Gute Konjunktur und positive Aussichten bei Herbstumfrage 2017 der M+E-Industrie // Industrie steht vor großem Strukturwandel

Wachstum und Wettbewerb brauchen mehr Arbeitszeitflexibilität und große Investitionen // Tarifrunde 2018 - JA für angemessene Beteiligung, aber NEIN für 28 Stundenwoche mit Entgeltausgleich ohne geleistete Arbeit

„Die gute Konjunktur spiegelt sich aktuell bei der Mehrheit der südhessischen Metall- und Elektro-Mitgliedsunternehmen in deren positiv bewerteten allgemeinen Geschäftslage und dem erfreulichen Ertragsniveau. Über das solide Wirtschaftswachstum mit den für das nächste Halbjahr prognostizierten konstanten Auftragsbeständen freuen wir uns. Aber unsere Metall- und Elektro-Unternehmen müssen gewaltige Herausforderungen eines Strukturwandels stemmen: die digitale Transformation, die Umstellung auf neue Antriebe wie Elektromobilität und eine wachsende Dienstleistungsintensität, die unsere Industrie auf Jahre beschäftigen werden. Diese Anstrengungen erfordern erhebliche, die Zukunft sichernde Investitionen. Wenn wir wollen, dass diese Investitionen nicht in ausländische, sondern in unsere heimischen Standorte fließen, dann dürfen wir unsere zukünftige Wettbewerbsfähigkeit vor Ort nicht durch unvernünftige Kostensteigerungen gefährden.
Hierfür sind die Forderungen der IG Metall nach einer 28 Stundenwoche mit einem Entgeltanspruch für nicht geleistete Arbeit wirklichkeitsfremd. Sie wirken wie eine Stilllegungsprämie für Fachkräfte und dies bei einem schon jetzt kaum zu übersehenden Fachkräftemangel“, sagte Oliver Stein, stellvertretender Vorsitzender der Bezirksgruppe Darmstadt und Südhessen von HESSENMETALL am 30. November bei der Vorstellung der Herbstwirtschaftsumfrage im Haus der Wirtschaft, Südhessen.

Die seit 1989 jährlich durchgeführte Umfrage unter Geschäftsführern südhessischer Metall- und Elektrounternehmen fragt nach der aktuellen Geschäfts-, Ertrags-, und Beschäftigungslage in den Mitgliedsunternehmen und nach den Erwartungen für das nächste Halbjahr. 53 von 125 südhessischen M+E-Unternehmen beteiligten sich an der aktuellen Umfrage. Sie repräsentieren 31.656 Mitarbeiter - 90 Prozent aller Beschäftigten in der südhessischen M+E-Industrie.

Geschäftslage und Erwartungen:

Die aktuelle Geschäftslage ist gut: 69 Prozent der Befragten beurteilen ihre gesamtwirtschaftliche Situation als sehr gut oder gut. 24 Prozent der Befragten sind zufrieden oder sehen ihre Lage als unverändert an. Lediglich 5 Prozent aller Geschäftsführer beurteilen ihre momentane wirtschaftliche Situation als schlecht.
Die Mehrheit von 73 Prozent der Befragten geht in den nächsten 6 Monaten von einer vergleichbaren Geschäftslage aus, 18 Prozent erwarten sogar eine Verbesserung.

Bei den Auftragsbeständen zeigt sich ein gemischtes Umfragebild. Während die Mehrheit von 58 Prozent der Befragten diese als verhältnismäßig groß bewertet, bezeichnen 30 Prozent der CEOs diese als nur ausreichend und 11 Prozent als zu gering.

Das momentane Ertragsniveau bezeichnet 40 Prozent der Unternehmen als befriedigend und 42 Prozent als gut. Ein knappes Fünftel indessen als unbefriedigend.

Zwei Drittel der Befragten sehen die eigene Umsatzentwicklung als gut an, ca. ein Viertel als befriedigend.

Das aktuelle Investitionsniveau bewerten rund 50 Prozent der Befragten als ausreichend und rund 35 Prozent als verhältnismäßig hoch.
Besonders im Focus stehen die Ersatzinvestitionen (36 Prozent) gefolgt von Produktinvestitionen (17 Prozent) und Mitarbeiterqualifikation (14 Prozent).
Auf die Auslandsinvestitionen entfallen 13 Prozent.

Das Exportniveau wird mehrheitlich als ausreichend (50 Prozent) bewertet, teilweise sogar überdurchschnittlich (31 Prozent). Fast zwei Drittel der Befragten sieht in den kommenden sechs Monaten kaum eine Veränderung bei der aktuellen Exportnachfrage.
Die Exportschwerpunkte liegen in Europa (61 Prozent, davon 43 Prozent im Euroraum) gefolgt von Asien 20 Prozent und Nordamerika 15 Prozent.

Beschäftigungslage:

Die Beschäftigungslage ist gut. Aktuell sind in den befragten Betrieben 31.656 Mitarbeiter und zusätzlich 2.366 Zeitarbeitnehmer (7 Prozent) beschäftigt.

Für das nächste Halbjahr wird nach Einschätzung der Befragten die Zahl der Beschäftigten um 1 Prozent (305) und bei den Zeitarbeitnehmern um 34 Prozent (810) sinken. Davon besonders betroffen ist der Bereich Produktion (43 Prozent), gefolgt von Forschung und Entwicklung (23 Prozent) sowie Vertrieb/Marketing (16 Prozent).

Aktuelle Frage zur digitalen Transformation:

Die Digitalisierung ist in der M+E-Industrie angekommen. Über eine eigene Digitalisierungs-strategie berichten 43 Prozent. Der Digitalisierungsanteil bei den Endprodukten liegt bei 31 Prozent. Selbstlernende Maschinen kommen bei den befragten Unternehmen inzwischen bei 20 Prozent und künstliche Intelligenz bei 9 Prozent im Produktionsprozess zum Einsatz.

Unterschiedlich wirkt sich die Digitalisierung auf die Geschäftsmodelle der Betriebe aus. Einen besonderen Einfluss erwarten 28 Prozent für die Individualisierung der Produkte nach Kundenwunsch, weitere 23 Prozent bei der Entwicklung zum umfassenden Dienstleistungsanbieter und 19 Prozent für die Verringerung von Losgrößen in der
Produktion. 17 Prozent prognostizieren keinen Einfluss.

Auf den besonderen Stellenwert der IT-Sicherheit verweisen 88 Prozent der Betriebe.
Bei den Erwartungen an die Politik votieren bei den Kategorien ‚sehr wichtig‘ und ‚wichtig‘ insgesamt 93 Prozent für ein zukunftsfähiges Arbeitszeitrecht, 90 Prozent für Augenmaß beim Beschäftigtendatenschutz, 89 Prozent für einen Ausbau der Breitbandnetze und 74 Prozent für eine Förderung der digitalen Bildung.

Stimmen aus der südhessischen M+E-Industrie:

„Auch wenn die aktuelle wirtschaftliche Gesamtlage positiv ist, darf der Industriestandort Deutschland nicht den Anschluss im internationalen Wettbewerb verpassen. Notwendige Rahmenbedingungen und Strukturmaßnahmen wie eine nachhaltige und bezahlbare Energieversorgung, der konsequente Eintritt für Freihandel und Bürokratieabbau sowie eine Deckelung der Sozialabgaben bei 40 Prozent sind Schlüsselelemente für ein nachhaltiges und substantielles Investitionsklima in der Region. Spitzentechnologie ‚Made in Germany‘ muss auch weiterhin auf den internationalen Absatzmärkten innovativ und wettbewerbsfähig bleiben“, sagte Gottlieb Hupfer, Geschäftsführer der AP System Engineering GmbH in Babenhausen und Vorstandsmitglied der Bezirksgruppe Darmstadt und Südhessen von HESSENMETALL.

Mit Blick auf die Gespräche zur Regierungsbildung auf Bundesebene und die hessische Landtagswahl im kommenden Jahr sagte Dr. Albrecht Hallbauer, Geschäftsführer der Samoa-Hallbauer GmbH in Viernheim und Ehrenvorsitzender des Vorstands der Bezirksgruppe Darmstadt und Südhessen: „Digitalisierung und Globalisierung brauchen mutige und durchsetzungsfähige politische Institutionen, die nicht länger der vernetzten Arbeitswelt 4.0 hinterherhinken. Gesetzliche Novellierungen in der nächsten Legislaturperiode, ganz besonders bei Arbeit, Steuern, soziale Sicherheit und Bildung, sind die Grundlage für Innovationskraft, Produktivität und Zukunftsfähigkeit. Dabei geht es auch um große betriebliche Investitionen, die angetrieben durch die Digitalisierung für die Qualifizierung von Mitarbeitern, aber auch für neue Maschinen und Geschäftsmodelle benötigt werden. Deshalb müssen wir mit Blick auf ‚new work' und die Wünsche unserer Mitarbeiter und die der weltweiten Kunden die richtige Balance für Flexibilität und Entgelt finden."

„Dabei wirkt das Arbeitszeitgesetz aus dem letzten Jahrhundert wie eine festgezurrte Bremse für die Arbeitswelt und die Transformationsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft. Es muss uns gelingen, diese Fesseln unserer Wirtschaftswelt zukunftsorientiert zu lösen: Dazu müssen wir das Arbeitszeitgesetz so öffnen, dass das Volumen der Arbeitszeit flexibel innerhalb einer Woche verteilt werden kann. Investitionen in digitale Bildung und in den Ausbau von Breitbandnetzen müssen beschleunigt werden. Das würde die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie 4.0 in Deutschland stärken und auch den Erhalt und den Aufbau der Arbeitsplätze in Südhessen fördern. Neben diesen Anforderungen gilt es auch die übrige Flexibilität im Arbeitsrecht, wie zum Beispiel die sachgrundlose Befristungsmöglichkeit, vor den derzeit wahrnehmbaren Begehrlichkeiten der Politik zu bewahren“, sagte Dirk Widuch, Geschäftsführer der Bezirksgruppe Darmstadt und Südhessen von HESSENMETALL.

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