Best Practice aus der hessischen M+E-Industrie / Nachhaltigkeit als Erfolgsfaktor

„Die Transformation ist im vollen Gang. Jetzt gilt es, first mover zu sein, also als erster mit neuen, klimafreundlichen Technologien und Maßnahmen auf den Markt zu kommen und sich so Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Klimaneutralität ist machbar und ist ein Wachstumsmarkt für Deutschland und die EU.“

Alix Chambris, Vice President Global Public Affairs and Sustainability, Generalbevollmächtigte der Viessmann Group in Brüssel

Frau Chambris, was haben Sie gelernt aus der Pandemiekrise? Was nehmen Sie mit?

Ich nehme zwei Sachen aus der Pandemie mit: Vertrauen und Motivation.

Erstens, ich nehme ein unheimliches Vertrauen in unsere Viessmann Familie mit. Und auch  in unsere Gesellschaft allgemein. Eine Krise zeigt; wer wir wirklich sind. Bei Viessmann habe ich eine wahnsinnige Solidarität gesehen. Das macht mich zuversichtlich; dass wir auch die nächste Krise, die Klimakrise, gestalten können.
So haben wir zum Beispiel Lüftungsanlagen für Klassenräume entwickelt und Schulen damit ausgestattet. Teile der Produktion wurden in unglaublicher Geschwindigkeit umgestellt. Wir haben Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel hergestellt. Sogar mobile Versorgungsstationen haben wir entwickelt. Und gemeinsam mit Experten von der Universitätsklinik Marburg wurden Beatmungsgeräte gebaut. Vor wenigen Wochen erst haben wir 20 davon nach Indien geschickt und die Geräte gespendet. Die unglaubliche Solidarität in dieser Zeit hat uns alle beeindruckt und einmal mehr gezeigt: Unser Purpose, unser Engagement für Umwelt und Gesellschaft, ist nicht nur Worte, sondern wird bei uns wirklich gelebt.

Zweitens, ich nehme eine wahnsinnige Motivation mit, die Wärmewende und Gebäudewende voranzutreiben.

In der Pandemie hat Wärme an Bedeutung gewonnen. Wärme, d. h. Raumkomfort und Zugang zu heißem Wasser, unterstützt das Wohlbefinden und den psychologischen Komfort von Menschen - gerade in einer Zeit, in der sie zu Hause bleiben mussten. Virologen weisen auch auf die Bedeutung eines starken Immunsystems hin, das durch eine gute Raumtemperatur und Lüftung unterstützt wird. Die Wärme- und Gebäudewende macht Immobilien fit für die Energiewende, erhöht ihre Werthaltigkeit und verbessert das Wohlbefinden von Menschen.

Deshalb haben wir intensiv mit der EU und deutschen Entscheidungsträgern über Konjunkturprogramme gesprochen. Wir haben dafür plädiert dass Konjunkturprogramme die Wärme- und Gebäudewenden priorisieren. Damit schaffen wir Wachstum und Arbeitsplätze und wir investieren in die Zukunft, also in Klimaschutz!
Das Thema gehört inzwischen zu den TOP 5 in der Prioritätenliste des EU-Konjunkturprogramms,. 37 Prozent der Investitionen aus dem 750 Milliarden Euro-schweren EU Paket (der sogenannte NextGenerationEU recovery Plan) sollen in Klimaschutz-Massnahmen gehen, etwa 20 Prozent in die Digitalisierung. Das Geld wird gut angelegt sein, im Wärmemarkt löst jeder Fördereuro das Sechs- bis Achtfache an Investitionen über die Wertschöpfungskette aus und generiert etwa 1,17 EUR Rückfluss in öffentliche Haushalte und Sozialkassen.

Nach anderthalb Jahren Monothema Pandemie kehrt die Öffentlichkeit zurück zu anderen Themen, auch zum aufgefrischten Monothema Klimawandel. Wie kann Deutschland ein klimafreundliches Industrieland werden, oder bleiben?

Man kann klimafreundlich sein und gleichzeitig die Industrie in Deutschland stärken, ja sogar einen Wettbewerbsvorteil schaffen. Klar ist, es gibt kein „business as usual“ mehr. Schon mehr als 130 Länder der Welt haben sich zu Klimaneutralität verpflichtet, fast die ganze Welt hat das Pariser Klimaabkommen unterschrieben. Die Transformation ist im vollen Gang. Jetzt gilt es, first mover zu sein, also als erster mit neuen, klimafreundlichen Technologien und Maßnahmen auf den Markt zu kommen und sich so Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Klimaneutralität ist machbar und ist ein Wachstumsmarkt für Deutschland und die EU.

Wir brauchen aber auch verlässliche Rahmenbedingungen, nicht zuletzt in rechtlicher Hinsicht. Wir brauchen neue Technologien und Innovationen und wir brauchen die Akzeptanz von der Bevölkerung. Ein richtiger Schritt ist das am 14. Juli von der EU-Kommission in Brüssel veröffentlichte Fit-for-55-Programm. Das mehrere tausend Seiten starke Gesetzespaket soll zeigen, dass Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit miteinander vereinbar sind. Betroffen sind die Wirtschaftssektoren Klima, Energie und Kraftstoffe, Verkehr, Gebäude, Landnutzung und Forstwirtschaft.

Der Treibhausgasausstoß innerhalb der Mitgliedsstaaten soll durch das Paket um 55 Prozent gesenkt werden im Vergleich zu 1990 bis zum Jahr 2030. Auch Treibhausgasneutralität will die EU bis 2050 erreichen und sich weltweit als Vorreiter für Klimafragen positionieren. Unter anderem wird der Emissionshandel ausgeweitet, aber auch verschärft. Denn auch Importeure aus Drittstaaten sollen zukünftig einen CO2-Preis zahlen, zum Beispiel für den Import von Stahl oder Eisen. Die Einnahmen aus dem Emissionshandel sollen teilweise in Sozialfonds fließen. Auch die Einführung erneuerbarer Kraftstoffe, zum Beispiel von Wasserstoff will die EU fördern. Bis Ende des Jahres werden noch weitere Vorschläge zur Dekarbonisierung des Gasbinnenmarktes und des Gebäudesektor folgen.

Bei Viessmann ist Nachhaltigkeit Teil der Unter­nehmens-DNA .Das  Familienunternehmen in dritter Generation bekennt sich zur gesellschaftlichen Verantwortung und zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen. Bereits seit 1966 ist das Thema bei Viessmann im Markenkern verankert. Seitdem engagieren wir uns besonders zur Lösung zentraler Fragestellungen der Energiewende. 2009 haben wir das erste Mal den deutschen Nachhaltigkeitspreis gewonnen, der erste von mehreren. Mit unserem Leuchtturmprojekt „Effizienz Plus“ haben wir am Stammsitz in Allendorf/Eder den Verbrauch fossiler Energie um 66 Prozent senken können und der CO2-Ausstoß verringerte sich um 80 Prozent. Mit der Einführung von Lean Production sind wir am Standort produktiver und wettbewerbsfähiger geworden und konnten enorm Ressourcen sparen. Mit einem ganzheitlichen Energiekonzept konnten wir Arbeitsplätze sichern und bereits seit 2012 die energiepolitischen Ziele der Bundesregierung für 2050 erreichen. Es geht so vieles, aber man muss es auch wirklich wollen.

Wie hilft Ihnen dabei eine KI als Automation von selbstlernenden Maschinen? Wie hilft Ihnen die Digitalisierung insgesamt?

Die Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit sind ganz eng verbunden mit der Digitalisierung. Sie wird uns helfen, einen Großteil der Probleme zu lösen. Das zeigt die Erfahrung, die wir bei Viessmann bereits sammeln konnten. Wir setzen bei Viessmann auf KI insbesondere dann, wenn es um das Sammeln und Analysieren von Daten geht, die innerhalb des Unter­nehmens zum Beispiel in der Produktion generiert werden. Diese Daten helfen uns, Prozesse zu optimieren, produktiver zu werden, Ressourcen und nicht zuletzt auch Energie effektiver zu nutzen.

Letztlich ist eine KI für uns aber nur eine von vielen Digitaltechnologien, die wir anwenden. Und wir wenden wirklich viel davon an. Im Unter­nehmen, aber natürlich auch in unseren Produkten, die zunehmend vernetzt sind und auch intelligent werden. Eine Wohnung muss nicht mehr den ganzen Tag mollig warm sein, nur weil Winter ist. Moderne Systeme lassen sich perfekt auf den Nutzer einstellen, damit die Wärme dann da ist, wenn auch jemand in der Wohnung ist. Ist niemand zu Hause, tun es auch deutlich niedrigere Temperaturen. Auch Tiefkühlsysteme lassen sich über eine KI energieeffizient steuern, weil Lebensmittel auch ein Speicherpotenzial haben. Das mehrmalige Abschalten des Geräts im Verlauf eines Tages für wenige Sekunden oder Minuten würde Flexibilität schaffen, ohne dass die tiefgekühlten Lebensmittel Schaden nehmen. Und Flexibilität, d.h. das hin und her schieben von Energieverbrauch um die Stabilität der Netze zu sichern, ist das was wir bei einer immer volatiler werdenden Energieversorgung – also Wind und Solarenergie – benötigen:

De-Carbonisierung und Digitalisierung sind nur zwei der aktuellen 4D-Megatrends. Auch Dezentralisierung und Demographie sind unumgänglich mit dem Klimawandel verbunden und spielen zum Beispiel eine zentrale Rolle bei der Entwicklung zukünftiger Energiesysteme im mobilen und stationären Bereich. In der Energiewende ist aktuell die Dezentralisierung ein Riesenthema. In Zukunft wird es immer mehr kleinere Energieerzeuger geben, die unterschiedliche Mengen an Energie ins Netz einspeisen und auch abrufen, andere mitversorgen und vieles mehr. Der „einfache“ Abnehmer von Energie wandelt sich immer mehr zu einem wirklichen Nutzer, der entscheidet, was er wann will und braucht. Die Blockchain-Technologie erlaubt inzwischen viel präzisere Abrechnungen, als es bisher möglich war und deshalb nehmen auch neue Ideen, die man früher vielleicht schnell verworfen hat, Gestalt an. Die Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung, und ja, auch die KI eröffnen, sind so gigantisch, dass man das manchmal alles gar nicht umreissen kann. Wir stehen erst am Anfang beim Entdecken der Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung und KI eröffnen. Aber klar ist: Mit ihrer Hilfe können wir die Klimaziele erreichen. Wir sind auf einer Reise und die ist wirklich spannend.

Wo sehen Sie bei all dem die größte Herausforderung?

Es muss uns gelingen, die Menschen auf diese Reise mitzunehmen. Empowerment ist gefragt. Wir brauchen die Akzeptanz für neue Technologien und die damit verbundenen Veränderungen und diese Veränderungen müssen sozialverträglich sein. D.h. Energie muss bezahlbar bleiben, und die Wende soll Fortschritte für die Menschen bringen. Ein positives Beispiel : Eine optimale Lüftung und Raumtemperatur fördern die kognitiven Leistungen. Also ein Win-Win für die Umwelt und für die Menschen. So stärken wir die Akzeptanz für die Wende.

Solche Dinge muss man transparent machen, damit die Menschen der Digitalisierung nicht mit Angst begegnen, sondern die immensen Chancen sehen, z. B. im Hinblick auf Ressourcenschonung und Klimaschutz, Arbeit und Mobilität, Gesundheit und Wohlbefinden.'

Wer offen ist und sich auf Veränderungen einlässt, braucht keine Angst vor Arbeitslosigkeit zu haben. Im Gegenteil. Der Fachkräftemangel ist in unserer Branche, der Energie- und Wärmebranche, im Moment ein drängendes Thema. Das Durchschnittsalter der Gas-, Wasser- und Heizungs-Installateure im Handwerk liegt in Deutschland aktuell bei über 50 Jahren. Das Recruiting neuer Generationen ist das Riesenthema bei uns. Und da nur etwa 22 Prozent der Beschäftigten in unserer Branche Frauen sind, arbeiten wir aktiv daran, Frauen gezielter anzusprechen und bei ihnen für die Berufe in unserer Branche zu werben.Frauen schienen in vielerlei Hinsicht der Schlüssel für die Zukunft zu sein. Am 26. August war die erste G20-Konferenz zur Stärkung der Rolle der Frau in der italienischen Hafenstadt Santa Margherita Ligure. Viessmann ist das einzige Unter­nehmen aus der Energie- Branche, das daran teilgenommen hat und wir sind eines von 15 Unter­nehmen, die in der Business Advisory Group zu den Schlussfolgerungen der G20-Konferenz beigetragen haben. Eine der zentralen Aussagen dort war ganz klar: Wir müssen women empowerment in der ganzen Welt über Bildung und Aufklärung pushen, um die Klimaziele erreichen zu können.  Aber letztlich gilt das für Frauen und Männer.

Über Viessmann

Viessmann hat sich seit der Gründung 1917 in vier Generationen vom Heizungshersteller zum Lösungsanbieter für den kompletten Lebensraum gewandelt. Mit aktuell fast 13.000 Beschäftigten weltweit und 22 Produktionsgesellschaften in zwölf Ländern lag der Gruppenumsatz zuletzt bei mehr als 2,8 Milliarden Euro. Über 54% des Umsatzes wird außerhalb Deutschlands generiert. Das ‘Integrierte Viessmann Lösungsangebot’ ermöglicht es, Produkte und Systeme über digitale Plattformen und Services für Klima- (Wärme, Kälte & Luftqualität) und Kühllösungen nahtlos miteinander zu verbinden.

Zur Person
Alix Chambris ist gebürtige Französin und seit Januar 2019 Generalbevollmächtigte / Vice President Global Public Affairs and Sustainability bei Viessmann. Zuvor war sie unter anderem Präsidentin von EuroACE, der EU Verband für Energieeffizienz in Gebäude, Referentin bei der EU und Public Affairs Manager bei Michelin und danach bei Danfoss. Sie studierte unter anderem Volkswirtschaft, Germanistik sowie internationale Beziehungen und hat mehrere Masterabschlüsse u.a. an der Universität Straßburg, Tübingen und am College of Europe in Natolin (Warschau).