HESSEN­METALL Mittelhessen präsentiert die Ergebnisse der Herbstumfrage 2021

Oliver Barta: „M+E-Unter­nehmen melden Licht am Ende des Tunnels – Fachkräftemangel und Lieferengpässe drohen nachhaltige Erholung zu gefährden“

Auch in diesem Jahr hat HESSEN­METALL Mittelhessen im vierten Quartal die rund 140 Mitgliedsunternehmen zur Teilnahme an der traditionellen Herbstumfrage aufgerufen, um aktuelle Daten zu Konjunktur und Wirtschaft in der heimischen M+E-Industrie zu erhalten. Vorsitzender Oliver Barta fasste die diesjährigen Ergebnisse zusammen: „Aktuell werden in unserer Branche zwei Dinge deutlich: Zum einen stellen wir fest, dass angesichts der extrem schlechten Stimmung im Vorjahr jetzt von erfreulichen Verbesserungen berichtet werden kann. Viele Unter­nehmen vermelden nach dem Schock durch die Auswirkungen und Einschränkungen der Coronapandemie inzwischen wieder eine deutliche Erholung in Richtung des Vorkrisenniveaus. Zum anderen stehen unsere Betriebe vor gewaltigen Herausforderungen. Die schädliche Kombination aus der Pandemie, dem Strukturwandel, sowie den fehlenden Fachkräften und dem weltweiten Versorgungsmangel bei Halbleitern und Elektronikbauteilen belasten besonders unsere Automobilzulieferer in hohem Maße.“

Oliver Barta, Leiter Personal der Bosch Thermotechnik GmbH, Wetzlar: „Erholung bei der Geschäftslage – Vorkrisenniveau wird erst langsam wieder erreicht“

„Hinsichtlich der allgemeinen Geschäftslage haben uns die Betriebe erfreulicherweise eine überwiegend positive Rückmeldung gegeben. Fast 60% der teilnehmenden Unter­nehmen berichten im Moment von einer guten, weitere 23,4% von einer befriedigenden wirtschaftlichen Situation. Somit verbleibt jedoch immer noch jeder sechste Betrieb, der sich aktuell in einer schlechten Lage sieht. Für die kommenden Monate gehen mit 76,6 % aber mehr als drei Viertel von einer Stabilisierung der Lage aus.

Die Zahlen zur Geschäftslage geben Anlass zur Hoffnung, dass unsere heimischen M+E-Unter­nehmen trotz der andauernden Coronakrise mittelfristig wieder das Vorkrisenniveau erreichen können. Eine Rückkehr zu einem erfolgreichen Wachstumskurs wird aber maßgeblich davon abhängen, wie sich die vielen Herausforderungen auf jedes einzelne Unter­nehmen auswirken werden. Genau diese Herausforderungen sind es dann auch, die die Betriebe eher vorsichtig in die Zukunft blicken lassen. Die Zeit des „auf Sicht fahrens“ ist definitiv noch nicht vorbei.

Fritz Georg Rincker, geschäftsführender Gesellschafter der Rincker Glocken- und Kunstgießerei GmbH & Co., Sinn: „Umsätze und Erträge haben sich glücklicherweise stabilisiert  – Hohe Kosten bei Rohstoffen und Vorprodukten drücken auf die Margen“

„Besonders deutlich konnten die Auswirkungen der Pandemie in unserer letztjährigen Herbstumfrage an den desolaten Umsatz- und Ertragszahlen abgelesen werden. Die aktuellen Zahlen lassen hier Licht am Ende des Tunnels erkennen, da 53,2% endlich wieder von guten Umsätzen berichten. Auch der Blick auf die kommenden Monate lässt hoffen, da etwa 85% der Betriebe hier auf weiter steigende oder zumindest gleichbleibende Umsätze hoffen. Erkennbar schwächer sind die Zahlen bei den Erträgen, wo zwar 43,2% von einer guten Situation sprechen, aber mit 23,4% auch wieder fast jedes vierte Unter­nehmen schlechte Ertragszahlen beklagt. Erwartungsgemäß ist auch der Blick auf die kommenden sechs Monate bei den Erträgen wesentlich weniger optimistisch als bei den Umsätzen: mit 72,3% geht ein Großteil von einer gleichbleibenden Entwicklung aus.

Zu den traditionell hohen Lohnkosten und den seit Jahren überdurchschnittlichen Energiekosten kommen nun auch noch die explodierenden Materialkosten. Eine weitere zusätzliche Belastung für die Betriebe ist auch die inzwischen staatlich eingeführte CO2-Abgabe, die in den kommenden Jahren immer weiter steigen soll. All dies führt immer mehr dazu, dass sogar Unter­nehmen mit guten und steigenden Umsatzzahlen am Ende immer geringere Margen erzielen können. Um weiterhin international wettbewerbsfähig zu bleiben ist es längst überfällig, dass die Politik bei den Strompreisen und den Lohnnebenkosten endlich für erkennbare Entlastungen sorgt. Die zukünftige Bundesregierung hat hier erste Versprechen u.a. hinsichtlich der Abschaffung der EEG-Umlage gemacht. Hoffen wir, dass diese Entlastungen dann auch tatsächlich umgesetzt werden.“

Dr. Torsten Müller-Kramp, Geschäftsführer der Alexander Binzel Schweisstechnik GmbH & Co. KG, Buseck: „Auftragslage macht Mut, Exportmotor stottert aktuell – Zugang zu Exportmärkten darf nicht eingeschränkt sein“
 
„Die Zahlen bei den Auftragseingängen bieten immer erste Indizien für die Geschäftsentwicklung der kommenden Monate. Auch hier haben uns die befragten Unter­nehmen deutliche Hinweise auf eine bessere Lage als noch 2020 übermittelt. Immerhin 25,5% erachten ihr eigenes Auftragsvolumen zwar noch als zu gering, demgegenüber stehen aber mehr als 57%, die hier gute Zahlen vermelden können. Auch der Blick auf die kommenden Monate verspricht Hoffnung, da 85% der Unter­nehmen angegeben haben zukünftig mit gleichbleibenden oder sogar steigenden Auftragseingängen zu rechnen. Skeptischer sind die Betriebe bei der Einordnung der aktuellen Exportzahlen. Auch wenn die Exportquote mit 46,6% in etwa auf dem Niveau der Vorjahre liegt, geben mehr als 82% der befragten Unter­nehmen an, momentan nur ausreichende oder sogar zu geringe Absätze außerhalb von Deutschland erzielen zu können.

Die Produkte unserer Unter­nehmen sind bei den Kundinnen und Kunden weiterhin begehrt. Um trotz der hohen Kostenstruktur in Deutschland erfolgreich in den Exportmärkten verkaufen zu können, spielt ein möglichst freier Zugang zu den Märkten eine besonders wichtige Rolle. Daher muss es auch weiterhin eines der vorrangigen Ziele der deutschen Außen- und Wirtschaftspolitik sein, Handelshemmnisse abzubauen. Gleichzeitig gilt es zu verhindern, dass die großen Weltmärkte in Asien und Nordamerika, die nach dem EU-Binnenmarkt die größten Absatzmärkte unserer Produkte sind, durch Zollschranken oder andere Formen von Protektionismus den Marktzugang von deutschen Unter­nehmen erschweren oder unmöglich machen.“

Wolfram Kuhn, Geschäftsführer und Gesellschafter der Herborner Pumpentechnik GmbH & Co. KG: „Unter­nehmen  investieren wieder – Staat muss Anreize für Investitionen in Digitalisierung und Klimaeffizienz schaffen“

„Die Bereitschaft für Investitionen hat sich bei unseren Unter­nehmen in den vergangenen Monaten deutlich gebessert. Aktuell erachten 39,7% ihre eigenes Investitionsvolumen für verhältnismäßig hoch und weitere 41,3% für ausreichend. Wir dürfen hierbei allerdings nicht vergessen, dass die Herausforderungen der vergangenen Monate dazu geführt haben, dass hier ein gewisser Nachholbedarf existiert. Daher ist es umso erfreulicher, dass auch bei der Prognose für die kommenden Monate fast 90% von Investitionen auf gleichem oder sogar noch höherem Niveau ausgehen. Auch auf die Frage nach der Art der Investitionen konnten die Unter­nehmen gute Nachrichten übermitteln: entgegen den üblicherweise dominierenden Ersatzinvestitionen fließen aktuell 25% der Mittel in Produktinvestitionen und weitere 22,6% in beschäftigungswirksame Erweiterungsoptionen. Zudem engagieren sich die Unter­nehmen mit einer moderaten Auslandsinvestitionsquote von 17,6% auch weiterhin an Standorten außerhalb Deutschlands.“

Die Unter­nehmen sind trotz der aktuellen Unwägbarkeiten wieder bereit zu investieren. Diese Entscheidung ist wichtig, aber auch zwingend erforderlich, um die Herausforderungen in den Bereichen Energieeffizienz und Digitalisierung in der notwendigen Geschwindigkeit umsetzen zu können. Egal ob es der Einsatz von KI in der Produktion auf der einen, oder die Investition in Photovoltaikanlagen auf ungenutzten Hallendächern auf der anderen Seite ist, die anstehenden Veränderungen müssen jetzt angegangen werden. Genauso wichtig ist aber auch, dass der Staat in eine digitalere und effektivere Verwaltung und Infrastruktur investiert, um damit z. B. Genehmigungsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Oliver Rüspeler, Geschäftsführer der Johannes Hübner Fabrik elektrischer Maschinen GmbH, Giessen: „Lieferschwierigkeiten und Materialengpässe behindern seit Monaten die Produktion  -  Abhängigkeit von weltweiten Lieferwegen muss optimiert werden“

Im Rahmen einer zusätzlichen Befragung wollten wir von unseren Mitgliedern erfahren, welche Auswirkungen die aktuellen Lieferschwierigkeiten und Materialengpässe auf die Produktion haben. 80% der Unter­nehmen gaben hier an von den derzeit auf dem Weltmarkt vorhandenen Einschränkungen mittel oder sogar stark betroffen zu sein. Besonders schwierig ist momentan die Versorgung mit Elektronik und Halbleitern sowie mit Stahl und Roheisen. Neben den teilweise extrem langen Lieferzeiten von denen 91,3 % der befragten Betriebe berichten, sind für 88,8% der Preisanstieg bei den benötigten Vorprodukten ein Hauptproblem. Auf die Frage, wie lange die Schwierigkeiten mindestens noch andauern werden, gaben die Unter­nehmen einen Zeitraum von etwa sechs Monaten an, wobei viele davon ausgehen, dass weitere Probleme und Engpässe in den Lieferketten entstehen könnten.

Wir erleben im Moment seit dem Beginn der Coronakrise im Frühjahr 2020, wie fragil sich die weltweiten Lieferketten nun tatsächlich präsentiert haben. Waren es anfangs noch Schutzkleidung und Masken, die plötzlich aus Asien nicht mehr in ausreichender Menge den Weg zu uns fanden, sind es heute Halbleiter und Elektronikteile. Auf Grundlage der Erfahrungen aus den vergangenen Monaten müssen nun nachhaltige Maßnahmen ergriffen werden, um die Abhängigkeiten von den weltweiten Lieferwegen zu optimieren. Neben einer verbesserten Einkaufspolitik und höherer Lagerhaltung, muss ebenfalls über den Aufbau eigener Produktionskapazitäten für wichtige Vorprodukte nachgedacht werden. Aber auch der Staat kann die Betriebe hier unterstützen indem z. B. eine schnellere Zollabfertigung sichergestellt werden kann.

Sascha Drechsel, Geschäftsführer HESSEN­METALL Mittelhessen: „Beschäftigungsabbau scheint zum Stillstand zu kommen – Fachkräftemangel als Wachstumshemmer“

Foto von Sascha Drechsel„Im Herbst 2021 sind in den teilnehmenden Unter­nehmen mehr als 17.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Diese Zahl soll laut Einschätzung der Unter­nehmen im kommenden Halbjahr bis auf leichte Anpassungen mit immer noch mehr als 17.200 beinahe konstant bleiben. Somit scheint der Beschäftigungsabbau, der bereits 2018 vor Corona begonnen hat, nahezu zum Stillstand gekommen zu sein. Veränderungen in der Belegschaft finden nach wie vor hauptsächlich im Bereich der Produktion statt. Besonders hier und in den Bereichen IT und Engineering werden aber im Moment auch weiter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht. Fast 84% der heimischen Betriebe gaben an, aktuell auf der Suche nach Fachkräften zu sein.

Die Suche nach geeigneten Fachkräften wird auch hier in Mittelhessen immer herausfordernder - egal ob es dabei um die Gewinnung von Azubis, das Halten der Studienabsolventen in der Region oder die Suche nach den für die digitale Weiterentwicklung von Unter­nehmen dringend benötigten IT-Fachleuten geht. Es wird immer deutlicher, dass es jetzt und in Zukunft einer gewaltigen gemeinsamen Anstrengung von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und der Politik bedarf, alle möglichen Potentiale in unserer Gesellschaft für die Gewinnung von Fachkräften zu aktivieren. Nur so können wir verhindern, dass die fehlende Verfügbarkeit von Arbeitskräften irgendwann die Weiterentwicklung und Digitalisierung der deutschen Wirtschaft auf Jahre blockiert.“

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Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit
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