Neuen Geschäftsmodellen gehört Zukunft

Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert im Interview mit der Offenbacher Post zu Konjunktur und Digitalisierung

Offenbach. Die Energie- und Mobilitätswende sorgt für nachhaltige Veränderungen auch in der Metall- und Elektroindustrie. "Unsere Firmen müssen durch Kostenreduzierungen und Flexibilität entlastet werden", so Dirk Pollert, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Hessenmetall.

Die Weltwirtschaft stöhnt unter Handelsstreit und Brexit-Debatte – die Konjunktur trübt sich allgemein ein. Mit welchem Rückgang müssen wir in Hessen rechnen?

Es ist zweifelhaft, ob es eine Delle, Rezession oder eine Krise sein wird. Klar ist, dass sich die Lage in der Metall- und Elektroindustrie in Hessen eintrübt, nicht nur im Autobereich. Im Werkzeugmaschinenbau ist beispielsweise von Auftragsrückgängen von 20 Prozent die Rede. Im Maschinenbau insgesamt sind in den ersten sechs Monaten 17 Prozent weniger Aufträge eingegangen. Von unseren Mitgliedsunternehmen hören wir auch, dass viele Bestellungen aus China zurückgenommen werden. Aber: Zulieferer versuchen, aus Furcht vor Rückgängen, die Arbeit vorzuziehen. Deshalb ist die Produktion noch stimuliert. Wenn der Effekt wegfällt, geht es runter.

Kann man sagen, wie stark die Industrie insgesamt leidet?

Das ist schwierig zu sagen. Wir beklagen Produktionsrückgänge um fünf Prozent. In der ersten Jahreshälfte verzeichneten unsere Unternehmen zweistellige Auftragsrückgänge. Diese belasten schon jetzt immer stärker Umsätze und Beschäftigung. Angesichts der geopolitischen Unsicherheiten wird die Luft rauer. Und: Parallel gibt es einen Strukturwandel. Die Firmen müssen sich gleichzeitig die Chancen der Digitalisierung, der Industrie 4.0 und der Künstlichen Intelligenz erschließen.

Welche Folgen hat die Eintrübung für diese Entwicklung insgesamt?

Unsere Sorge ist, dass durch die Rückgänge bei den Aufträgen weniger Geld für Investitionen vorhanden ist. Die Firmen müssen aber über neue digitale Produkte und neue Geschäftsmodelle nachdenken. Die Unternehmen brauchen Raum für Investitionen in Innovationen, die regelmäßig aus dem Produktivitätsfortschritt bezahlt werden. Deshalb können wir auch bei den anstehenden Tarifverhandlungen im nächsten März keine Kostensteigerungen gebrauchen, die über dem Produktivitätsfortschritt liegen.

Wie viele Beschäftigte arbeiten in der hessischen Metall- und Elektro-Industrie?

Wir haben 220 000 Mitarbeiter. Bis Sommer ging es in Hessen moderat nach oben bei der Beschäftigtenzahl. Im Juli war sie zum ersten Mal rückläufig. Wir befürchten Personalabbau als Folge der konjunkturellen Eintrübung und des Strukturwandels. Es gibt erste Meldungen dieser Art. Bei Continental in Babenhausen stehen 2 200 Arbeitsplätze auf dem Prüfstand.

Warum flüchten so viele Betriebe aus der Tarifbindung, wie die IG Metall auf ihrem Gewerkschaftstag gerade beklagt hat?

Hessenmetall ist ein Freund von wettbewerbsfähigen Flächentarifverträgen. In der Vergangenheit hatten wir zu viele Abschlüsse, die oberhalb des Produktivitätsfortschritts lagen. Deshalb versuchen Unternehmen, ohne den Flächentarifvertrag auszukommen. Die Personalkosten sind schließlich ein großer Posten bei den Herstellungskosten. Zudem beklagen viele Mitgliedsunternehmen die Tarifverträge als zu komplex.

Wie viele Firmen sind aus dem Tarif schon geflüchtet?

Unser Verband hat knapp 620 Mitgliedsunternehmen. 390 sind sogenannte OT-Firmen, die etwas mehr als ein Viertel der Beschäftigten stellen, und sich nicht an den Flächentarifvertrag binden. Mehr als die Hälfte dieser 390 orientiert sich aber teilweise an ihm.

Energie- und Mobilitätswende werden Ihre Branche stark verändern. Ist sie beispielsweise über die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung darauf vorbereitet?

Unsere Firmen müssen durch Kostenreduzierungen und Flexibilität entlastet werden. Zudem sind gezielte Innovationen nötig. Deshalb machen wir uns für eine steuerliche Forschungsförderung stark. Bei ihr könnten 25 Prozent der Personalkosten in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen steuerlich geltend gemacht werden.

Digitalisierung, demografische Entwicklung und Automatisierung lauten die Stichworte für Industrie 4.0. Die digitalisierte Fabrik ist bereits Wirklichkeit. Wie wirkt sich diese Entwicklung denn auf die Arbeitsprozesse in den Firmen aus?

Die Digitalisierung ist ein Treiber der Arbeitswelt. Zum einen können Assistenzsysteme eingesetzt werden. Darüber hinaus ist mobiles Arbeiten möglich geworden. Die Entwicklung muss aber einfacher nutzbar werden. Deshalb fordern wir, dass das Arbeitszeitgesetz angepasst wird. Die gesetzlich zulässige Höchstarbeitszeit sollte nicht in einer Tages-, sondern in einer Wochenbetrachtung festgelegt werden. Das lässt die europäische Arbeitszeitrichtlinie zu. Dann könnte zum Beispiel ein Mitarbeiter Montag, Dienstag und Mittwoch elf Stunden arbeiten. Donnerstag den Rest erledigen und Freitag hätte er frei. Das ist nach dem gegenwärtigen Recht nicht möglich.

Kostet die Digitalisierung Jobs?

Sie führt dazu, dass sich viele Jobs verändern. Durch digitale Prozesse werden aber auch Stellen wegfallen. An anderer Stelle werden wir viele neue Jobs gewinnen. Wir sollten die Chancen nutzen.

Auch die Automatisierung in den Unternehmen schreitet voran. Wird der Arbeitnehmer zu einem Gehilfen der Maschinen oder ist dieses Schicksal noch abzuwenden?

Maschinen werden eine unterstützende Leistung wahrnehmen. Der Mensch wird aber immer noch die wesentlichen Entscheidungen treffen. Es wird ein produktives Nebeneinander von Menschen und Maschinen geben.

Wie wirkt sich der Klimaschutz aus?

Er ist für die Metall- und Elektrofirmen eine große Chance. Sie können durch ihre Produkte und Dienstleistungen wesentliche Beiträge zur Lösung von Problemen leisten. Dazu brauchen wir hierzulande eine Technologieoffenheit zum Beispiel bei den Autoantrieben, mit realistischen Zeitvorgaben, und keine wettbewerbsverzerrenden Verbote.

Was hält ihr Verband von der CO2-Steuer?

Wir sind sehr froh, dass die CO2-Steuer verhindert worden ist. Aus hessischer Sicht sind aber noch Widersprüche im Klimapaket. So soll ein Verbot neuer Ölheizungen ab 2026 kommen. Das wäre zum Beispiel für Mitarbeiter von Bosch in Lollar, die diese Geräte herstellen, eine schlechte Nachricht.

Was halten Sie von einer Erhöhung der Luftverkehrssteuer?

Die Entscheidung führt zu Wettbewerbsverzerrungen. Für das Klima hat sie keine Auswirkungen. Dem Klima ist es egal, ob das Flugzeug in Paris oder in Frankfurt startet. Uns aber kann es nicht egal sein, ob am Frankfurter Flughafen mit seinen 80 000 Mitarbeitern künftig mehr oder weniger Menschen beschäftigt sind.

Ein Verband mit Gewicht

Hessenmetall ist der Interessenvertreter von knapp 620 Mitgliedsunternehmen der Metall- und Elektroindustrie. Die größten Einzelbereiche sind die Autoindustrie, der Maschinenbau, die Elektroindustrie und die Metallbearbeitung. "Bei unserem Tarifpartner treten wir ... für leistungsorientierte Arbeit, faire Entgelte und kundenbezogene Arbeiszeiten ein, damit unsere Unternehmen nachhaltig sichere Arbeitsplätze anbieten können", heißt es. "Bei der Politik leisten wir Überzeugungsarbeit, dass die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen und der Ausbau ... ihrer Wertschöpfungsketten über Wachstum und Wohlstand ... entscheiden."

Das Gespräch führte

Marc Kuhn

Quelle: Offenbacher Post, Ausgabe vom 18.10.2019

Zurück zur Übersicht
Ansprechpartner
Ulrich Kirsch

Dr. Ulrich Kirsch
Geschäftsführer Kommunikation und Presse