Herbst-Wirtschaftsumfrage 2016 Südhessen

Verhalten optimistische Konjunkturerwartung // Industrie 4.0 als Wachstumsmotor

Der ungedeckte Fachkräftebedarf, hohe Lohnstückkosten, eine volatile Auslandsnachfrage und fehlende Reformen bremsen Investitionen aus.


Stellten die Herbstwirtschaftsumfrage der Bezirksgruppe Darmstadt und Südhessen von HessenMetall vor (v.l.n.r.): Ulrich Schumacher, Vorsitzender des Vorstandes, Achim Kopp, Vorstandsmitglied, und Wolfgang Drechsler, Geschäftsführer.

Darmstadt. „Die Mehrheit unserer Betriebe erwartet ein leicht positives Wachstum. Aktuell sehen wir fünf große Herausforderungen: die fortschreitende Digitalisierung der Arbeitswelt, die unbeständigen politischen Gegebenheiten auf europäischer und globaler Ebene, bürokratische Belastungen, Gefährdung des freien Warenverkehrs und die noch nicht bewältigte Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt“, sagte Ulrich Schumacher, Vorsitzender des Vorstandes der Bezirksgruppe Darmstadt und Südhessen von HESSENMETALL, bei der Vorstellung der diesjährigen Herbst-Wirtschaftsumfrage am 1. Dezember 2016 im Haus der Wirtschaft Südhessen in Darmstadt.

Die seit 1989 jährlich durchgeführte Umfrage unter Geschäftsführern südhessischer Metall- und Elektrounternehmen erfasst die aktuelle Geschäfts- und Beschäftigungslage, fragt aber gleichzeitig auch nach den Erwartungen für das nächste Halbjahr. In diesem Jahr beteiligten sich 51 von 124 südhessischen M+E-Unternehmen an der Umfrage (41 Prozent). Bei ihnen sind rund 29.150 Mitarbeiter tätig - und damit über 83 Prozent aller Beschäftigten in der südhessischen Metall- und Elektroindustrie.

Geschäftslage und -erwartungen

Die aktuelle Geschäftslage ist gut: Über 53 Prozent der befragten Unternehmen beurteilen ihre Geschäftslage als sehr gut oder gut, weitere 43 Prozent der Unternehmen sind zufrieden bzw. sehen zumindest keine Veränderungen im Vergleich zum Frühjahr. Nur rund vier Prozent der befragten Unternehmen haben ihre allgemeine Geschäftslage als schlecht beurteilt. Für das kommende Halbjahr rechnet die Mehrzahl der Unternehmen (67 Prozent) weiterhin mit einer vergleichbaren Lage, 29 Prozent sogar mit einer Verbesserung, jedoch sechs Prozent hingegen mit einer Verschlechterung.

Bei den Auftragsbeständen haben die meisten Unternehmen noch Luft nach oben: Nur 25 Prozent der Unternehmen haben derzeit einen verhältnismäßig großen Auftragsbestand. Knapp 59 Prozent der Unternehmen empfinden hingegen ihre Auftragsbestände als ausreichend. Unzufrieden mit ihren Auftragsbeständen sind 16 Prozent. Im nächsten Halbjahr rechnen 39 Prozent der Unternehmen mit mehr Aufträgen und 51 Prozent mit einer unveränderten Auftragslage. 10 Prozent geht von einer Verschlechterung der Auftragsbestände aus.

Zur Ertragsentwicklung: 74 Prozent rechnen in den kommenden sechs Monaten mit einem gleich bleibenden Ertrag, 18 Prozent mit einem steigenden Ertrag und acht Prozent mit einem fallenden Ertrag. Die Umsatzentwicklung ist beständig: 45 Prozent der Unternehmen verzeichnen derzeit einen vergleichbaren Umsatz gegenüber dem Frühjahr, 41 Prozent sogar mehr Umsatz. 47 Prozent erwarten auch im kommenden Halbjahr vergleichbare Umsätze, 43 Prozent sogar mehr Umsatz und 10 Prozent rechnen mit einem Minus. Zu den Investitionen: Rund 45 Prozent der Unternehmen investieren aktuell genauso viel wie im Frühjahr, 41 Prozent sogar mehr. Bei den Investitionen liegen derzeit Ersatzinvestitionen (37 Prozent) vor Rationalisierungsinvestitionen (22 Prozent) sowie der beschäftigungswirksamen Erweiterung (17 Prozent). Der Anteil der Auslandsinvestitionen an den Gesamtinvestitionen beläuft sich derzeit auf fünf Prozent. Investiert wird vor allem im Euroraum (54 Prozent) und in Asien (29 Prozent) sowie, mit großem Abstand auf Platz drei, in Nordamerika (8 Prozent).

Der Exportanteil der Unternehmen beträgt aktuell 36 Prozent. Die Länder des Euroraums liegen mit
51 Prozent klar vor Asien (18 Prozent), Nordamerika (16 Prozent) und dem übrigen Europa (13 Prozent). Für 82 Prozent der Unternehmen ist der Exportwert im Vergleich zum Frühjahr unverändert, bei weiteren 16 Prozent ist er gestiegen. Auch künftig wird der Exportanteil bei den meisten eher gleich bleiben (65 Prozent), bei weiteren 28 Prozent allerdings auch steigen.

Beschäftigungslage und -erwartungen

Die Beschäftigtenzahlen stiegen im Vergleich zum Frühjahr um 372 (1,1 Prozent). Vor allem in der Produktion (50 Prozent), in der Forschung und Entwicklung (23 Prozent) und in der Verwaltung (11 Prozent) stiegen die Beschäftigtenzahlen in den vergangenen Monaten. Für das nächste Halbjahr rechnen die Unternehmen nicht nur in der Produktion (52 Prozent) sowie in der Forschung und Entwicklung (22 Prozent), sondern auch im Vertrieb/ Marketing (11 Prozent) und der Verwaltung (8 Prozent) mit einer Zunahme der Beschäftigtenzahlen. Von den 29.150 Beschäftigten sind 1.797 Beschäftigte (sechs Prozent) Zeitarbeiter.

Aktuelle Frage: Investitionsaktivitäten

Die aktuelle Stimmung und die unklaren politischen Rahmenbedingungen zeigen sich auch bei der Kapazitätsauslastung von Maschinen und Anlagen. Ein Großteil der geplanten Investitionen entfällt auf Maschinen und Gerätschaften (44 Prozent), Sonstiges, wie z.B. F&E-Investitionen, (23 Prozent) und Bauten (31 Prozent).

Zu den von den Unternehmen immer wieder kritisierten politischen Hemmnissen gehören Mängel im Bildungssystem (28 Prozent), hohe Unternehmensabgaben (23 Prozent) und Regulierungen (16 Prozent). Aber auch Standortprobleme durch hohe Energiekosten (19 Prozent) und eine rückständige Infrastruktur (6 Prozent) sind Hemmnisse für ein nachhaltiges Investitionsklima.

Als Reaktion auf die bestehenden Hemmnisse planen die Unternehmen interne strukturelle Anpassungen (36 Prozent), Investitionen im Ausland zur Kostensenkung (25 Prozent) sowie Investitionen im Ausland zur Absatzsteigerung und Investitionen in andere Unternehmen, wie Zulieferer zu jeweils 14 Prozent.

Hilfreich für die Unternehmen und ein wertvolles Signal zur Stärkung der Standortqualität wäre es, wenn die Potenziale der Industrie 4.0 durch einen flächendeckenden Breitbandanschluss erschlossen (46 Prozent) und die steuerliche Forschungsförderung verbessert werden (25 Prozent). 16 Prozent befürworten eine Verbesserung des Freihandels.

Stimmen aus der südhessischen Wirtschaft

„Die Industrie hat in Deutschland, im Vergleich zu vielen anderen Ländern, einen hohen Stellenwert. Produkte und Dienstleistungen „made in Germany“ sind weltweit gefragt. Aber nicht mehr Preis, Qualität und Service, sondern Schnelligkeit und Flexibilität sind heute geschäftsentscheidend. Als starkes Handelshemmnis entpuppt sich die andauernde Volatilität aufgrund weltweit zunehmender instabiler politischer Strukturen.

Die damit einhergehenden Unsicherheiten und protektionistischen Tendenzen belasten zunehmend den deutschen Export und damit auch die volkswirtschaftliche Gesamtentwicklung des Landes. Insbesondere die Europäische Union und Deutschland profitieren seit Jahren vom internationalen Freihandel“, sagte Oliver Stein, CEO der Donges SteelTec GmbH in Darmstadt. Diese Zusammenhänge zu erklären, müsse vordringlichstes Kommunikationsziel von Politik und Wirtschaft sein.

Des Weiteren sei für die Unternehmen bedeutsam, verstärkt an der Effizienz ihrer Wirtschaftsprozesse sowie an ihrer Innovations- und Zukunftsfähigkeit zu arbeiten, so Ulrich Schumacher, Personalvorstand der ADAM Opel AG. Gerade beim Thema „Industrie 4.0“ sehe er viel Verbesserungspotential für den Industriestandort Deutschland. Benötigt werden mehr gut qualifizierte Mitarbeiter und zusätzliche steuerliche Investitionsanreize. Unverzichtbar seien auch eine konsequente und schnelle Umsetzung der Digitalen Agenda und eine Stärkung der digitalen Bildung im Schulalltag. Eine internationale Arbeitswelt mit weltweiten Verbünden brauche auch neue Formen der Arbeitszeitflexibilisierung und zukunftsorientierte Modelle etwa zum mobilen Arbeiten.

Hier dürfe nicht der Anschluss verpasst werden, ergänzte Stein. Moderne und wettbewerbsfähige deutsche Industriebetriebe können wegweisende und anspruchsvolle Aufträge realisieren, wie beispielsweise die Planung, Fertigung und Montage der Stahlkonstruktionen für die ARIANE 6-Startanlagen am ESA Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana durch Donges SteelTec.

„Gerade die Chancen und Perspektiven von Arbeit 4.0 müssen wir nutzen und in Produktion, Distribution und Weiterbildung der Mitarbeiter investieren. Dies stärkt unsere Zukunftsfähigkeit und lässt uns national und international konkurrenzfähig bleiben", sagte Achim Kopp, Geschäftsführer Kopp Schleiftechnik GmbH. Für ihn seien Mitarbeiterentwicklung, wertschätzender Umgang und Nachhaltigkeit wesentliche Merkmale der Unternehmenskultur. „Wir konnten unseren Firmensitz in Lindenfels-Winterkasten aufgrund der hervorragenden Infrastruktur, insbesondere im Hinblick auf den Breitbandanschluss, belassen. Das dort errichtete neue Firmengebäude mit einer Investition von sechs Millionen Euro ist ganz auf Energieeffizienz ausgerichtet, sodass die Energie für Heizung und Kühlung zu 75 Prozent aus Wärmerückgewinnung stammt. Der Rest wird über Wärmepumpen gewonnen. Diese Innovationskraft im Zuge der Umgestaltung der Energieträger zeichnet die deutsche Wirtschaft aus. Hier sehe ich jedoch noch kein Ende der Entwicklung – ganz im Gegenteil“, sagte Achim Kopp.

Mit Blick auf die anstehende Bundestagswahl und die derzeitigen gesetzgeberischen Vorhaben im Bereich Arbeit, Arbeitszeit und Rente sagte Wolfgang Drechsler, Geschäftsführer der Bezirksgruppe Darmstadt und Südhessen von HESSENMETALL: „Angesichts der unsicheren Wirtschaftsentwicklung, der Novellierung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes und der Pläne, die Rentenlast durch Werksrenten auf die Unternehmer abzuwälzen, sollten die deutschen Politiker auch mit Blick auf die Bewältigung der Flüchtlingsströme mit Augenmaß und Realismus den Bundestagswahlkampf führen. Ein Überbietungswettbewerb an sozialstaatlichen Wohltaten und Populismus ist jedenfalls völlig verfehlt."

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