"Homeoffice-Verordnung ist unnütz"

Im FNP-INTERVIEW: Der stellvertretende Hessenmetall-Vorsitzende Barta zur Lage der Industrie

Frankfurt - Alle reden im Moment über Homeoffice, während die Effekte der Pandemie auf das produzierende Gewerbe selten diskutiert werden. Wir haben mit Oliver Barta, Tarif-Verhandlungsführer beim Arbeitgeberverband Hessenmetall, über die Corona-Krise in den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie und über die Auswirkungen auf die laufende Tarifrunde gesprochen.



Ist in Ihrer Industrie noch mehr Homeoffice möglich?

Unsere Betriebe sind sehr stark produktionslastig. Sie können nun mal einen Heizkessel nicht zu Hause am Desktop produzieren. In der Verwaltung bieten wir mobiles Arbeiten flächendeckend an. Das klappt auch sehr, sehr gut. Es geht aber nicht in jedem Fall. Das hängt auch vom häuslichen Wohnumfeld und den Bedürfnissen der Mitarbeiter ab. Was wir aber nicht brauchen, ist die neue Arbeitsschutzverordnung von Herrn Heil. Diese führt in den Industriebetrieben nur zu mehr Verwaltungsaufwand.

Welche Sicherheitsvorkehrungen treffen Sie für die Produktionsmitarbeiter?

Auf unseren Werksgeländen gilt ab den Drehkreuzen flächendeckend Maskenpflicht. Wir stellen den Mitarbeitern OP-Masken und bei Bedarf FFP2-Masken zur Verfügung. Außerdem haben wir Plexiglaswände eingezogen und desinfizieren die Arbeitsplätze häufig. Wir haben auch die Arbeitszeitmodelle geändert und Schichten strikt voneinander getrennt. Damit soll verhindert werden, dass im Fall einer Ansteckung der ganze Betrieb stillsteht.

Wie viel höher ist der Schutzaufwand in der Produktion als in den Büros?

In Produktionsbetrieben ist es noch anspruchsvoller, unter Pandemiebedingungen die Arbeitssicherheit zu gewährleisten. Wir haben Fertigungslinien, die auf eine hohe Effizienz ausgelegt sind. Hier haben wir Umbauten und eine Entzerrung vornehmen müssen, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Unsere Arbeitssicherheitsbeauftragten beurteilen die Gefährdungslage wöchentlich neu und wir folgen den Empfehlungen. So hatten wir bislang kaum Corona-Infektionen in den Unter­nehmen.

Wie ist Ihre Industrie bislang wirtschaftlich durch die Krise gekommen?

Die Lage ist wirtschaftlich sehr, sehr angespannt. Wir haben nicht nur die Corona-Pandemie zu bewältigen, sondern auch einen tiefgreifenden Strukturwandel der digitalen Transformation sowie der Dekarbonisierung - und zuvor schon eine Rezession. Deshalb hatten wir schon seit 2018 deutliche Rückgänge zu verzeichnen.

Haben die Unter­nehmen strukturelle Veränderungen verschlafen? Etwa die Elektrifizierung in der Automobilindustrie?

Das kann man zu Recht fragen. Doch nein: Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen, was schwierig ist. So sind die Verbrennungsmotoren im Automobilbau ja weiterhin gefragt. Die Entwicklung von Elektromotoren muss parallel vorangetrieben werden. Doch die Produzenten können nicht komplett auf Elektro umstellen, wenn die Nachfrage das nicht hergibt. Das gilt ähnlich etwa auch für den Heizungsbau. Wir haben außerdem neben der Elektrifizierung auch noch die Digitalisierung in der Produktion zu bewältigen. Das braucht Zeit, Fortbildung und erfordert erhebliche Investitionen. Es ist ja nicht so, dass unsere Unter­nehmen nichts tun, aber die Herausforderung ist groß und die Umstellung dauert Jahre.

Was bedeutet das für die Mitarbeiter?

Wir müssen die Mitarbeiter mitnehmen, die künftig in einem anderen Produktionsumfeld arbeiten werden. Das haben wir sehr erfolgreich eingeleitet.

Die Mitarbeiter stehen auch finanziell vor einer schwierigen Situation. Viele sind in Kurzarbeit. Da provozieren Sie in den Tarifverhandlungen mit der Aussage, eine Nullrunde sei schon ein Kompromiss ...

Ich meine es aber durchaus ernst, dass unser Flächentarifvertrag vor einer echten Bewährungsprobe steht. Wir müssen Corona bewältigen. Gleichzeitig haben wir den Strukturwandel vor der Brust. Für viele Unter­nehmen bedeutet das hohe Einbußen. Sie müssen aber trotzdem in moderne Technologie investieren und wollen zugleich ihre Stammbelegschaft halten. Da müssen auch die Mitarbeiter einen Beitrag leisten.

Sie fordern also Lohneinbußen?

Nein. Wir zahlen mit einem durchschnittlichen Jahresentgelt von 60 000 Euro sehr gut. Wenn die IG-Metall jetzt vier Prozent mehr Volumen fordert, bringt sie damit das Fass zum Überlaufen. Ich weiß noch nicht, wie wir zu einer Lösung kommen können. Die Unter­nehmen können sich 2021 und 2022 keine weiteren Kosten leisten. Die Arbeitskosten dürfen nicht weiter steigen. Sonst gefährden wir Arbeitsplätze, wenn die Kurzarbeiterregelungen auslaufen.

Es läuft aber nicht in allen Unter­nehmen schlecht ...

Nein, zum Beispiel haben die Unter­nehmen, die elektronische Bauteile fertigen, volle Auftragsbücher. Dort sieht es ganz anders aus als etwa im gebeutelten Automotive- oder Luftfahrt-Sektor. Wegen dieser Spreizung in den Branchen unserer M+E-Industrie bieten wir der IG-Metall an, über einen Abschluss zu verhandeln, der eine automatische Differenzierung nach objektiv nachvollziehbaren Kriterien enthält. Wenn wir uns nur an den gut laufenden Branchen orientieren, gefährden wir den Flächentarifvertrag insgesamt.

Sie sehen trotzdem Licht am Ende des Tunnels. Wie weit ist der Weg noch?

Wenn Ende des Sommers alle durchgeimpft sind, werden wir die Pandemie in den Griff bekommen. So könnte sich dann im dritten Quartal auch in den Betrieben wieder eine Normalität einstellen. 2022 wird für manche eine Erholung einsetzen, und 2023 werden die meisten aus der Krise raus sein.

Was fordern Sie von der Politik?

Am besten wäre eine Reduktion der Unter­nehmenssteuern auf wenigstens 25 Prozent - wie in anderen Ländern. Jedenfalls dürfen die Unter­nehmen nicht weiter belastet werden durch verteuernde und überregulierende Vorschriften, wie etwa durch die Klientelpolitik von Herrn Heil.

Was meinen Sie damit?

Na ja, die Arbeitnehmer dürfen sich nun aussuchen, ob sie im Homeoffice arbeiten möchten oder nicht. Die Arbeitgeber aber sollen zu Angeboten und ihrer Dokumentation gezwungen werden. Heils Homeoffice-Verordnung ist schlicht unnütz. Außerdem dürfen die Lohnnebenkosten nicht steigen. Arbeit darf nicht noch teurer werden.

Veröffentlicht am Samstag, 23. Januar 2021, Frankfurter Neue Presse / Hessen Interview: Christiane Warnecke

Zur Person
Oliver Barta (52) ist seit September 2020 stellvertretender Vorsitzender des Arbeitgeberverbands Hessenmetall und Verhandlungsführer in den Tarifgesprächen. Seit 2006 ist der 52-jährige Vice President Human Resources bei der Bosch Thermotechnik GmbH, Wetzlar, verantwortlich für die weltweite Personalarbeit. Barta wurde 1967 in Eschwege geboren und startete seinen Berufsweg in der Industrie 1996 bei Mannesmann Rexroth. ch

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