31. HESSENFORUM: Doppelpass Wissenschaft für hessische M+E-Industrie

Prof. Buxmann: „Chancen Künstlicher Intelligenz besser nutzen – um An-schluss nicht zu verlieren.“ // Prof. Stowasser: „Mit CO2-Produktivität zu Wettbewerbsstärke und Klimaschutz.“

Frankfurt am Main. „Die Verbindung mit den Digitaltechnologien und Algorithmen Künstlicher Intelligenz verstärkt die Optionen einer klimafreundlichen deutschen Industrie“, waren sich die 150 Teilnehmer aus der Metall-, Elektro- und IT-Industrie beim 31. HESSENFORUM des Arbeitgeberverbands HESSEN­METALL in der Frankfurter Klassikstadt einig.

Allerdings stehe noch ein ziemliche Wegstrecke bevor  - ergänzten Prof. Dr. Peter Buxmann, Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik, Software & Digital Business der TU Darmstadt, und Prof. Dr.-Ing. habil Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa) in Düsseldorf die Impulse der fünf Unternehmer.

Die Anwendungsmöglichkeiten der Künstlichen Intelligenz und kürzlich erzielte innovative Durchbrüche standen im Mittelpunkt des Vortrags von Buxmann. Dabei zeigte er, dass KI nicht nur genutzt werden kann, um betriebliche Prozesse zu verbessern und mit Menschen zusammenzuarbeiten. KI könne viel mehr: „Krankheiten diagnostizieren, Impfstoffe entwickeln oder Klimaschutz verbessern.“ Darüber hinaus gab er auch Beispiele für kreative KI, die beim Pokern blufft oder Musik komponiert. Mit großer Sorge wies er jedoch darauf hin, dass Deutschland und Europa rund um die Themen KI und Digitalisierung international den Anschluss verlieren könnten. „Wir müssen die Chancen Künstlicher Intelligenz noch besser nutzen  - ohne Angst und ohne Hype.“

„Wenn Deutschland einen ernsten Beitrag zum globalen Klimaschutz leisten will, sollte die eigene Industrie nicht geschwächt, sondern gestärkt sowie nachhaltig ausgebaut und gefördert werden. Nur so können Technologie, Wohlstand, soziale Zufriedenheit und Umweltschutz gleichermaßen verbessert werden“, erläuterte Stowasser. „Um Betriebe zugleich produktiver und nachhaltiger zu machen, braucht es ein Konzept der CO2-Produktivität. Denn die Industrie ist die Lösung: Sie kann mit konsequentem Nachhaltigkeitsmanagement ihre Klimafreundlichkeit schrittweise und konsequent verbessern und durch den Export solcher Technoloigien zu neuer Wettbewerbsstärke gelangen.“

KI kann kollaborieren, kreativ werden, bluffen, ohne Weltherrschaft anzustreben

„Mit diesen Technologien können wir so viel für eine bessere Welt tun“, erläuterte Prof. Buxmann. Anhand von Praxisbeispielen zeigte er, wie Algorithmen und Menschen gemeinsam erfolgreicher mit Wertpapieren handeln, als das Mensch oder die Maschine alleine könnten. „Aber KI ist auch für viele Überraschungen gut. Sie kann mittlerweile auch kreative Aufgaben übernehmen, von denen wir bislang dachten, dass diese den Menschen vorbehalten bleiben“, so Buxmann. Ein aktuelles Beispiel sei das Projekt „Lost Tapes of the 27 Club“: Mit KI werden dort neue Songs im Stil verstorbener Musiker komponiert – von der Musik, über die Arrangements bis hin zu den Texten. Das Ergebnis sei verblüffend: „Nur ganz wenige Expertinnen und Experten werden in der Lage sein, den von einer KI komponierten Song von einem echten Song zu unterscheiden.“

Auch sei es einer Poker-KI mittlerweile gelungen, die besten Poker-Spieler der Welt zu schlagen. Im Kern standen dabei nicht nur mathematischen Überlegungen. „Die Algorithmen haben vielmehr gelernt, dass Bluffen eine sehr profitable Pokerstrategie sein kann.“
Trotz dieser geballten Form der Kreativität müsse man sich keine Sorgen machen. „Die Algorithmen sind auf ihre spezielle Aufgabengebiete beschränkt. „Kein Programm, das Musik komponiert, würde auf die Idee kommen, seinen Anwendungsbereich zu erweitern oder - wie wir das aus vielen Science-Fiction-Filmen kennen - die Weltherrschaft anzustreben.“ Aber, so Buxmann: „Technologie-Optimist zu sein, schließt nicht aus, auch die Grenzen und Risiken der Digitalisierung im Blick zu haben. Ich glaube fest an den Nutzen innovativer Technologien wie der Künstliche Intelligenz.“

CO2-Produktivität nimmt Klimaschutz und Wohlstand zugleich in den Blick

Wolle man den Zielkonflikt zwischen Klimaschutz und Wohlstandsinteressen auflösen, müssen beide Zielsetzungen gleichermaßen berücksichtigt werden: „Eine kombinierte Zielgröße, die „CO2-Produktivität“, kann helfen, diesen Zielkonflikt zu lösen. Aus der Perspektive des Klimaschutzes steht die Reduzierung von eingesetzter Energie im Fokus, bei deren Erzeugung oder Nutzung Kohlendioxid freigesetzt wird. Betrachtet man den Wohlstand, gemessen am Wert der erstellten Güter und Dienstleistungen im Verhältnis zur eingesetzten Energie und damit verbundenen klimaschädlichen Emissionen, lässt sich daraus eine „CO2-Produktivität“ ermitteln. Zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele muss die „CO2-Produktivität“ stärker als die Wirtschaftsleistung wachsen.“ Abschließend sagte Prof. Stowasser: „Ein systematisches Nachhaltigkeitsmanagement kann dazu beitragen, die komplexen Herausforderungen der Zukunft zu meistern und den langfristigen Unter­nehmenserfolg zu verbessern.“

„Die CO2-Revolution muss in 42 Jahren geschafft sein“, zeigte sich Stowasser überzeugt. Die Industrie habe 125 Jahre zur Verzehnfachung ihrer Produktitvität gebraucht. Sie habe immerhin von 1990 bis 2018 die Treibhausgase um 30% gesenkt. „Das ist gut, aber es reicht nicht. Eine Beschleunigung der CO2-Produktivität und die Nachhaltigkeitsziele können nur erreicht werden, wenn auch entsprechende Maßnahmen bei der Gestaltung, Herstellung und Nutzung von Produkten, Prozessen, Dienstleistungen, Anlagen und Gebäuden umgesetzt werden. Zu diesen Maßnahmen zählen grundsätzlich die Reduzierung von Ressourcenverschwendung, der Austausch von nicht nachhaltigen Ressourcen oder der innovative Einsatz neuer Technologien wie eben auch der Künstlichen Intelligenz“, so der ifaa-Direktor. Dabei müsse die Industrie Fehler vermeiden, die sie bei der Einführung des Lean Management gemacht habe. Sie müsse sofort ganzheitlich-systematisch aufgesetzt, im Denken und Handeln verankert und mittels vernetzter und intelligenter Digitalisierung optimiert werden.

Weitere Informationen:

Die Impulse der Unternehmer Alix Chambris, Wolfram Kuhn, Wolf Mang, Dr. Stefan Wolf und Dr. Andreas Widl, ausführliche Interviews mit ihnen und Videoportraits ihrer Unter­nehmen, sowie alle Informationen rund um das 31. HESSENFORUM finden Sie auf unserer Website unter:
https://www.hessenmetall.de/newsroom/hessenforum-2021.html
Die Auswertung der aktuellen KI-Umfrage finden Sie auf unserer Website unter:
 https://www.hessenmetall.de/themen/kuenstliche-intelligenz/ki-umfrage-2021.html.
HESSEN­METALL Workshop-Reihe Nachhaltigkeitsmanagement:
https://www.hessenmetall.de/service-fuer-mitglieder/arbeitsorganisationundarbeitswissenschaft/neue-workshop-reihe-nachhaltigkeitsmanagement.html

HESSEN­METALL ist der Arbeitgeberverband der größten Industrie in Hessen und vertritt die Interessen von über 650 Mitgliedsunternehmen aus der Metall-, Elektro- und IT-Industrie mit rund 130.000 Beschäftigten. Die Mitglied­schaft steht Unter­nehmen sowohl mit als auch ohne Tarifbindung offen. HESSEN­METALL ist für Arbeitgeber eine Serviceorganisation und die Netzwerk-Plattform für Arbeit 4.0. Dienstleistungsschwerpunkte sind Arbeitsrecht, Arbeitsbeziehungen, Tarifpolitik, Fachkräftesicherung, Kommunikation, Digitale Transformation, Nachhaltigkeitsmanagement sowie Technologietransfer. Als Netzwerk bietet der Arbeitgeberverband Entscheidern und Experten die Plattform für den Erfahrungsaustausch für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Mit Hochschulkooperationen wird die Kompetenz und Innovationskraft der Mitgliedsunternehmen auch bei neuen Schlüsseltechnologien gesteigert. HESSEN­METALL ist mit seiner Landesgeschäftsstelle und fünf Bezirksgruppen flächendeckend vor Ort und sichert über die Dachverbände Gesamtmetall, BDA und BDI die bundesweite Interessenvertretung der hessischen Metall-, Elektro- und IT-Industrie.

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Geschäftsführer Kommunikation und Presse