HESSEN­METALL stellt neue Studie zur Autoindustrie in Hessen vor

Frankfurt am Main. Die neue Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag von HESSEN­METALL gibt Aufschluss über den digitalen Fortschritt in den Unter­nehmen und zeigt auf, welche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, um die neuen Märkte in den Chancenfeldern Automatisierung, Vernetzung und Elektrifizierung bestmöglich zu nutzen. Diese Chancen-Märkte können um ein Marktvolumen von zusätzlich mehr als 560 Milliarden Euro bis 2040 weltweit und gut 180 Mrd. Euro in Deutschland wachsen, wenn Deutschland seine Marktanteile verteidigen kann. „Von diesem Kuchen muss sich Hessen ein großes Stück abschneiden, indem es sich zum Chancenland für Automatisierung und Vernetzung entwickelt“, sagte Wolf Matthias Mang, Vorstandsvorsitzender des Arbeitgeberverbands HESSEN­METALL, im Vorfeld der Vorstellung der Studie auf dem Spätsommerforum in Eppstein.

Aktuell wirken Klimaschutz, Digitalisierung, demografischer Wandel und neue Ansätze der Globalisierung gleichzeitig und maßgeblich auf die Automobilwirtschaft. Der automobile Wandel hin zur Elektrifizierung, Automatisierung und Vernetzung erfordert massive Anpassungen in der deutschen und der hessischen Automobilwirtschaft, bietet aber auch erhebliche Chancen. „Deutschland ist immer noch Exportweltmeister bei Autos. Aber Spitzenplätze, die unseren Wohlstand sichern, sind keine Naturgesetze, sondern stetig neu zu erobern. Die hessischen Automotive-Unter­nehmen haben besonders gute Chancen in den globalen Wachstumsmärkten. Um sie optimal nutzen zu können, brauchen wir ein angemessenes politisches und gesellschaftliches Umfeld. Dazu gehört u.a. der Wille, Globalisierung neu zu gestalten, einen politischen Turbo einzubauen beim Ausbau des Schnell-Ladesäulen-Netzes, eine Greenfield-Offensive für neue Industrieflächen in Gang zu setzen und das hessische Ökosystem für digitale Geschäftsmodelle gerade bei der Fahrzeugautomatisierung und -vernetzung zu stärken“, sagte Dirk Pollert, HESSEN­METALL-Hauptgeschäftsführer vor den 150 Gästen. Dabei kommen den Unter­nehmen in Hessen die überdurchschnittliche Industrie 4.0-Readiness und die sehr gute Aufstellung im Bereich Forschung zugute.

Gute Ausgangsposition, große Marktpotenziale

„Die Automobilwirtschaft ist aktuell für einen erheblichen Teil des hohen Wohlstands in Hessen verantwortlich. Die Unter­nehmen erzielten im Jahr 2020 rund 20 Milliarden Euro der hessischen Bruttowertschöpfung (7,6 Prozent). Entlang der gesamten Wertschöpfungskette waren etwa 241.000 Erwerbstätige (6,9 Prozent aller hessischen Erwerbstätigen) in diesem Bereich tätig“, führte Hanno Kempermann, Geschäftsführer IW Consult Köln, aus. Diese Leistung wird durch Autohersteller und große Zulieferer wie VW, Daimler, Opel oder Continental mit Produktionsstätten in Hessen sowie viele kleine und mittelständische Automobilzulieferer erbracht. Hessen ist überdurchschnittlich stark von kleineren Unter­nehmen geprägt.

Prognosen des IW gehen davon aus, dass bis 2040 die globalen Marktvolumina für Systeme der Vernetzung um 242 Milliarden Euro, für Systeme der Automatisierung um etwa 166 Milliarden Euro und für Traktionsbatterien um 152 Milliarden Euro steigen werden. Dies zeigt die massiven Chancen, die mit dem automobilen Wandel einhergehen. Während Elektrifizierung eher herstellergetrieben wächst, sind Automatisierung und Vernetzung eher Wachstumsfelder für Zulieferer. „Natürlich müssen unsere Automotive-Unter­nehmen in allen drei Chancenfeldern ihre Marktpotenziale suchen. Da Hessen aber vorrangig ein Autozulieferland ist, kann sich Hessen zum Chancenland Automatisierung und Vernetzung entwickeln“, so Mang.

Voraussichtlich werden mit grünem Strom betriebene Pkw aufgrund ihrer vergleichs­weise hohen Wirkungsgrades den Markt ab 2035 dominieren. Verbrennungsmotoren können ab 2035 nach aktuellem Stand nur noch dann neu zugelassen werden, wenn sie nachweislich mit synthetischen Kraftstoffen (eFuels) betrieben werden. Diese Umstellung erfordert hohe Investitionen und beschleunigte Anpassungen beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der Ladeinfrastruktur.

Mit 22.600 Personen sind 0,9 Prozent aller Beschäftigten in Hessen in Unter­nehmen tätig, die sich dem traditionellen Verbrennungsmotor zuordnen lassen. Das VW-Getriebewerk in Baunatal nimmt dabei mit seiner Umstellung eine besondere Rolle ein. Dagegen sind schon rund 8.600 Beschäftigte in Hessen in den Chancenfeldern der Elektrifizierung, Automatisierung und Vernetzung aktiv. Das ist im deutschlandweiten Vergleich leicht überdurchschnittlich und signalisiert gute Startbedingungen.

Unter­nehmen haben Strukturwandel angenommen

Gleichzeitig erwartet mehr als die Hälfte der befragten Unter­nehmen, die Teile des traditionellen Antriebs herstellen, eine schrumpfende Umsatzentwicklung in den kommenden drei Jahren. Diese Herausforderung gehen sie aber proaktiv an: Rund 90 Prozent geben an, dass sie in diesem Zeitraum neue Marktfelder erschließen werden. Vier von fünf dieser Unter­nehmen planen eine Neuerschließung des elektrifizierten Antriebs. Jeweils jedes dritte Unter­nehmen plant im Bereich Fahrzeugvernetzung oder im Bereich der Fahrzeugautomatisierung tätig zu werden. Trotz großer Herausforderungen durch die politisch gesetzten Änderungen der Rahmenbedingungen ist der Strukturwandel in den hessischen Unter­nehmen bereits in vollem und sehr strukturiertem Gange.

Konkret könnten sich Zulieferer bspw. über Schnittstellen an die Betriebssysteme der OEM andocken oder eigene Algorithmen aus der digitalisierten Produktion für andere Unter­nehmen lizenzieren und so digitale Geschäftsmodelle verwirklichen.

Um neue Marktfelder zu erschließen, sind entsprechend qualifizierte Fachkräfte nötig, insbesondere im Bereich der Informatik und IT-Systementwicklung. Der demografische Wandel verschärft zusätzlich bestehende Fachkräfteengpässe, was von den hessischen Automobilunternehmen als eine zentrale Herausforderung gesehen und angepackt wird.

Gute Standortvoraussetzung bei Digitalisierung und Forschung

Forschung, Entwicklung und Innovation werden zunehmend in Netzwerken organisiert. „Diese gegenseitigen Innovationsimpulse stärken den Standort Hessen. In unterschiedlichsten Bereichen finden heute schon intensive Kooperationen statt wie bspw. bei der Elektromobilität an der Uni Kassel, beim Licht mit der TU Darmstadt oder in der Cybersecurity mit der Hochschule Darmstadt. Unter­nehmen in Hessen finden exzellente Standortvoraussetzungen im Bereich der Forschung und Entwicklung in automobilen Chancenfeldern vor“, so Kempermann.

Zudem sind die Unter­nehmen bereits Industrie-4.0-affiner als im deutschen Durchschnitt. Die Digitalisierung der Produktion führt aber auch dazu, dass Greenfield-Investitionen bedeutender werden. Denn neue Produktionsstätten „auf der grünen Wiese“ bieten die besten Voraussetzungen, um die notwendigen digitalen Architekturen bestmöglich zu verwirklichen. Dies ist in bestehenden Standorten deutlich schwieriger. Neue Produktionsstätten sind damit ein entscheidender Faktor, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unter­nehmen zu sichern. In ganz Westdeutschland sind allerdings Industrieflächen sehr rar. „Umso wichtiger wäre es, dass Hessen hier in die Offensive geht“, so der Hauptgeschäftsführer.

Sieben Handlungsfelder

Insgesamt bestehen viele Chancen, dass sich der hessische Automobilstandort auch in Zukunft erfolgreich entwickelt. Dafür müssen allerdings wichtige Entscheidungen getroffen werden. Die Studie adressiert deshalb sieben Handlungsfelder, in denen jeweils mehrere Handlungsempfehlungen und Projektideen ausgearbeitet werden:
Neben den Klassikern Fachkräfteengpässe lindern, Bürokratie abbauen und Infrastruktur verbessern sind es vor allem vier spezifische:  Industrieflächen entwickeln und beschleunigt genehmigen. Das hessische Ökosystem für digitale Geschäftsmodelle weiter stärken. Planungssicherheit beim Umbau hin zur Treibhausgasneutralität erhöhen. Auf KMUs fokussieren. „Wir haben viel zu tun. Setzen wir es in unseren Innovationsnetzwerken – z. B. dem HESSEN­METALL-Netzwerk mit der TU Darmstadt, der TH Mittelhessen, der Frankfurt University of Applied Sciences und der Universität Kassel – und gemeinsam mit der Politik um. Unternehmerisch, lösungsorientiert und mit unserer gewohnt zupackenden Zuversicht“, so Pollert abschließend.

Dr. Ulrich Kirsch

Geschäftsführer Kommunikation

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