebliche Pandemieplanung vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, und diese auf betriebliche Belange durchforstet. In enger Abstimmung mit dem Betriebsrat und auch mit Unterstützung des Betriebsarztes haben wir dann gemeinsam zielgerichtete Maßnahmen für unseren Standort erarbeitet. Uns allen war übrigens schnell klar, dass wir kurze Entscheidungswege brauchen und keine Zeit verlieren dürfen. Wir sind alle betrieblichen Abläufe durchgegangen, um zu sehen, wo es Probleme geben könnte. Im Rahmen einer Art erweiterten Gefährdungsbeurteilung haben wir also zum Beispiel bewertet, an welchen Stellen eine Weitergabe des Virus begünstigt wird, weil dort viele Menschen eng und häufig zusammenkommen. Das ist zum Beispiel in den Umkleideräumen der Fall, an Maschinen oder bei Teambesprechungen. Dann spielten wir über alle Abteilungen mögliche Infektionsketten durch, also welche Kontakte gibt es, am Arbeitsplatz selbst aber auch abteilungsübergreifend. Auf der Basis dieser Erkenntnisse überarbeiteten wir dann die Prozesse. Wichtig war uns, die Anzahl direkter Kontakte drastisch zu reduzieren. Also veränderten wir interne Abläufe bis hin zur Begrenzung der Personenzahl in der Raucherkabine auf max. zwei Personen zeitgleich bei Einhaltung des Mindestabstands. Viele Abstimmungen müssen telefonisch oder digital stattfinden, auch in Abteilungen wie Arbeitsvorbereitung, und nicht mehr im gewohnten persönlichen Kontakt. Als besonders riskant stuften wir den Wareneingang und Versand ein, denn zu uns kommen täglich Lkws aus ganz Europa. Deshalb bauten wir für sie auf dem Gelände einen separaten Checkpoint zur Kontaktreduzierung mit den Mitarbeitern sowie eine mobile Toilette auf. Zudem bekommt jeder Fahrer Desinfektionsmittel und eine Schutzmaske. Und natürlich wird im Werk viel mehr auf Hygiene geachtet als früher. Es werden zum Beispiel mehrmals jeden Tag Türklinken desinfiziert und Oberflächen in Teeküchen oder an Kaffeeautomaten. Bei all dem achten wir sehr darauf, die Maßnahmen langfristig aufrecht erhalten zu können.  

Wie haben die Mitarbeiter auf Corona und die Veränderungen reagiert?

Martin Limburg: Anfangs war es für die einen ein „Killervirus“, andere fanden den Umgang mit dieser „läppischen Grippe“ eher ungefährlich. Aber je mehr Wissen wir vermittelten, umso besser konnten alle tatsächlich damit umgehen und wir bekommen inzwischen sogar positive Rückmeldungen für diese Arbeit. Mit unseren Maßnahmen konnten wir ein Risikobewusstsein schaffen sowie Unsicherheiten und auch Ängste nehmen. Wir informierten über das Virus und die Infektionswege, ehe wir die Auswirkungen auf den Betrieb kannten. Denn nur wer versteht, wird neue Regeln auch umsetzen und dahinterstehen. Allein das Thema Abstand halten hat uns sehr beschäftigt, denn Menschen wollen zusammenstehen und reden. Als alle realisiert hatten, dass man auch ohne Symptome zu haben erkrankt sein kann und durch ausreichenden Abstand nicht nur sich selbst, sondern auch Mitmenschen schützt, gab es keine Diskussionen mehr. Bereits Mitte März informierten wir das erste Mal alle über eine virtuelle Mitarbeiterversammlung. Dazu mussten wir natürlich auch an vielen Stellen die passende Infrastruktur schaffen, um sicherzustellen, dass alle Mitarbeiter mit ausreichendem Sicherheitsabstand teilnehmen können. Um schneller und täglich leichter informieren zu können, haben wir inzwischen ein WhatsApp Broadcast eingerichtet, dem Mitarbeiter freiwillig beitreten können und den inzwischen viele aktiv nutzen.  

Wie gehen Sie in Bereichen mit beengten Platzverhältnissen vor?

Andreas Baur: Bei allem, was wir tun gilt ganz klar: Die Sicherheit der Beschäftigten geht vor. Das heißt, in schwierigeren Situationen, zum Beispiel eben durch beengte Platzverhältnisse, müssen andere Lösungen herbeigeführt werden. Man muss ohnehin die Lage regelmäßig sehr genau prüfen und begutachten. Daher ist die Ausstattung der Mitarbeiter mit Mund-Nase-Bedeckungen immer wieder auf der Agenda, wenn Mindestabstände nicht eingehalten werden können. Wie gesagt: die Sicherheit der Beschäftigten geht einfach vor. Und für Mitarbeiter, die besonders zur Risikogruppe gehören, treffen wir am Arbeitsplatz natürlich alle erdenklich möglichen Sicherheitsvorkehrungen.

Wie geht es nun weiter?

Martin Limburg: Wir sind im Aufgabenbereich Arbeits- und Gesundheitsschutz. Hier gibt es sowieso kein „Fertig, alles erledigt“ und entspanntes Zurücklehnen, schon gar nicht in Zeiten von Corona. Unsere Maßnahme- und Hygieneketten müssen immer wieder betrachtet und gegebenenfalls auch wieder verändert werden. Manche Maßnahmen haben einen zeitlich befristeten Charakter und die wollen wir, wenn es die betriebliche Lage ermöglicht, wieder rückgängig machen. Momentan sehen wir jedoch keinen Grund zur Entspannung oder Lockerung der getroffenen Maßnahmen. Die besten Hinweise erhalten wir natürlich von den Menschen selbst. Und ich habe den Eindruck, dass manche auch sehr stolz darauf sind, dass wir diese Herausforderung hier gemeinsam gut meistern.

Das Unter­nehmen
Element Six ist ein weltweit führendes Unter­nehmen im Bereich Design, Entwicklung und Produktion von synthetischen Diamant- und Hartmetall-Supermaterialien. Als Teil der De Beers Gruppe beschäftigen wir über 1.900 Mitarbeiter. Unsere Hauptproduktionsstätten befinden sich in Großbritannien, Irland, Deutschland, Südafrika und den USA.

Ansprechpartner bei Hessenmetall
Nikolaus Schade, Leiter Arbeitswissenschaft