Interview zum HESSENFORUM 2022

„Ideen-, Wissens- und Technologietransfer (WTT) sind unsere Kern-Mission. Deshalb gründeten wir das House of Science and Transfer, kurz HoST. Dort  wollen wir Ideen, Wissen und Technologien aus der Frankfurt UAS leichter in die Praxis bringen und gleichzeitig Ideen, Wissen und Impulse aus der Praxis aufnehmen. Wir adressieren das HoST als einen Ort partizipativen Transfers, denn Transfer geht nur gemeinsam.“ Prof Dr. Frank E.P. Dievernich,  Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS)

Die Frankfurt UAS als Netzwerk Technologietransfer

Herr Professor Dievernich, Anfang 2021 haben Sie die Kooperationsvereinbarung mit HESSEN­METALL unterzeichnet. Welchen Einfluss hat so eine Partnerschaft auf die Innovationskraft und was erwarten Sie im Hinblick darauf von KMUs, die von dieser Partnerschaft ja besonders profitieren sollen?

Solche Innovations-Partnerschaften dienen zunächst einmal dazu, unkompliziert in den direkten Kontakt und den Austausch zu kommen mit Hochschulen oder Universitäten für angewandte Wissenschaften wie wir es sind. Viele Unter­nehmen, vor allem KMUs, wissen leider oft gar nicht, wie leicht das ist und dadurch verpassen sie sehr viele Chancen. Als Mitglied im Arbeitskreis Hochschulen und Wirtschaft von BDA und BDI sowie der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) stelle ich das leider immer wieder fest. Gerade für kleine und mittelständische Unter­nehmen ist so ein Kontakt aber wichtig, weil sie in der Regel keine eigenen klassischen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen haben, wie wir sie aus großen Firmen kennen. Also bieten wir uns als eine Art verlängerte Werkbank im Sinne von Innovations- und Produktions-Forschung an, um gemeinsam anwendungsorientierte Forschung und Entwicklungsarbeit zu betreiben.

Ideen-, Wissens- und Technologietransfer (WTT) sind unsere Kernmission. Deshalb haben wir am 26. April in der Nähe unseres Campus Nibelungenplatz das House of Science and Transfer, kurz HoST, eröffnet. Hier wollen wir Forschende für die interdisziplinäre Zusammenarbeit zusammenführen. Wir wollen Ideen, Wissen und Technologien aus der Frankfurt UAS leichter in die Praxis bringen und gleichzeitig Ideen, Wissen und Impulse aus der Praxis aufnehmen. Wir adressieren das HoST als einen Ort partizipativen Transfers, denn Transfer geht nur gemeinsam. Forschungsanfragen sollen im HoST in Projekte münden, bei denen gemeinsam an einer Thematik gearbeitet wird. Und natürlich gibt es hier auch Raum für Unter­nehmensgründungen. Kurzum: Dieses Haus ist eine Einladung und wir sagen: „Liebe Unter­nehmen, hier sind wir mit unseren unterschiedlichen Forschungsrichtungen. Wie können wir helfen?“

Und Sie gehen sogar noch einen Schritt weiter und bieten den Unter­nehmen auch Weiterbildung an?

Ja, denn wissenschaftliche Weiterbildung ist eine logische Konsequenz, wenn wir über Wissenstransfer reden. Innovationen bedeuten immer auch Veränderungen, egal ob es um neue Technologien geht, um daraus resultierende Geschäftsmodelle oder auch um neue Arbeitsorganisationen. Wir können gut unterstützen von Digitalisierung und Industrie 4.0 bis hin zur Fragestellung, wie die Industrie durch technische Lösungen bei der Zukunft des Alterns helfen kann. Wir sind stark in Ingenieurwissenschaften und in Sozialwissenschaften, forschen in diesen Bereichen auch fächerübergreifend. Daraus können Schulungen resultieren, aber auch Inhouse-Seminare. Wir denken auch über Zertifizierungen nach und – salopp gesagt – ein Weiterbildungs-Punktesystem. Das alles ist ein Köder, der dem Fisch und dem Angler schmeckt. Denn aus der Anknüpfung über ein Weiterbildungs-Angebot können sich ja auch eine Forschungsanfrage und schließlich ein gemeinsames Forschungs- und Entwicklungsprojekt entwickeln.

Die Klassiker sind daneben auch in Zukunft die Abschlussarbeiten unserer Studierenden in Unter­nehmen oder auch die Anstellung von Firmenmitarbeitenden als Lehrbeauftragte. Spannende Unter­nehmen können bei uns gerne ihre Praxisbeispiele zeigen und so in die Lehre eingehen. Gerade die letztgenannten Punkte gibt es wirklich schon lange. Allein der Fachbereich Wirtschaft und Recht hat bei uns über 1000 Praxiskontakte, die Ingenieurwissenschaften noch viel mehr.

Im Übrigen: Dank jener guten Kontakte konnten wir sogar während der Pandemie die Praxisanteile im Semester weiterhin abbilden und zumindest einige unsere Studierenden ihre Praktika absolvieren. Zusammengefasst: Mit den neuen Angeboten wollen wir noch attraktiver sein für die Unter­nehmen.

Dazu gehört übrigens auch unser Projekt „Raus aus der Hochschule!“, das mir sehr wichtig ist. Warum nicht mal mit einem Unter­nehmen vor Ort über Industrie 4.0 reden, über Augmented Reality oder über remote-basierte Geschäftsmodelle. Gerade in diesem Bereich haben wir ganz aktuell starke Forschungsprojekte, die sich mit den Möglichkeiten von AR-gestützten Dienstleistungen beschäftigen, die gerade bei KMU auf besonderes Interesse stoßen, weil in diesem Bereich mit verhältnismäßig geringen Investitionen erste Schritte in Richtung Industrie 4.0 und Smart Services gegangen werden können. Über die Kooperation mit dem Kreis Offenbach bieten wir einmal pro Woche im Kreishaus in Dietzenbach eine Sprechstunde an, mit gutem Erfolg. Manchmal muss man so niederschwellig einsteigen, um Hürden zu überwinden. Auch haben wir unter anderem eine Förderanlage im House of Logistics and Mobility, dem HOLM. Dort können wir zeigen, wie Industrie 4.0 funktioniert und was das bedeutet. Die Beantwortung von Fragen wie „Ist das was für mich?“, „Löst das meine Probleme?“ oder „Wie kann ich das finanzieren?“ sind für uns dann oft ein guter Einstieg.

In welchen Bereichen sind Sie besonders stark. Bei welchem Thema oder welchen Themenblöcken muss man unbedingt zur Frankfurt UAS?

Wir haben einen der größten Fachbereiche Deutschlands im Bereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Das ist für die Unter­nehmen von HESSEN­METALL nicht so relevant, bekommt aber Gewicht durch die Interdisziplinarität, mit der wir hier an die Dinge herangehen. Wir sind führend, wenn es um die Zukunft des Alterns und in diesem Zusammenhang auch um die Zukunft des Wohnens geht. Technik und neue Technologien spielen da eine große Rolle. Forschungs- und Projektarbeiten werden nie eindimensional betrachtet, sondern wir lassen auch Demographie, Ethik, Nachhaltigkeit oder den Klimaschutz mit einfließen. Wenn es etwa um den Einsatz von Robotern in der Pflege geht, brauchen wir technische Lösungen und müssen natürlich auch ethische Fragen klären. Arbeiten wir am Wohnen der Zukunft, tun sich bei uns Architekten, Ingenieurinnen und Ingenieure, IT-ler/-innen und auch Sozialwissenschaftler/-innen zusammen. Wir haben eine Musterwohnung aufgebaut, die immer wieder aktualisiert wird über die Implementierung neu entwickelter Technologien. Vieles funktioniert dort schon per Knopfdruck, um das Leben leichter zu machen. So haben wir u.a. ein mobiles Display entwickelt, das sich bei Anrufen selbstständig einschaltet und zum beispielsweise körperlich beeinträchtigten Bewohner fährt. Viele verlieren leider im Alter die Fähigkeit, mit technischen Geräten umzugehen. Das kann man mit Technologie auffangen. An solchen Lösungen arbeiten wir und dafür brauchen wir Entwicklungspartner aus der Praxis. An die 20.000 Besucher/-innen haben sich unsere Musterwohnung schon angeschaut.

Wir sind stark in Ingenieurwissenschaften und Architektur. Auch hier wird interdisziplinär gearbeitet. So unterstützen Bauingenieurinnen und -ingenieure sowie Materialwissenschaftler/-innen die Architektinnen und Architekten, damit deren Ideen auch umgesetzt werden können. Geodatenmanager/-innen berechnen, wo und wie bei einem Gebäude Solaranlagen Sinn machen. Besonders spannend ist der Projektbereich Textile Architektur. Ziel ist es, durch Leichtbau den Mix von unterschiedlichen Textilien, Schäumen und anderen Materialien ressourcenschonend und im Idealfall klimaneutral zu bauen. Dann wird Beton auch schon mal gewickelt und nicht gegossen, weil das Endprodukt deutlich leichter wird. Oder es entstehen ganz neue Fassaden, die im Winter die Kälte dämmen und im Sommer die Kühle im Raum bewahren. Im Fachbereich Informatik und Ingenieurswissenschaften wird wiederum im Bereich Telekommunikationswissenschaften zu 5G und alternativen Kommunikationsmöglichkeiten bei einem Netzwerkausfall im Katastrophenfall geforscht. Das Spektrum unserer Forschung ist auch hier sehr breit.

Und wir sind sehr stark, wenn es um das Thema Logistik und Mobilität geht. Unser House of Logistics and Mobility (HOLM) hatte ich schon kurz erwähnt. Mit Continental haben wir autonom fahrende Shuttlebusse realisiert, erprobten schon besonders leise Müllfahrzeuge und vieles mehr. Logistik ist in Kombination mit der Digitalisierung ein besonders spannendes Thema, das wir vorantreiben. Das gilt natürlich auch für nachhaltige Mobilität der Zukunft, beispielsweise mit Nutzer- und Umfeldanalysen von Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge in Parkhäusern und den entsprechenden Pilotprojekten.

Die Arbeitswelt wandelt sich. Zukünftig wird es nebeneinander die völlig unterschiedlichen Welten der Büromenschen geben, die Zeit- und sogar örtliche Souveränität gepachtet haben, und der Menschen, die genau definiert Tag für Tag am gleichen Ort zur gleichen Zeit arbeiten. Ist auch das ein Thema an der Frankfurt UAS?

Ja und Nein. Wir beschäftigen uns damit, wie sich Menschen verändern und was das für Unter­nehmen bedeutet, nicht zuletzt, wenn es um Führung geht. Die Arbeitswelten verändern sich, die Belegschaften verändern sich und werden diverser – besonders bei international aufgestellten Firmen. Auch die Ansprüche verändern sich und Arbeit hat bei Jüngeren einen anderen Stellenwert als bei Älteren. Führung in der Zukunft und Mixed Leadership sind bei uns bereits seit Jahren Forschungsthema inkl. einem eigenem Studiengang. Seit etwa drei Jahren bieten wir dazu auch Weiterbildung an. Wir haben dafür eine eigene Akademie gegründet, die u.a. von der Lufthansa unterstützt wird. Auch das gehört zu unseren Spezialitäten: Die Fragen zur Führung der Zukunft und im digitalen Zeitalter.

Wie motivieren Sie Ihre Studierenden zu Gründung und Unternehmertum? Wie bringen Sie Innovationen – so wie im hessischen Hochschulpakt vorgesehen – in den unternehmerischen Kontext?

Wir wollen beim Themenfeld Entrepreneurship deutlich zulegen und zu einem wichtigen Profilmerkmal der Hochschule ausbauen. Im eingangs erwähnten House of Science and Transfer schaffen wir eine Gründeratmosphäre mit Co-Working Spaces für Studierende und Räumen für Start-ups. Jedes Jahr organisieren wir Ideenwettbewerbe und richten den Gründerempfang der Stadt Frankfurt aus, bei dem Studierende ihre Arbeiten mit Gründungspotenzial präsentieren. Hinzu kommt die Kooperation mit Wirtschaftspartnern, mit den Business Angels als Verein und unserem Institut für das Themenfeld Entrepreneurship. Gründer-Beratung gibt es schon lange bei uns, aber wir wollen das deutlicher systematisieren. Inzwischen haben wir auch einen Studiengang Entrepreneurship. In den kommenden Monaten werden wir vier zusätzliche Professuren im Bereich Entrepreneurship ausschreiben und so den Geist des Unternehmertums in die Lehre aller Fachbereiche einbringen. Wir wollen dazu motivieren, auch scheinbar ungewöhnlichen Ideen, die durch den interdisziplinären Ansatz aufkommen, Raum zu geben. Kurz: Wir wollen Mut machen zur Selbstständigkeit.

Zur Person:
Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich


Geboren 1970 in Frankfurt. Ausbildung zum Industriekaufmann und Trainee bei BMW in München. Studium der Betriebswirtschaftslehre sowie Soziologie, Arbeits- und Organisationspsychologie und Erwachsenenpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Promotion 2001 an der Universität Witten/Herdecke im Bereich Wirtschaftswissenschaften. Nach verschiedenen Tätigkeiten u.a. bei der Deutschen Bahn und der Kienbaum Managementberatung erfolgte 2009 der Wechsel in Lehre und Forschung (Professuren an der Berner Fachhochschule Wirtschaft, Gesundheit, Soziale Arbeit sowie der Hochschule Luzern). Seit 2014 Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences sowie Vorsitzender der Hessischen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW Hessen). Autor vielfältiger Beiträge zu Management, Organisation und Gesellschaft.
 

Zur Hochschule

Die Frankfurt University of Applied Sciences zählt aktuell 650 Mitarbeitende und 310 Lehrende an 63 Instituten, wissenschaftlichen Einrichtungen und Forschungsbereichen. Rund 15.500 Studierende aus über 100 Nationen nutzen die Angebote der vier Fachbereichen und aktuell 72 Studiengängen. Starke Forschungsschwerpunkte sind Care, Gesundheit und Diversität; Digitalisierung und Informations-/Kommunikationstechnologie sowie Mobilität und Logistik. Die Frankfurt UAS ist Gründungsmitglied des Konsortiums Hochschulen in europäischen Metropolregionen („U!REKA“) und verfügt in forschungsstarken Bereichen über das Promotionsrecht.