Hessenmetall-Chef zur schwächelnden Konjunktur

Dirk Pollert im Interview mit dem Wiesbadener Kurier u.a. zum Strukturwandel in der hessischen Metall- und Elektroindustrie

FRANKFURT - Die stark exportorientierte hessische Metall- und Elektroindustrie steht vor großen Herausforderungen, sagt ihr Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert. Er hat klare Vorstellungen, wie sie zu bewältigen wären.

Herr Pollert, die hessische Metall- und Elektroindustrie befinde sich wie in einem Schraubstock zwischen Strukturwandel und konjunktureller Eintrübung, sagen Sie. Ist das nicht übertrieben?

Ob wir es mit einer Delle der Konjunktur, mit einer Rezession oder mit einer Krise zu tun haben, kann keiner sagen. Aber wir stellen fest, dass sich die Lage verschlechtert.

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Was meinen Sie damit konkret?

In den ersten sechs Monaten 2019 ist die Zahl der Aufträge im Maschinenbau um 17 Prozent gegenüber 2018 zurückgegangen; bei Werkzeugmaschinen sogar um 20 Prozent. Das bekommt jetzt Breitenwirkung. Wir hören von unseren Mitgliedern, dass die Aufträge aus China zurückgehen. Es gibt zudem einen Sondereffekt. Insbesondere Zulieferfirmen sind derzeit stark ausgelastet, weil sie befürchten, dass Aufträge storniert werden, wenn sie nicht schnell abgearbeitet werden. Das flaut dann schnell ab.

Sie sprechen von Frühindikatoren, die eine Eintrübung ankündigen.

Unter­nehmen achten genauer auf Ausgaben bei Reisen, man fragt sich, ob große Veranstaltungen noch Sinn machen, schränkt Messebesuche ein. Da fahren die Unter­nehmen auf Sicht. In unseren fünf hessischen Bezirksgruppen häufen sich Anfragen nach Kurzarbeit, Sparprogramme werden aufgelegt.

Was unterscheidet die aktuelle Situation von der großen Krise ab 2008?

Unsere Unter­nehmen müssen sich jetzt nicht nur gegen die konjunkturelle Eintrübung wappnen, sondern auch mit dem Strukturwandel umgehen.

Was heißt denn Strukturwandel für Metall und Elektro?

Hier sind erhebliche Investitionen erforderlich. Denken Sie an Stichworte wie Industrie 4.0 oder künstliche Intelligenz. Das sind Vorbereitungen auf neue Geschäftsmodelle und Erlöse. Da sorgen wir uns, dass diese Investitionen ins Stocken geraten, weil das Geld für die Bewältigung der jetzt raueren wirtschaftlichen Lage gebraucht wird. Wir fürchten, dass unsere Unter­nehmen dadurch in Rückstand gegenüber Asien und Amerika geraten und wünschen uns, dass auf Bundes- und Landesebene darüber beraten wird, wie man unsere Firmen unterstützen kann.

Wie sieht denn Ihr Wunschzettel diesbezüglich aus?

Forschende Bereiche von Firmen sollten per Gesetz Steuererleichterungen genießen. Das ist schon lange geplant und sollte nun endlich kommen. Die Unter­nehmenssteuern sollten 25 Prozent nicht übersteigen. In der OECD liegt der Durchschnitt bei 23, bei uns liegt er bei 31 Prozent. Schließlich sollte der Solidaritätszuschlag für alle wegfallen.

Die IG Metall fordert, Besserverdienende für den Klimaschutz zur Kasse zu bitten. Was halten Sie davon?

Das wäre kontraproduktiv, genauso wie eine Vermögenssteuer. Nicht glücklich sind wir über Initiativen zur Sozialgesetzgebung wie die Grundrente ohne Bedürfnisprüfung. Die Sozialabgabenquote muss unter 40 Prozent liegen. Wir erwarten, dass sich die Bundesregierung vom Parlament ermächtigen lässt, vorsorglich für eine Krise per Verordnung die früheren Bedingungen aus 2008/09 zum konjunkturellen Kurzarbeitergeld schaffen zu können. Arbeitsrechtlich ist vonnöten, dass bei befristeten Verträgen weiterhin keine Sachgründe genannt werden müssen. Wenn wir Höchstarbeitszeiten nach dem Arbeitszeitgesetz auf Wochenbasis berechnen und flexibler mit den Ruhezeiten umgehen dürften, würde uns das helfen.

Was sagen Ihre Mitgliedsunternehmen, wo sie bei der Umsetzung ihrer Digitalstrategie der Schuh drückt?

Das konzentriert sich auf die drei Felder: Fachkräftemangel, Breitbandinfrastruktur und finanzielle Ressourcen. Hier könnte uns auch das Land unterstützen.

Inwiefern?

Wir begrüßen die finanzielle Aufstockung des Landes zum Digitalpakt Bildung um 125 Millionen Euro. Allerdings kommen uns die Berufsschulen zu kurz. Gut gefallen uns die zahlreichen Initiativen zur Digitalisierung, aber auch da sehen wir noch Luft nach oben.

Wo genau?

Es gibt Houses of Finance, IT oder Logistics, aber wo bleibt das House of Industry? Allein unser Verband vertritt 619 Mitgliedsunternehmen. Insgesamt sind in unserer Industrie in Hessen 220 000 Stammarbeiter beschäftigt. Die durch Forschung und Technologietransfer unterstützte Weiterentwicklung neuer Geschäftsmodelle würde sich auf andere Wirtschaftszweige positiv auswirken. Schließlich wünschen wir uns den Ausbau der Forschung und Anwenderkompetenz bei Künstlicher Intelligenz sowie die Stärkung und Verlängerung des Kompetenzzentrums Mittelstand 4.0 an der TU Darmstadt. Die gut angelaufene Förderung von Startups sollte in unserem Sinne gezielt auf solche Unter­nehmen ausgeweitet werden, die der industriellen Produktion mit intelligenten Lösungen helfen.

HESSENMETALL

Hessenmetall ist der Arbeitgeberverband für Unter­nehmen der Metall- und Elekroindustrie in Hessen. Er unterstützt als arbeits- und sozialpolitische Vertretung die Interessen der Mitgliedsunternehmen. Zu den M+E-Branchen zählen in Hessen die Automobilindustrie, der Maschinenbau, die Metallerzeugung- und Bearbeitung und die Hersteller von elektrischen Ausrüstungen. Sitz des Verbands ist das Haus der Wirtschaft in Frankfurt. Seit 2017 ist Dirk Pollert Hessenmetall-Hauptgeschäftsführer.

Das Interview führte Stefan Schröder.

Quelle: VRM / Wiesbadener Kurier erschienen am 11.10.2019

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Ulrich Kirsch

Dr. Ulrich Kirsch
Geschäftsführer Kommunikation und Presse