Die Zukunft der Arbeit nach der Pandemie: „Der Geist ist aus der Flasche“.

Interview mit Dirk Pollert, Hauptgeschäftsführer HESSEN­METALL

Im Fokus steht der Arbeitserfolg im Team: Zeitsouveränität, Vertrauensarbeitszeit, Eigenverantwortung und Erfolgsorientierung sind die Stellschrauben.

Was haben die Unter­nehmen aus der Pandemie gelernt? 
Die Unter­nehmen der hessischen M+E-Unter­nehmen waren bereits vor Corona Treiber der digitalen Arbeitswelt. Die Erfolgsfaktoren waren und sind weiterhin mobiles Arbeiten, Assistenzsysteme, autonome, sich selbst einteilende Gruppen, die Nutzung der Digitaltechnologien bis hin und zunehmend KI-Anwendungen, z. B. Maschine Learning. 
Während Corona haben betrieblich passende Home-Office-Lösungen ebenso wie die verbesserten Kurzarbeiterregelungen sehr geholfen, die Pandemie besser und mit möglichst wenigen Blessuren zu bewältigen.

Was nehmen die Unter­nehmen mit ins künftige Arbeiten? 
Ausgangspunkt dafür ist immer: Welche Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen verfolgt ein Unter­nehmen? Welche Prozesse und Arbeitsaufgaben sind von den Beschäftigten zu erledigen? Davon hängt es ab, in welcher Dosage auch zukünftig – nach der vollständigen Bewältigung von Corona – mobil gearbeitet werden kann. Je näher an der Produktion, desto weniger mobil. 

Aus unseren Mitgliedsunternehmen hören wir aber, dass dort, wo es die Arbeitsaufgabe zulässt, pro Woche durchaus zwei bis drei Tage mobil gearbeitet werden kann. 

Zentrale Rolle kommt der Führungskraft und dem jeweiligen Team zu, die Arbeitsaufgaben und Arbeitserfolge dank der Möglichkeiten der digitalen Arbeitswelt noch besser zu schaffen.

Am Ende wird es m. E. ein Dreiklang sein: 

  • Schnellstmöglich zur betrieblichen Normalität zurückkehren - unter Entfall aller bislang geltenden Corona bedingten Beschränkungen 
  • Die positiven Erfahrungen post-Corona mitnehmen 
  • und durch mehr Flexibilität besondere Gestaltungskräfte ermöglichen.

Wie verändern sich die Industrie-Arbeitsplätze, wenn sich die Produktion strukturell wandelt?
In der Produktion ist es natürlich schwerer mobil oder vom Home Office aus zu arbeiten. Aber Rufbereitschaft, Fernwartung oder Gleitzeit auch im Schichtbereich eröffnen für den Produktionsmitarbeiter ebenso Flexibilisierungs-Chancen. 

Haupttreiber ist z. B. die freie Selbsteinteilung zu Schichten über EDV-Systeme. Das gibt dem Einzelnen Zeitsouveränität und damit Mehrwerte, wenn das Team funktioniert. 

Über Assistenzsysteme wird das Arbeiten weniger körperlich anstrengend, Datenbrillen, IoT-Gateways und Maschine Learning schaffen wissenszentrierte Arbeitsplätze, vermeiden Fehler und machen die Arbeit in der Produktion abwechslungsreicher und ergonomisch besser. 

Als HESSEN­METALL haben wir gemeinsam mit Bosch Rexroth, der TU Darmstadt und unserem Bildungswerk einen zertifizierten Weiterbildungslehrgang „Digitalisierungsfachkraft Produktion“ konzipiert, der ab Herbst angeboten wird. Weitere werden folgen wie z. B. Data Scientist. Neue Arbeitsplätze und Berufsfelder werden entstehen. Viele Tätigkeiten werden sich erheblich ändern. Wir müssen die Beschäftigten mitnehmen. Das ist besser als sie mit einem bedingungslosen Grundeinkommen auszugrenzen. 

Wieviel Autonomie können Industriearbeiter bekommen, wenn die Büroarbeiter ihren Wunsch vom mobilen und stationären Arbeiten ausleben dürfen?
Der Schlüssel ist Eigenverantwortung, Zeitsouveränität, Gleitzeit auch im Schichtbetrieb, Selbsteinteilung, E-Learning Tools. Im Fokus stehen aber der Arbeitserfolg und die korrekte Erfüllung der jeweiligen Arbeitsaufgaben. Dies geht nur im Team durch einvernehmlich passende betriebliche Regelungen. 

Dass Produkte und Dienstleistungen immer individueller und komplexer werden, ist für unsere Industrie vor Ort eine Riesenchance. Ohne Industrie kein Wohlstand. Industrielle Arbeitsplätze sind das Fundament unseres Wohlstands. Ihre Hebelwirkung für Handel, Dienstleistung und Handwerk ist groß. Im Mittelpunkt des politischen Handelns der nächsten Bundesregierung muss deshalb stehen: Alles dafür zu tun, dass wieder neue Arbeitsplätze in der Industrie entstehen können. Nur so können die anstehenden Aufgaben - vom Klimaschutz bis zu den Sozial­versicherungen - bewältigt werden.

Was bedeutet dieser Wandel für Führungskräfte? Wie können sie künftig Erfolg messen? 
Im Januar 2017 habe ich der FAZ zu meinem Start bei Hessenmetall ein Interview gegeben und gesagt „Man schuldet Erfolge und nicht Anwesenheit“, dort wo es die Arbeitsaufgabe zulässt. Dieser Geist ist aus der Flasche! 

Führungskräfte müssen heute Hindernisse für die Mitarbeiter beseitigen, gemein-schaftliche Ziele mit Teams vereinbaren und Freiräume für kreatives Arbeiten schaffen. Im Fokus steht der Arbeitserfolg, nicht der Weg. 

Videokonferenzen statt Präsenzmeetings und Dienstreisen. Mobiles Arbeiten, agile Methoden E-Learning-Tools mit wissenszentrierte Arbeitsplätze haben sehr geholfen besser durch die Corona Pandemie zu kommen. Aber es bleibt doch auch viel auf der Strecke. Kundenbeziehungen, Gewinnung neuer Kunden, komplexe Projekte. Es kommt zukünftig auf die richtige Mischung an. 

Klar ist aber, dass wir alle gemeinschaftlich anpacken und hart arbeiten müssen, um weltweit wettbewerbsfähig zu sein. Wir haben ja nicht nur Corona, sondern einen Strukturwandel erfolgreich zu gestalten. Technologieoffenheit und realistische zeitliche Ziele sind sehr hilfreich. 

Aber zu Ihrer Frage noch einmal. Die Maßgrößen für den Erfolg werden um die Möglichkeiten der Digitalisierung und von KI fortlaufend angepasst. Zudem hat eine Führungskraft zu einer gute Arbeitsatmosphäre beizutragen.

Wie müssen die Arbeitsbeziehungen geregelt werden, wenn Flexibilität eine Win-Win-Situation für beide Seiten – Arbeitnehmer und Arbeitgeber – schaffen soll?
Zeitsouveränität, Vertrauensarbeitszeit, Eigenverantwortung und Erfolgsorientierung sind die Stellschrauben für den Erfolg. Ich kenne mittelständische Betriebe mit über 100 Arbeitszeitmodellen in einem Werk. Weniger Kontrolle und Misstrauen, das gilt übrigens auch für den Bundesgesetzgeber. 

Wer während der Arbeitszeit Privates erledigen darf, muss auch außerhalb der Arbeitszeit kurze berufliche Tätigkeiten erledigen dürfen. Das geht aber mit unserem Arbeitszeitgesetz nur völlig unzureichend. Unsere Mitarbeiter wollen gestalten und Privates und Berufliches in gute Balance bringen. Wenn ich 2-3 Tagen mobil arbeite, wird sich aber auch mein Büroarbeitsplatz ändern. Ich kann nicht erwarten, dass ich dann ein Einzelbüro habe. Desk Sharing, Car Sharing sind notwendige Weiterentwicklungen der digitalen Arbeitswelt. 

Wie läuft der Dialog mit den Betriebsräten und Gewerkschaften zur Bewältigung des Strukturwandels?
Wir sind bislang mit passenden betrieblichen Regelungen zu Kurzarbeit, Arbeitsschutz, Pandemieplänen gut durch die Krise gekommen, haben wertvolle Tarifverhandlungen Corona-konform im kleinen Kreis mit Augenmaß geschafft. Dies gibt Planungssicherheit in herausragend schwierigen Zeiten. 

Lösungen werden am Verhandlungstisch hergestellt. Nicht zu verstehen sind Arbeitskämpfe zur Unzeit wie aktuell bei der Bahn durch die Gewerkschaft der Lokführer. Dem gehört durch den Bundesgesetzgeber Einhalt geboten. Pendler, Reisende und Unter­nehmen dürfen nicht in Geiselhaft der Gewerkschaften geraten. Arbeitskämpfe mit hoher Drittbetroffenheit bedürfen, wie das gesamte Arbeitskampfrecht, einer gesetzlichen Regelung. Ebenso wie der faktischen Erpressbarkeit der Arbeitgeber in Verhandlungen durch die Rechtsprechung zu Sozialtarifverträgen. 

Unsere Unter­nehmen brauchen in der Zukunft viel Geld, um in Technologietransfer und Innovationen zu investieren. Dies wird eine große Herausforderung. Daher ist es auch so wichtig, die Unter­nehmenssteuern auf weltweit wettbewerbsfähige 25 % zu begrenzen. Wir wollen vor Ort erfolgreich sein.

Interview – Dirk Pollert  mit Falk Heunemann, Mitarbeiter FAZ-Redaktion, erschienen in der FAZ am 21.08.2021

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Dr. Ulrich Kirsch
Geschäftsführer Kommunikation und Presse