HESSENFORUM zur Zukunft der digitalen Produktion in Europa

Die hessische M+E-Industrie braucht den digitalen Europäischen Binnenmarkt, um den globalen Plattformwettbewerb zu gewinnen // Oettinger: „Größere Visionen, statt kleines Karo!“ // Mang: „Politik muss schnellstmöglich handeln!“

Frankfurt am Main. Industrie 4.0 bedeutet personalisierte Maßanfertigung, also das Ende unseres Industriezeitalters mit seiner reinen Massenproduktion. Während einige Unternehmen einzelne oder sogar alle Produktionsprozesse digitalisiert haben, sind bei anderen die smarte und voll digitalisierte Fabrik mit selbstregulierenden Prozessen in Echtzeit bereits Wirklichkeit.

Es gibt aber noch viel zu tun. Beim HESSENFORUM, dem Spitzentreffen der M+E- Industrie, gaben einige Unternehmen Einblicke in eigene Plattformen und smarte Fabriken. EU-Kommissar Günter H. Oettinger und HESSEMETALL-Vorstandsvorsitzender Wolf Matthias Mang beleuchteten den Zusammenhang von Digitalisierungserfolg und europäischer Perspektive.

„Die M+E-Industrie steht aktuell vor gleich zwei großen Herausforderungen. Einerseits dem Strukturwandel der digitalen Transformation, der vier mobilen Antriebsalternativen und einer starken ‚Verdienstleistung‘ rund um die Industrieprodukte. Andererseits einem rezessionsgefährdeten Abkühlen der Konjunktur. Unsere M+E-Unternehmen stehen vor einem schwierigen Jahr 2019: Anlass zur Sorge und mehr noch zur gründlichen Vorbereitung. Das Ziel für Hessen, Deutschland und Europa muss es sein, die geschlossenen Wertschöpfungsketten unserer Industrie in die digitale Welt zu übertragen – nur so können wir im Wettbewerb mit den Plattformriesen aus den USA und China bestehen“, so Wolf Matthias Mang, Vorstandsvorsitzender von HESSENMETALL. „Hier sind aber nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Politik gefragt. Digitale Plattformen müssen so reguliert werden, dass Datenmonopole nicht missbraucht werden können und Wettbewerb möglich bleibt. Eine EU-Digitalsteuer darf es nicht geben. Vor allem aber muss in die digitale Infrastruktur investiert und die 5G-Abdeckung und der Glasfaserausbau so schnell wie möglich flächendeckend vorangetrieben werden!“.

EU-Kommissar Günter H. Oettinger: „Man braucht in der digitalen Revolution entweder genügend Nutzer oder genügend Geld. Die Chinesen haben mit 1.300 Millionen potenziellen Nutzern uns Europäern gegenüber einen Vorteil. Die drei Milliarden Euro, die die Bundesregierung nun mühsam für künstliche Intelligenz in den nächsten Jahren freigeschaufelt hat, sind zu wenig, 30 Milliarden wären eher angebracht. Genau dies könnte jedoch Europa durch Programme wie Horizon Europe sowie der Zuführung aus Mitgliedsstaaten und der forschenden Industrie in Joint Untertakings und klugen Public Private Partnerships leisten. Nur in europäischen Forschungsteams können wir mit der Forschung und Entwicklung der vom Pentagon unterstützten Industrien in Kalifornien sowie mit der Dynamik und dem unbedingten Willen Chinas in Wettbewerb treten. Hier brauchen die EU und ihre Mitgliedsstaaten kein kleines Karo, sondern größere Überlegungen und Visionen.“

Erwartungen der hessischen Wirtschaft an die Politik nach der EU-Wahl
Mang formulierte aus den „Erwartungen der hessischen Wirtschaft“ drei für die M+E-Unternehmen wesentliche an die EU-Politik nach der Wahl. Er stimmte mit Oettinger überein, dass die Investitionen für digitale Infrastruktur beschleunigt werden und global angemessene Dimensionen erreichen müssten. Dies sei die zwingende Voraussetzung für neue digitale Anwendungen und Geschäftsmodelle. Die EU-Kommission und EU-Mitgliedstaaten müssten daher ihre ambitionierten Konnektivitätsziele - das heißt Gigabit-Anschlüsse für sozioökonomische Treiber und 5G in allen städtischen Gebieten und entlang von Hauptverkehrswegen – schnellstmöglich realisieren.

Außerdem müssen digitale Plattformen laut Mang intelligent reguliert werden, um Wettbewerbsverzerrungen gegenzusteuern. Dabei sollte zwischen B2C- und B2B-Plattformen unterschieden werden. Bei den inzwischen marktbeherrschenden B2C-Plattformen aus den USA oder China sei darauf zu achten, dass sich keine Datenmonopole verfestigen. Die EU müsse die Betreiber wegen Wettbewerb und Innovationsdynamik verpflichten, ihre relevanten Daten mit Dritten zu teilen. Eine einseitige Einführung einer „Digital Services Tax“ in der EU lehnte Mang ab, weil sie europäische Unternehmen im globalen Wettbewerb benachteilige.

Aufruf zur Wahl zum Europäischen Parlament
„Freiheit. Weltoffenheit. Wachstum. Wählen gehen – für eine erfolgreichere EU!“ – so lautete der Aufruf Mangs an die Teilnehmer des HESSENFORUMs, sich an der Wahl des Europäischen Parlaments zu beteiligen. Außerdem bat er darum, diese Botschaft an die 220.000 Beschäftigten in den hessischen M+E-Unternehmen weiterzutragen: „Die hessische Wirtschaft will und unterstützt die Einigung Europas als Garant für Frieden und Stabilität. Von einer starken Wirtschaft auch dank guter Rahmen-bedingungen auf europäischer und nationaler Ebene profitieren alle Beschäftigten und unser gesamtes Gemeinwesen: durch mehr und zukunftsfähigere Arbeitsplätze, durch Steuer- und Beitragseinnahmen für wichtige Investitionen und soziale Sicherung. Die EU muss weiterentwickelt und immer wieder reformiert werden, sie sollte aber nicht generell in Frage gestellt werden. Bitte gehen Sie am 26. Mai 2019 zur Wahl zum Europäischen Parlament“, so der Arbeitgeberpräsident.


Hintergrund Plattformwettbewerb (Zitate aus der Rede Mang)
„Wir haben einen großen Wettbewerbsvorteil in Deutschland und in unserer starken M+E-Industrie (1,2 Bio € Jahresumsatz, über 4 Mio. Beschäftigte, 9 Branchen und eine Exportquote weit über 50%): nämlich die Vorreiterrolle im B2B-Sektor. Diese Vorreiterrolle haben wir durch die geschlossenen Wertschöpfungsketten unserer Branchen – von Metallerzeugung über Metallbearbeitung, Maschinenbau, bis hin zu den Endprodukten Autos und Elektro. Hinzu kommt: die Industrie-Produkte sind in starke Dienstleistungspakete verpackt.“

„Wenn es uns gelingt, diese lückenlosen Wertschöpfungsketten in der digitalen Produktion und im Plattformwettbewerb zu erhalten, dann werden wir auch künftig auf den Weltmärkten vorne mitmischen. Deshalb: Wir müssen den B2B-Plattfomwettbewerb gegen die B2C-Riesen aus USA und China gewinnen! Das können wir nur im europäischen Binnenmarkt mit seinen 500 Mio. Menschen und 21 Mio. Unternehmen.“

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Ulrich Kirsch

Dr. Ulrich Kirsch
Geschäftsführer Kommunikation und Presse