Dr. Thomas Brunn, Verhandlungsführer M+E MITTE im Interview mit dem Wiesbadener Kurier

Herr Brunn, die IG Metall fordert für alle Beschäftigten die Option, die Arbeitszeit befristet auf 28 Wochenstunden senken zu können. Können die Arbeitgeber das mittragen?

Brunn: Eine Flexibilisierung der Arbeitszeit kann es nur in beide Richtungen geben.

In den Sondierungen zur Regierungsbildung in Berlin ist ein Recht auf befristete Teilzeit vereinbart worden. Was bedeutet das für die Tarifverhandlungen?


Das Recht auf Rückkehr von Teilzeit in Vollzeit ist eine der Kernforderungen der IG Metall. Die Einigung zur befristeten Teilzeit in der Sondierung von Union und SPD wird das Arbeitszeitvolumen in den Betrieben künftig noch viel stärker reduzieren und den Fachkräftemangel noch weiter anheizen. Umso wichtiger ist es, dass - wenn nötig - jeder Beschäftigte seine Arbeitszeit freiwillig auf 40 Stunden verlängern darf und dies nicht durch völlig unzureichende Quoten ausgeschlossen ist. Viele Beschäftigte in unseren Betrieben wollen mehr verdienen und sind dafür bereit, auch länger zu arbeiten.

Für Schichtarbeiter, Eltern kleiner Kinder und pflegende Angehörige soll es nach Vorstellungen der IG Metall einen teilweisen Lohnausgleich bei Arbeitszeitverkürzung geben. Ist das ein gangbarer Weg?

Nein. Das ist der größte Knackpunkt in den Tarifverhandlungen. Der Teillohnausgleich ist ungerecht, diskriminierend und rechtlich nicht zulässig. Wir wollen kein Tarifvertrag abschließen, wo man für das Absenken der Erwerbsarbeit mehr Geld bekommt.

Im Krankheitsfall tun die Unternehmen das auch?

Da ist das aus sozialen Gründen gesetzlich geregelt. Das heißt nicht, dass man neue Tatbestände einführen muss.

Warum ist der teilweise Lohnausgleich aus ihrer Sicht rechtlich nicht zulässig?

Damit würden verschiedene Mitarbeiter ungleich behandelt. Wer bereits in Teilzeit arbeitet, würde schlechter gestellt. Das ist nicht zulässig.

Dann könnten sie ja allen Teilzeitarbeitern einen Lohnausgleich zahlen?

Man macht nicht eine teure Regelung dadurch richtig, dass man sie durch eine noch teurere Regelung ausweitet.

Wo sehen Sie Kompromisse?

Wenn der Teilentgeltausgleich vom Tisch ist und man eine Lösung für die bedarfsorientierte Erhöhung der Arbeitszeit findet, dann werden auch die Fragen der zeitweisen Arbeitszeitverkürzung gelöst werden.

Was würde sie dieses Modell kosten?


Eine seriöse Kostenschätzung gibt es wegen der vielen Unklarheiten nicht. Es müssten grob geschätzt 200 000 Vollzeitstellen geschaffen werden, wenn die Arbeitszeit nach dem Modell verkürzt würde. Die Frage ist: Wie viele Mitarbeiter ziehen die Option? Unklar sind weitere Fragen. Bis zu welchem Lebensjahr wird die Kinderbetreuung beispielsweise anerkannt? Ab wann pflegt man wirklich?
Wie sieht der betriebliche Alltag aus?

Es gibt heute schon bei vielen Mitarbeitern den Wunsch, die Arbeitszeit abzusenken oder zu erhöhen. In der betrieblichen Praxis wird in der Regel eine einvernehmliche Lösung gefunden. Auf der betrieblichen Seite haben wir die Situation, dass es Arbeitsspitzen und eine gute Auftragslage gibt. Wir können aber aufgrund des Fachkräftemangels nicht einfach die Belegschaften aufstocken. Aber laut Tarifvertrag dürfen nur 13 Prozent der Belegschaft mehr als 35 Wochenstunden arbeiten.

Was fordern sie?

Wir brauchen eine Öffnungsklausel im Tarifvertrag, der Entscheidungen über die Arbeitszeit vor Ort im Einvernehmen individuell mit den Mitarbeitern oder kollektiv mit den Betriebsräten zulässt. Wenn Mitarbeiter ihre Arbeitszeit reduzieren, muss das befristet aufgefangen werden. Die anderen Mitarbeiter müssen die Arbeit dann miterledigen und mehr arbeiten, das aber dürfen sie nicht. Das passt alles nicht zusammen. Das gilt auch für das Arbeitszeitgesetz mit täglichen Höchstarbeitszeiten von 8 Stunden und elf Stunden Ruhezeit.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Die Zeiten in der Metall- und Elektroindustrie sind nicht schlecht. Mitarbeiter sollen daran fair beteiligt werden. Aber qualitative und quantitative Forderungen entsprechen kommunizierenden Röhren. Je mehr Geld ein Abschluss bei der Arbeitszeit kostet, desto weniger Geld steht für eine Entgelterhöhung zur Verfügung. Zwei Drittel der Mitarbeiter, die Vollzeit arbeiten wollen, antworten auf die Frage, ob sie bereit sind, mit dem Verzicht auf Lohnerhöhungen die Arbeitszeitverkürzung der Kollegen zu finanzieren, mit einem klaren Nein.

Rechnen sie mit einer weiteren Zuspitzung der Tarifauseinandersetzungen?

Wir hoffen nicht. Eine Eskalation mit Arbeitskampf würde den Unternehmen massiven Schaden zufügen. Das würde auch die Mitarbeiter treffen.

Die Digitalisierung ist ohnehin eine große finanzielle Herausforderung für die Unternehmen, die den finanziellen Spielraum begrenzt. Eine nennenswerte Zahl unserer Unternehmen investiert schon heute einen erheblichen Teil ihres Umsatzes in die Digitalisierung. Und die wird sich in den nächsten fünf Jahren vervierfachen. Wenn wir wollen, dass sie es für Arbeitsplätze der Zukunft hier am heimischen Standort investieren, dann wären Maßhalten und Kompromiss eine kluge Entscheidung.

Das Interview führte Karl Schlieker für den Wiesbadener Kurier am 18.01.2018

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