Rückblick: 2. Hessenmetall-Arbeitsschutzkongress

Auf dem Weg zum digitalen Unternehmen - die Bedeutung für den Arbeitsschutz

Der Arbeitsschutz und damit Arbeitgeber, Führungskräfte sowie Beschäftigte stehen vor ganz neuen Herausforderungen, denn der Einsatz digitaler Technologien verändert zunehmend die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen. Wie gravierend die Veränderungen zum Teil bereits sind und wie man damit umgeht, erfuhren die Teilnehmer des 2. Arbeitsschutzkongresses von Hessenmetall.

Der Arbeitsmediziner Professor Dr. Christian Feldhaus, bei der Continental AG Hannover unter anderem verantwortlich für Sicherheit, Arbeitsmedizin und Gesundheitsmanagement der weltweit knapp 250.000 Mitarbeiter, hob in seinem Vortrag die Bedeutung von Führung und Eigenverantwortung hervor. „Wenn Arbeit immer komplexer wird und Verantwortung sowie Zeitdruck zunehmen, wächst auch die Bedeutung des Betrieblichen Gesundheitsmanagements“, betonte Feldhaus.

Durch die Veränderung des Arbeitsumfeldes müssten sich Führungskräfte auf ganz neue Herausforderungen einstellen. In einem Unternehmen gelte es genauso wie in einer Familie, klare Regeln zu formulieren und konkrete Absprachen zu treffen für den Umgang mit digitalen Geräten. Viele hätten das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, auch im privaten Umfeld durch die Anwendung sozialer Medien. Druck und Dauerstress greifen jedoch, wie Untersuchungen zeigten, das Immunsystem an und könnten sogar Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auslösen. Er warnte davor, viel Zeit und Mühe zu investieren, um eine niedrige Krankenquote noch weiter runter schrauben zu wollen. Viel Erfolg versprechender sei es dagegen, sich mit den Mitarbeitern zu beschäftigen, die zwar anwesend seien, aber keine Leistung erbringen. „Nur etwa die Hälfte der Beschäftigten liefert wirklich 100 Prozent“, so Feldhaus.

Damit Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter in gutem Gleichklang sind, seien Führungskräfte in Zukunft deshalb besonders gefordert. Feldhaus verwies dabei auf verschiedene Studien, die zeigen: „Nichts korreliert so stark, wie gute Führung und Gesundheit.“ Feldhaus empfahl den Teilnehmern, sich selbst zu fragen, was man von einem guten Chef erwarte: „Die Antwort lässt sich dann herunterbrechen in jede Abteilung bis hin zum Mikrokosmos der eigenen Familie.“ Abschließend stellte der Personalexperte noch einmal klar: „Wer betriebswirtschaftlichen Erfolg möchte, kommt um gesundes Führen nicht herum.“

Jürgen Streit, Gründer der Darmstädter Unternehmensgruppe STREIT, berichtete über die geänderten Anforderungen an die sicherheitstechnische Betreuung von Unternehmen im Zuge der Digitalisierung. STREIT gilt als führender Anbieter im Bereich Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit und betreut aktuell über 55.000 Betriebe mit insgesamt 1,2 Millionen Beschäftigten. Wie der Berater betonte, verändert sich die Bedeutung von Führung in einer digitalisierten Arbeitswelt. Eine Führungskraft wird immer mehr zum Moderator und Kommunikator. Streit: „Erwartet wird ein Dialog auf Augenhöhe, sowie Flexibilität und Selbststeuerung, aber weniger Kontrolle.“

Die bisherige Annahme, dass die betriebliche permanente Erreichbarkeit per Mobilfunk zu einem Anstieg von psychischen Belastungen und Fehlzeiten führt, sei durch die Fallzahlen widerlegt. Wie Statistiken zeigten, seien erst durch die mobile Nutzungsmöglichkeit von sozialen Netzwerken die Fehlzeiten gestiegen. Der Arbeitsschutzexperte: „Psychische Belastung steigt proportional mit der Nutzung sozialer Medien.“ Wie Untersuchungen zeigten, stehe die Selbstverwirklichung des Einzelnen in der Gesellschaft und damit auch in den Unternehmen zunehmend im Vordergrund. Zwar wollten Mitarbeiter mehr Selbstbestimmung durch weniger Regeln und Kontrolle, Verantwortung und Haftung solle jedoch auch weiterhin von Führungskräften übernommen werden.

Welche haftungsrechtlichen Fragen bei der Nutzung von Software, Robotern und Künstlicher Intelligenz zu berücksichtigen sind, erläuterte der Rechtsanwalt Philipp Reusch von der Berliner Kanzlei Attorney-At-Law. Reusch berät nationale und internationale Industrieunternehmen aus dem Maschinenbau, der Automobilzulieferer- und der Konsumgüterindustrie. Insbesondere beim Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) hinkt die Gesetzgebung laut Reusch noch hinter den Gegebenheiten her: „KI und normale Maschinen unterscheiden sich deutlich, aber es gibt noch keine rechtlichen Rahmenbedingungen, wie beispielsweise zivilrechtlich mit KI umgegangen wird.“

Die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsplatz beleuchtete Professor Dr. Ralph Bruder, Leiter des Instituts für Arbeitswissenschaft der Technischen Universität Darmstadt. Wie er betonte, gehe es immer um das Verhältnis von Mensch, Technik und Organisation (MTO). Als Beispiel nannte er die Entwicklung in der Automobilindustrie mit ihrem hohen Automatisierungsgrad. Insgesamt gehe es nicht vorrangig darum, menschliche Tätigkeiten durch Technik zu ersetzen, sondern sie eher zu ergänzen. Wie eine Untersuchung in einem Darmstädter Pflegeheim gezeigt habe, wurde durch den Einsatz des Pflegeroboters „Pepper“ kein einziger Arbeitsplatz gestrichen. In Fernsehstudios, in denen früher ein Kameramann immer nur eine Kamera steuerte, kann heute ein Mensch dank Weiterbildung zum „Studio Operator“ und neuer Technologie gleichzeitig mehrere Kameras bedienen. Durch solche Entwicklungen ändern sich laut Bruder immer auch die Aufgaben für den Arbeitsschutz. Neue Ansätze der Arbeits- bzw. Gefährdungs-Analyse sind dann gefragt, zum Beispiel durch die neue Nähe zu Robotern. Auch der Sicherheitsbegriff müsse erweitert werden auf die Themen Datenschutz und Datensicherheit. All das bedeute permanente Weiterbildung. Bruder: „Allerdings ist die Entwicklung von Technologieangeboten so rasant, dass Weiterbildungseinrichtungen mit dazu passenden Qualifizierungsangeboten kaum noch hinterherkommen.“

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Ulrich Kirsch

Dr. Ulrich Kirsch
Geschäftsführer Kommunikation und Presse