Metall- und Elektro-Industrie in Rhein-Main und Osthessen vor Tarifrunde 2020

M+E-Unter­nehmen brauchen viel Spielraum für zukunftssichernde Investitionen

Frankfurt am Main. Die hessischen Metall- und Elektro-Unter­nehmen stehen vor einer Tarifrunde, die im Frühjahr Fahrt aufnehmen wird. Nach zehn guten Jahren und stetigen Zuwächsen an Geschäft und Beschäftigung kommen die Unter­nehmen der hessischen M+E-Industrie nun in rauere See und müssen gleichzeitig einen gigantischen Strukturwandel bestreiten. Zu einem ersten Vorgespräch und Erfahrungsaustausch in Frankfurt waren 50 Unternehmer aus dem Mittelstand und Konzernen zusammengekommen.

Die Produktionszahlen des 3. Quartals 2019 in der deutsche M+E-Industrie liegen um 7,4 Prozent unter den ersten beiden Quartalen 2018, in der Autoindustrie sogar um 12,7 Prozent. Der Zukunftsindikator Auftragseingänge liegt ebenfalls um 7 Prozent im Minus: z. B. in der Autoindustrie um 5,5 Prozent, bei Metall um 8,7 Prozent und im Maschinenbau sogar um 9 Prozent. Die M+E-Industrie befindet sich in der Rezession, die Stimmung ist im freien Fall, und zwei Drittel erwarten, dass dieser Einbruch über das Jahr 2020 hinaus reichen wird. Dies führte Prof. Dr. Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) aus.

„Wir brauchen mehr Spielraum für Investitionen. 3,90 Euro – so viel Gewinn bleibt von 100 Euro nach Steuern unseren Mitgliedsunternehmen im Durchschnitt für Investitionen, Anteilseigner und Rücklagen. Gleichzeitig müssen sie mehr denn je investieren. Knapp 80 Prozent des Gewinns nach Steuern fließen inzwischen in neue Produktionsanlagen, Gebäude oder Patente. Umso dringender sind Entlastungen bei Steuern und Abgaben, Arbeits- und Energiekosten. Hier ist Deutschland jeweils am teuersten. Damit wir möglichst viel in zukunftssichernde Investitionen fließen lassen können“, beschrieb Dr. Thomas Brunn, stv. Vorstandsvorsitzender und Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbands HESSENMETALL die Situation.

„Unsere Mitgliedsunternehmen sind herausgefordert zu einer immensen Innovations- und Investitionsleistung durch einen mehrfachen Strukturwandel: die digitale Transformation in allen M+E-Branchen, die gleichzeitige Vorhaltung von vier Antriebsarten in der Automobilindustrie und die zunehmende Verdienstleistung industrieller Produkte“, ergänzte Dirk Pollert, Hauptgeschäftsführer von HESSENMETALL. Zur Bewältigung dieser Herausforderungen brauche es eine große Veränderungsbereitschaft bei allen Beteiligten. „Dafür müssen wir die Weichen jetzt richtig stellen, und das ‚Made in Germany‘ global, digital und mobil weiterdenken, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und auszubauen. Kostensteigerungen können unsere Mitgliedsunternehmen in solchen Zeiten nicht gebrauchen. Dies gilt auch für die kommende Tarifrunde.“

Den harten konzerninternen Wettbewerb ihrer 11 Standorte in Deutschland, davon 5 M+E-Betriebe mit entsprechenden Spiegelwerken in Osteuropa und China, erläuterte Bettina Buschhoff, Geschäftsführerin Personal- und Sozialwesen und Arbeitsdirektorin Konzerngruppe D/A/CH bei Procter & Gamble Germany GmbH, Schwalbach am Taunus: „Procter & Gamble ist ein Freund des Flächentarifvertrages. Aber, die Metall+ Elektro-Industrie in Deutschland ist aus Sicht eines internationalen Konzerns zu teuer. Man riskiert zukünftige Investitions- und auch Beschäftigungschancen, da Standorte in einem globalen Konzern im Wettbewerb stehen. Darauf müssen zukünftige Tarifabschlüsse Rücksicht nehmen. Zudem gilt es, insbesondere AUCH Komplexität zu vermeiden und den Tarif zu vereinfachen, denn auch dies bindet Kapazität, die an anderer Stelle dringend benötigt wird.“

Technische Kompetenz und Flexibilität sind zwei der Erfolgsfaktoren der GAT Gesellschaft für Antriebstechnik mbH, Geisenheim, wie Geschäftsführer Emil Bayer ausführte. Damit würden trotz teilweise deutlichen Auftragsrückgängen in einigen Kunden-Branchen in Summe in diesem Jahr noch Umsatzzuwächse erzielt. „Das stimmt zuversichtlich. Denn das Geschäft mit Drehdurchführungen und Schleifringen zur Übertragung von verschiedensten Medien, u. a. Flüssigkeiten und Gasen, aber auch von Strom und Daten, bietet die Möglichkeit bei entsprechender Flexibilität eine gewisse Krisenresistenz zu ermöglichen - bei Nachfragerückgängen in bestimmten Branchen wie der Automobilindustrie, bei den Werkzeugmaschinen oder in der Stahlindustrie. Herausforderungen sind die Kostenstruktur und immer schneller werdende Veränderungen in der Wertschöpfungskette und bei der Variabilität der Losgrößen. Neben gezielten Investitionen in den Maschinenpark, mit und ohne Automatisierung, ist die Weiterbildung und Flexibilisierung der Mitarbeiter ein Hebel zur Optimierung. Bei ungebrochen hohen Qualitätsanforderungen existiert zeitgleich ein starker Preisdruck, dem steigende Arbeits- und Standortkosten in Deutschland gegenüberstehen. Effizienz und Optimierung der Wertschöpfungsprozesse müssen daher im Kern der Bemühungen stehen.“ Sorge bereitet dem Mittelständler, dass die Bereitschaft und der Eigenantrieb zur Qualifizierung als Bestandteil einer kontinuierlichen Veränderung nicht bei allen Mitarbeitern gleichermaßen gegeben sind.

Baldassare La Gaetana, Geschäftsführer der Aqseptence Group, Aarbergen, hat im Geschäft mit Wassertechnologie erste Geschäftseinbrüche zu verzeichnen. Die Konzentration der Fertigungskapazitäten in Deutschland nach Hessen bringt einen sozialverträglichen Abbau von 20 seiner 400 Stellen mit sich. Im konzernweiten internationalen Wettbewerb sind vertretbare Arbeitskosten, maximale Flexibilität und eine hohe Bereitschaft zur digitalen Weiterbildung unabdingbar.

Nach starken Auftrags- und Umsatzrückgängen seit Ende letzten Jahres mit deutlich zweistelligen Zahlen unter Vorjahr haben wir 20 Stellen nicht wieder besetzt und uns so auf niedrigerem Niveau stabilisiert“, resümierte Volker Roßmann, Geschäftsführer der Eltek Deutschland GmbH, Frankfurt. Dabei sei das Geschäft mit Infrastruktur und Stromnetzen außerordentlich zukunftsträchtig – aber erst in einer mittelfristigen Perspektive. Denn die späte Versteigerung der 5G-Lizenzen in Deutschland habe zu einem Investitionsstau geführt. Dieser werde auch nicht so schnell abgebaut, da aufgrund der teuer erkauften Lizenzen die Unter­nehmen nun weniger Geld für die Umsetzung der Investitionen zu Verfügung hätten. „Zuversichtlich stimmt mich, dass die Mitarbeiter eine hohe Bereitschaft zur Qualifizierung für die neuen IT-Strukturen mitbringen und sich fit machen wollen für die neuen wissenszentrierten Arbeitsplätze“.

Zurück zur Übersicht
Ansprechpartner
Ulrich Kirsch

Dr. Ulrich Kirsch
Geschäftsführer Kommunikation und Presse